European Championships "Dann bin ich geplatzt" - Zeidlers unerfüllter Ruder-Traum

Stand: 14.08.2022 18:38 Uhr

Die kitschigste Geschichte der European Championships 2022 bleibt ungeschrieben: Der Ruderer Oliver Zeidler verpasst den Titel bei den European Championships 2022 – 50 Jahre nach dem Olympia-Gold seines Großvaters in München. Es ist das bittere Ende einer ohnehin schwachen EM-Vorstellung der Ruderer.

Von Johannes Kirchmeier, München-Oberschleißheim

Am Ende war da diese erstaunliche Ruhe an der Ruderregattastrecke im Norden Münchens. Nur noch ein geringer Teil der Zuschauer schrie um 14.10 Uhr den Lokalmatadoren Oliver Zeidler nach vorne. Der Rest merkte schon, dass im Endspurt nichts mehr ging für den 26-Jährigen. Dem noch 500 Meter vor dem Ende führenden deutschen Einer-Ruderer Zeidler ging die Puste aus, er trieb gerade so noch ins Ziel und musste die drei stärksten Konkurrenten allesamt ziehen lassen.

Platz vier statt Medaillenjubel

Statt des erwarteten großen schwarz-rot-goldenen Party-Nachmittags in Oberschleißheim stürzte der Held im Münchner Norden überraschend: Oliver Zeidler wurde nur Vierter bei der Ruder-EM im Rahmen der European Championships 2022 in München. "1.600 bis 1.700 Meter war es genau das Rennen, das ich mir vorgenommen habe. Dann bin ich geplatzt", sagte er der Sportschau.

Der Oberbayer, ein Botschafter des Multisport-Events in seiner Heimat, hat damit seinen großen Traum verpasst: 50 Jahre, nachdem sein Opa in München Olympiasieger wurde, wollte er sich zum Europameister auf seiner Heim-Regattastrecke krönen. Das blieb ihm nun verwehrt. Es gewann stattdessen der Niederländer Melvin Twellar vor dem griechischen Olympiasieger Stefanos Ntouskous und Kristian Vasilev aus Bulgarien.

Alexandra Föster ruderte am Schlusstag der EM mit einem famosen Schlussspurt auf das Siegertreppchen. Oliver Zeidler dagegen brach im Einer bei den European Championships völlig ein.

Noch Minuten später verharrte Zeidler völlig ausgepumpt und gedankenversunken in seinem Boot, die Füße im Wasser, und ließ sich Richtung der Bootshäuser am Ende der Regattastrecke treiben. Seine Cap hatte er bereits abgenommen. Er hatte sich mit seinem Zwischenspurt nach 1.000 Metern bei leichtem Gegenwind wohl übernommen.

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Kein Happy End für Ruderfamilie Zeidler/Färber

Die kitschigste Geschichte dieser European Championships bleibt damit ungeschrieben. Die Multi-EM steht ja im Zeichen der Olympischen Spiele 1972. Gold gewann damals Hans-Johann Färber, Oliver Zeidlers Opa. Auch er war Ruderer, nur: Er gewann am 2. September 1972 auf der seinerzeit noch nigelnagelneuen Regattastrecke Oberschleißheim im Vierer mit Steuermann, dem so genannten "Bullenvierer". "Das ist natürlich bitter", sagte Färber zur Vorstellung des Enkels.

Probleme mit dem Wind - wie bei Olympia

Er war, bewaffnet mit seiner Stoppuhr, an der Strecke und sagte vor dem Rennen noch über Zeidler: "Ich habe heute Morgen gesehen, dass er ganz gut drauf ist. Ich hoffe, dass das so bleibt." Er fand aber auch: "Der Einer ist immer eine große Wundertüte." Die zweite Einschätzung stellte sich dann als richtig ein. "Die Böen", die am Ende in die Regattastrecke zogen, haben Zeidler das Leben zu schwer gemacht. Da kommen Erinnerungen an Olympia in Tokio vor einem Jahr hoch, als der Weltmeister Zeidler wegen einer Böe überraschend im Halbfinale ausschied.

Der Präsident des Deutschen Ruderverbandes Moritz Petri zieht im Sportschau-Interview Bilanz der EM in München.

Anfangs sah es noch gut aus. Nach 50 Sekunden übernahm Zeidler die Führung und war lange gemeinsam beziehungsweise knapp hinter Nouskous ganz vorne. Die Anfeuerungsrufe wurden dann noch einmal lauter, als Oliver Zeidler seinen Turbo kurz nach der Mitte des Rennes zündete. Doch beim Finish fehlte Zeidler dann das "Stehvermögen", wie er sagte.

Ein Rennen wie einst 1972

Beim Großvater war es vor 50 Jahren übrigens kein ganz viel anderes Rennen als nun am Sonntag. Es war eines der großen BRD-DDR-Duelle der Olympischen Spiele 1972. Anfangs führte die DDR, Färbers Vierer zog dann nach einem überragenden Zwischenspurt von der 900-Meter-Marke an erst vorbei und dann weit weg. Zum Ziel holte die DDR zwar auf, anders als Zeidlers Konkurrenz konnte sie das damals neue Kunststoffboot der BRD aber nicht einholen.

Vom VW Bulli zum E-SUV

Damals verfolgten für die TV-Übertragung VW Bullis mit offenen Seitentüren und dahinter riesigen Kameras samt Kameramann die Sportler neben der Regattastrecke. Und nun? Fahren E-SUV mit fest installierten und aus der Ferne gesteuerten Kameras auf dem Dach über die Teerstraße neben der Regattastrecke.

EM-Pleite bei der WM "geraderücken"

Färber war es, der den Blick schon Minuten nach dem Rennende schnell nach vorne richtete: "Das Leben geht ja trotzdem weiter. Das nächste Ziel ist nicht weit weg. Da könnte er es wieder geraderücken." Bei der Weltmeisterschaft im September in Racice u Steti in Tschechien soll Zeidler nun eben den WM-Titel verteidigen.

"Am Stehvermögen auf den letzten 200 Metern", will er bis dahin vor allem arbeiten. Doch erst müsse er regenerieren. Noch immer war er ausgepumpt, ihm war etwas schwindlig, als er das im Medienbereich eine Stunde nach dem Rennen sagte. Zeidler saß dabei auf dem Boden.