Musiala spielt für DFB-Elf: "Entscheidung fühlt sich 100 Prozent richtig an"

FCB-Spieler Jamal Musiala

Ausnahmetalent entscheidet sich für deutsche Nationalmannschaft

Musiala spielt für DFB-Elf: "Entscheidung fühlt sich 100 Prozent richtig an"

Jamal Musiala spielt künftig für Deutschland. Im Exklusiv-Interview mit der Sportschau spricht das Ausnahmetalent vom FC Bayern über die Gründe für seine Entscheidung, sein Gespräch mit Bundestrainer Löw und zwei Herzen in seiner Brust.

Sportschau: Herr Musiala, Ihre Entscheidung ist gefallen, der Adler auf der Brust, statt den drei Löwen soll es also sein. Was hat am Ende den Ausschlag für die deutsche Nationalmannschaft gegeben?

"Können uns glücklich schätzen" - Löw über Musialas Entscheidung Sportschau 24.02.2021 02:09 Min. Verfügbar bis 24.02.2022 Das Erste

Jamal Musiala: Ich habe ein Herz für Deutschland und ein Herz für England. Beide Herzen werden auch weiterhin schlagen. Ich habe sehr viel über diese Frage nachgedacht. Am Ende habe ich auf mein Gefühl gehört, dass es die richtige Entscheidung ist für Deutschland zu spielen. Trotzdem war es am Ende keine ganz so einfache Entscheidung für mich.

Sportschau: Diese innere Zerrissenheit bzw. das Gefühl, dass man die Kultur und somit auch letztlich die Werte von zwei Nationalitäten in sich trägt, bringt ja allein die Tatsache mit, dass Sie als Siebenjähriger nach England gezogen sind und dort dann auch knapp neun Jahre gelebt haben.

Jamal Musiala (l.) im Chelsea-Trikot (U13) beim Spiel gegen Barcelona

Jamal Musiala (l.) im Chelsea-Trikot (U13) beim Spiel gegen Barcelona

Musiala: Deutschland ist das Land, in dem ich geboren wurde und in dem ich angefangen habe Fußball zu spielen, aber in England bin ich aufgewachsen und habe dort immer noch viele Freunde. Ich hatte in London eine tolle Schulzeit und eine sehr erfolgreiche Zeit bei Chelsea. Die typisch britischen Werte in Schule und Sport haben mich geprägt, auch fußballerisch. In England wird in der Ausbildung viel Wert auf Technik gelegt. Und darauf, frei zu spielen. Das hat mein Spiel schon beeinflusst. Ich kann ganz klar sagen, der Spieler der ich heute bin, wäre ich nicht ohne meine Zeit in England geworden. Speziell wenn man über Jahre mit seinen englischen Freunden und Teammates gemeinsam durch viele Höhen und Tiefen geht, prägt das einfach. Auch zwischenmenschlich.

"Diese Entscheidung fühlt sich 100 Prozent richtig an"

Sportschau: Sie sprechen ja sehr positiv über Ihre Zeit in England. Wie war das denn in England eigentlich generell - waren Sie dort der Deutsche im Team?

Musiala: (lacht) Vor allem am Anfang hat man natürlich an meinem Akzent gehört, dass ich aus Deutschland komme. Da kam schon mal ein Spruch, aber immer im Spaß. Jetzt hört man ja eher meinen englischen Akzent, wenn ich Deutsch spreche (schmunzelt). Ich habe einfach zwei Kulturen in mir vereint und zwei Herzen schlagen in meiner Brust.   

Sportschau: Und am Ende fiel ihre Wahl dann doch auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Musiala: Am Ende habe ich einfach auf mein Gefühl gehört. Und diese Entscheidung fühlt sich nun auch 100 Prozent richtig an.

Sportschau: Das heißt diese für Sie ja durchaus wichtige, weil zukunftsweisende Entscheidung, wurde am Ende intuitiv, quasi aus dem Bauch heraus entschieden?

