Biathlon

Hildebrands Olympia-Traum geplatzt: "Einfach nur enttäuscht"

Stand: 21.01.2022, 08:00 Uhr

Biathletin Franziska Hildebrand hat sich in dieser Saison nach 21 Monaten im zweitklassigen IBU-Cup zurück in den Weltcup gekämpft. Unverhofft wurde sie sogar noch zu einer Kandidatin für Olympia. Doch formale Hindernisse standen diesem sportlichen Traum im Weg.

Von Uri Zahavi

"Dazu sage ich gar nichts", platzt es aus Franziska Hildebrand heraus. Es ist ihre Antwort auf die Frage nach der Nominierung des Biathlonkaders für die Olympischen Spiele in Peking. Ihr Name findet sich nicht auf der fünf Athletinnen umfassenden Liste.

Zwar sind ihre Augen hinter einer großen, verspiegelten Sonnenbrille verborgen, der Rest ihres Gesichts reicht jedoch, um zu erahnen, wie es in der 34-Jährigen aussieht. Am Rande des Trainings im Antholzer Biathlonstadion sagt sie lediglich noch kurz: "Ich bin einfach nur enttäuscht."

"Hatte das Gefühl, dass ich schon abgeschrieben wurde"

Dass Freud und Leid sehr nah beieinanderliegen können, zeigt der Fall Franziska Hildebrands in aller Härte. Die zweimalige Weltmeisterin war vor knapp zwei Jahren von der großen Biathlon-Bühne verschwunden. Sie kämpfte im zweitklassigen IBU-Cup um ihre Form und um eine Chance. Zugetraut wurde ihr wenig.

"Natürlich hatte ich das Gefühl, dass ich schon abgeschrieben wurde", erzählt Hildebrand. In ihrer Stimme schwingt unüberhörbar Wut mit. "Damit umzugehen, muss ich sagen, war das allerschwierigste dabei. Wenn man merkt, dass hier ein bisschen die Unterstützung wegbricht und da die Unterstützung wegbricht. Dann steht man teilweise so ein bisschen alleine da und weiß gar nicht: 'Ok, wo packe ich es jetzt eigentlich an?'"

Biathlon: Olympia-Nominierungsdebatte um Franziska Hildebrand Sportschau 21.01.2022 02:07 Min. Verfügbar bis 21.01.2023 ARD Von Thomas Kunze

Der Glaube an die eigenen Stärken 

Mit der Hilfe ihrer Familie und enger Vertrauter blieb Franziska Hildebrand trotz aller Widrigkeiten dran, verlor weder Arbeitseifer noch den Glauben an ihre Fähigkeiten. "Mit meiner Trainingsgruppe in Ruhpolding hat es sehr gut funktioniert. Und wir haben das Trainingssystem wieder umgestellt, es ist jetzt wieder so, wie ich es von früher kannte. Baustein für Baustein habe ich mich dann wieder wohler gefühlt."

Dieser Umstand führte dazu, dass die erfahrene Athletin mit guten Ergebnissen im IBU-Cup zu Saisonbeginn auf sich aufmerksam machte. Nach Siegen in Sprint und Verfolgung zum Auftakt im schwedischen Idre wurde die zweimalige Olympiateilnehmerin sogar wieder zur Kandidatin für den Weltcup-Kader.

Chance bekommen, Chance genutzt

Als Anna Weidel beim dritten Saison-Weltcup in Hochfilzen krankheitsbedingt ausfiel, war es soweit. Franziska Hildebrand gab ihr Comeback im Oberhaus des Biathlons. "Ich muss sagen, ich bin erstmal froh, dass ich die Leistung jetzt wieder so zeigen konnte. Auch für mich selbst, denn das ist mein Anspruch. Es ist schön wenn ich merke, dass ich langsam wieder konkurrenzfähig bin", freute sich die 34-Jährige.

Ihre Konkurrenzfähigkeit in der Weltspitze lässt sich mit Zahlen und Platzierungen belegen. Während sie im österreichischen Hochfilzen in der Verfolgung bereits mit dem 21. Platz aufhorchen ließ, lief es in der Folge noch besser. Mit einem 17. Platz im Sprint und einem 20. Platz in der Verfolgung verpasste sie im Januar in Ruhpolding die vorgegebene Olympia-Teilnorm nur knapp.