Musiala: Es ist ein Gefühl, auf das ich gehört habe. Ein Gefühl, das sich richtig anfühlt, aber auch Zeit gebraucht hat zu entstehen. Ich glaube, jeder kennt das bei wohlüberlegten Entscheidungen.

Sportschau: Ohne Ihren Wechsel zum FC Bayern wäre das Thema, für welche Nationalmannschaft Sie eines Tages spielen, vermutlich aber nie aufgekommen, oder?

Jamal Musiala am Ball

Jamal Musiala im Trikot des FC Bayern

Musiala: Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich habe nach meinen acht Jahren beim FC Chelsea mit dem FC Bayern eine neue Chance wahrgenommen. Eine Chance in Deutschland, in meinem Geburtsland, für den aktuell besten Verein der Welt, mit vielen Nationalspielern auf höchstem Niveau, Fußball spielen zu dürfen und habe so auch wieder eine Verbindung nach Deutschland bekommen. Ich habe hier schnell eine sehr große Wertschätzung, Vertrauen und die Unterstützung meiner Mitspieler und vor allem meines Coaches erhalten. Besonders hat mich gefreut, dass ich hier ermutigt wurde so zu spielen, wie ich mich wohlfühle und meine Stärken einzubringen: zu dribbeln, ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Das hat natürlich auch dazu beigetragen, dass sich dieses gute Gefühl bei mir entwickeln konnte.

"Herr Löw hat mir einen sehr klaren Weg aufgezeigt"

Sportschau: Inwieweit haben auch sportliche Überlegungen bei Ihrer Entscheidung eine Rolle gespielt? Beide Nationen haben sich stark ins Zeug gelegt, um Sie auch sportlich zu überzeugen. Bundestrainer Joachim Löw höchstpersönlich hat sich mit Ihnen getroffen, um Sie zu überzeugen. Hatte auch dieses Gespräch Einfluss auf Ihre Entscheidung?

Musiala: Ich hatte ein sehr gutes und ehrliches Gespräch mit Joachim Löw. Wir haben uns persönlich in München getroffen. Herr Löw hat mir bei diesem Treffen einen sehr klaren Weg für mich in der Nationalmannschaft aufgezeigt. Herr Löw und auch Herr Bierhoff waren sehr interessiert an meiner Person, wollten meine Beweggründe und meine Motivation verstehen und mich als Menschen kennenlernen. Ich war beeindruckt, wie informiert die beiden waren. Herr Löw hat meinen Spielstil sowie meine Stärken und Schwächen sehr gut und klar rausgearbeitet und analysiert. Er sieht mich in Zukunft zudem auch auf meiner stärksten Position im offensiven Mittelfeld und schätzt dort meine Qualitäten. Von daher würde ich definitiv sagen, dass Herr Löw, Herr Bierhoff aber auch Hansi Flick und meine Mitspieler beim FC Bayern einen positiven Anteil an meiner Entscheidung hatten.

Musiala entscheidet sich für deutsche Nationalmannschaft

Sportschau 24.02.2021 01:01 Min. Verfügbar bis 24.02.2022 ARD Von Philipp Nagel


Sportschau: Sie sagen es. Nicht nur Bundestrainer Löw hat sich um sie bemüht, sondern auch Ihre Teamkollegen beim FC Bayern haben mächtig die Nationalmannschafts-Werbetrommel gerührt, wer von Ihren FCB-Teamkollegen war besonders hartnäckig?

Musiala: Ich war sehr beeindruckt, als ich gelesen habe, dass sich Serge Gnabry, Manuel Neuer und Joshua Kimmich öffentlich so sehr für mich stark gemacht haben und so positiv über mich gesprochen haben. Ich habe einen riesigen Respekt vor ihren Leistungen beim FC Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft und vor ihnen als Persönlichkeiten. Manuel ist unser Kapitän beim FC Bayern und der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft. Ich kann jeden Tag so unglaublich viel von dem ganzen Team lernen. Joshua, Thomas (Müller), Lewy (Robert Lewandowski) und alle anderen haben mich super in der Mannschaft aufgenommen und haben mir meinen Start bei den Profis so viel leichter gemacht. Ich muss hier aber auch sagen, dass mich mein Trainer Hansi Flick immer wieder ermutigt hat meine eigene Entscheidung zu treffen und ich jederzeit mit ihm über das Thema Nationalmannschaft sprechen konnte. Das hat mir auch wieder gezeigt, dass ich aktuell einfach am richtigen Ort und im richtigen Team bin.

Sportschau: Haben Sie diese Entscheidung eigentlich als zu frühen Druck empfunden, mit anderen Worten: Hätten sie vielleicht noch lieber etwas gewartet?

Musiala: Ich bin jetzt sehr froh, dass die Entscheidung gefallen ist. Es war für mich eine Gefühlsentscheidung und egal wann ich mich hätte entscheiden müssen, leicht wäre es nie gewesen. Es ist eine große Ehre, dass zwei solche Fußballnationen so von mir überzeugt sind. Jetzt freue ich mich einfach auf alles was kommt.

"In München sind die Menschen langsamer unterwegs als in London"

Sportschau: Ist die Europameisterschaft im Sommer ein Ziel von Ihnen? Die Gruppenspiele finden ja aller Voraussicht in Ihrem Wohnzimmer in der Münchener Arena statt.

Musiala: Eine EM in München zu spielen wäre natürlich ein großer Traum und ich werde alles dafür tun, um mich durch gute Leistungen in der Rückrunde dafür zu empfehlen. Zudem sind die WM 2022 und die EM 2024 in Deutschland natürlich ganz klare Ziele von mir, bei denen ich unbedingt dabei sein möchte. Für einen Fußballer gibt es doch nichts Größeres als diese Turniere. Schon als Kind habe ich davon geträumt, eine EM und natürlich auch eine WM zu spielen.

Sportschau: Ihre letzten zwölf Monate verliefen wie im Rausch, wie oft lagen sie nachts wach im Bett und haben gehofft, dass das alles nicht bloß ein Traum ist?

Musiala trifft im November 2020 für die englische U21-Mannschaft gegen Albanien

Im November 2020 war Musiala noch Torschütze für die englische U21 gegen Albanien

Musiala: Oh ja, auf jeden Fall. Sehr oft sogar. Manchmal habe ich die Augen zu gemacht und musste mir erst einmal bewusst machen, dass all das, was gerade passiert, meine neue Realität ist. Das, was jetzt Wirklichkeit ist, war so lange ein Traum, der mich motiviert hat seitdem ich fünf Jahre alt war, ob in Fulda beim TSV Lehnerz oder in England bei Chelsea. Ich mache daher täglich im Training alles dafür, um weitere Träume und Ziele zu realisieren. 

Sportschau: Abschließend. Was sagen Sie zu ihrem Leben in München und in Deutschland? Inwieweit unterscheidet es sich zu einer Weltmetropole wie London?

Musiala: Ich muss erst mal sagen, dass ich mich in München richtig wohl fühle. Beide Städte haben ihre Vorzüge und sind, wenn man ehrlich ist, grundverschieden. London ist für mich eine Stadt, die sehr vielseitig und unvorhersehbar ist. Es ist immer was los. Es ist wie eine Abenteuerreise. London hat für mich etwas Magisches. München dagegen ist anders. Ruhiger, entspannter, herzlicher.

Die ersten Eindrücke die ich von München hatte waren, dass zum Beispiel die Menschen viel langsamer unterwegs sind. Die Stadt strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus. Dadurch wirken auch die Menschen sehr ausgeglichen und freundlich. Ich bin auch gleich etwas langsamer gelaufen und grüßte fremde Menschen mit Servus. Diese Ausgeglichenheit ist wohl ansteckend. Der Münchner Vibe passt sehr gut zu meinem Gemüt. 

Das Interview führte Philipp Nagel.

Stand: 24.02.2021, 10:15

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