Ihre Formkurve zeigte weiter nach oben - gekrönt von einer überzeugenden und am Schießstand fehlerfreien Vorstellung in der Staffel. Nach dem Heimweltcup in Bayern sprach also vieles für eine Olympia-Nominierung Hildebrands als fünfte deutsche Starterin, also Ersatzläuferin, für Peking.

Franziska Hildebrand: "Da ist ein bisschen viel auf mich eingeprasselt" Sportschau 21.01.2022 01:09 Min. Verfügbar bis 21.01.2023 Das Erste

Das Nominierungsverfahren sorgt für Frust

Doch es kam anders. Und das liegt am Nominierungsverfahren des Deutschen Olympischen Sportbundes. "Die Kriterien für eine Olympia-Nominierung des DOSB sind klar", sagt Bernd Eisenbichler, sportlicher Leiter der DSV-Biathleten.

Sie lauten wie folgt: Die deutschen Skijägerinnen und Skijäger müssen für die Olympianorm im Weltcup zweimal unter die besten 15 oder einmal unter die besten acht gekommen sein. Wer nur einmal zwischen dem neunten und dem 15. Platz ins Ziel kommt, erfüllt die sogenannte Teilnorm. Soweit, so nachvollziehbar.

"Müssen das nun akzeptieren"

Nur diese Teilnorm berechtigt dazu, in Antholz, beim letzten Weltcup vor den Olympischen Spielen, ein weiteres Mal um die Olympia-Teilnahme zu laufen. Da Hildebrand diese Teilnorm fehlte, sind die Rennen in Südtirol für sie nicht mehr nominierungsrelevant.

"Franziska Hildebrand hat die Teilnorm leider mehrfach knapp verpasst", konstatiert Eisenbichler. "Wir hätten den Einzel von Antholz aber gerne noch in die Bewertung reingenommen und dann erst nominiert", führt der Sportdirektor fort. "Wir haben Sonderanträge gestellt, mit vielen Analysen. Aber wir müssen das nun akzeptieren. Das ist aus sportlicher Sicht natürlich ein bisschen schade."  

Weidel bekommt Platz im Olympiakader

Als fünfte deutsche Biathletin fährt Anna Weidel nach China. Die 25-Jährige hatte im ersten Saisonrennen im schwedischen Östersund einen neunten Platz im Einzel erreicht - und somit die Teilnorm geknackt. Auch im darauffolgenden Sprint zeigte sie mit einem 16. Platz eine ansprechende Leistung. Im Anschluss fiel die Bayerin jedoch krankheitsbedingt aus. Bei ihren wenigen anschließenden Saisoneinsätzen sprang nie mehr als ein 52. Platz heraus. 

Doch da Weidel die Teilnorm bereits erfüllt hat, darf sie statt der deutlich formstärkeren Hildebrand trotzdem mit nach Peking. Es gilt also das Motto: Norm vor Form.

Diskussion über Nominierungsverfahren

Kritisiert den DOSB: Bernd Eisenbichler, sportlicher Leiter der deutschen Biathleten. | Bildquelle: Hendrik Schmidt/dpa

"Ich wünsche mir nach dem Fall von Franziska Hildebrand natürlich eine Diskussion über das Nominierungsverfahren", resümiert Bernd Eisenbichler. "Wenn die Kernmannschaft steht (die besten vier Athletinnen, Anm. d. Red.), sollten wir bei der fünften oder sechsten Athletin noch über die Norm diskutieren können. Es soll alles fair bleiben und auch durch Gremien durchgehen, aber ich denke, die sportfachliche Expertise sollte da noch eine größere Rolle spielen."

Eisenbichler betont, dass das Zusammenspiel zwischen dem Deutschen Skiverband und dem Deutschen Olympischen Sportbund "gut funktioniere" und "niemand einen Fehler gemacht habe". Nichtsdestotrotz offenbart der Fall von Franziska Hildebrand nun Defizite im Nominierungssystem, über die in Zukunft zu reden sein wird.