Der deutsche Speerwerfer Julian Weber
analyse

Busemanns EM-Orakel Wurf Weber und Ogunleye können in Rom triumphieren

Stand: 06.06.2024 11:12 Uhr

Im Speerwurf kann Julian Weber bei der Leichtathletik-EM in Rom die Medaillenränge ins Visier nehmen, im Kugelstoßen gilt das für Yemisi Ogunleye. Und Diskuswerferin Claudine Vita könnte eine Überraschung gelingen. ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann mit seinen Wurf-Einschätzungen.

Kugelstoß

Italienischer Doppelerfolg so gut wie sicher

Das wird ein Fest. Für die Italiener. Leonardo Fabbri macht den Ryan Crouser auf europäisch und dreht alles in Grund und Boden. Er wird gewinnen. Bleibt nur die Frage, ob er die 23 Meter knackt. Mit Zane Weir wird es einen italienischen Doppelerfolg geben. Wie sollen die frenetisch feiernden Tifosi das bloß aushalten?

Im Fahrwasser der guten Stimmung kann Silas Ristl erste internationale Erfahrung sammeln. Er sicherte sich das Last-Minute-Ticket mit 20,25 m. Er wird jeden Moment im Stadion genießen und dieses gute Gefühl auf Weite ummünzen wollen. Für ihn ist die Qualifikation mit höchster Konzentration anzugehen.

Frank Busemann, Leichtathletik-Experte bei der Sportschau

ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann.

Hat Yemisi Ogunleye auch den Medaillen-Dreh raus?

Bei den Frauen haben wir nach dem Karriereende von Christina Schwanitz ein wenig die Gewöhnung an Medaillen verloren, doch mit Yemisi Ogunleye kann genau das wieder zum Alltag werden. Die Hallenvizeweltmeisterin ist auf einem erstaunlichen Niveau. Die Drehstoßtechnik beherrscht sie aus dem Effeff, was sie für große Weiten prädestiniert. Und das zeigt sie immer wieder und immer gut.

So wie es momentan aussieht, ist die Frage: Gewinnt Titelverteidigerin Jessica Schilder aus den Niederlanden - oder eben Titelverteidigungsverhinderin Ogunleye? Es kann nur eine geben. Ein ganz heißer Titelkampf. Aber das kann sie. Der eine Stoß muss eben passen.

Alina Kenzel und Julia Ritter haben sich seit Jahren auf einem stabilen Niveau von 18,50 m eingefunden. Damit haben sie die Möglichkeit, um die Plätze hinter den Medaillenrängen zu konkurrieren.

Diskuswurf

Kampf der Giganten mit Alekna, Ceh und Stahl

Das Treffen der Giganten findet, wie es sich gehört, im Käfig statt. Der Weltrekordler und Titelverteidiger Mykolas Alekna gegen den Weltmeister von 2022, Kristjan Ceh, sowie gegen den Olympiasieger und Doppelweltmeister Daniel Stahl. Da müssen über 70 Meter für eine Medaille her. Alekna geht mit den Vorteilen des Selbstbewusstseins in den Ring. Ceh kann nur gewinnen, Stahl will seine Erfahrung und Ruhe ausspielen, wobei es wahrscheinlich bei ihm nur um die Bronzemedaille geht. Denn im Nacken sitzen ihm noch eine Menge überdimensionierter Drehfiligranisten.

Finale ist das Ziel für das DLV-Trio

Auf dem Meldebogen steht Mika Sosna auf Platz fünf und trumpfte bei Aleknas Weltrekord (74,35 m) mit starken 68,96 m auf. Das zeigt sein Potenzial und seine Klasse. Doch er ist jung. Und wild. Im Diskuswerfen mitunter gefährlich. Ruhe bewahren, sich nicht verrückt machen lassen, Erfahrung ohne Druck sammeln, einen raushauen, in die Top 8 kommen.

Clemens Prüfer ist schon länger dabei. Er haute das Dingen in diesem Jahr schon auf 69,09 m - das bedeutet vorerst Platz drei in der europäischen Jahresbestenliste. Was ist da los? Die Scheiben fliegen scheinbar schwerelos durch den Orbit. Und Henrik Janssen? 67,43 m! Uff. Das nimmt hartingsche Züge an. Doch Obacht, das Wiesenwerfen ist erstmal vorbei, jetzt geht's ins Olympiastadion. Und da herrschen etwas andere Gesetze. Aber die starken Männer haben Potenzial, sind gut drauf, realistisch und haben Selbstvertrauen getankt. Aber belästigen wir sie nicht mit überbordenden Erwartungen. Das Finale muss das Ziel sein. Das Finale ist das Ziel.

Vielleicht holt Vita zum großen Wurf aus

Bei den Frauen kann Deutschland mit einer Ansammlung erstklassiger Werferinnen im Topbereich angeben. Marike Steinacker trat im Mai mit einer Verbesserung auf 67,31 m aus dem Schatten von Olympia-Vizin Kristin Pudenz und der der Triple-EM-Dritten Shanice Craft. Das schürt Hoffnungen auf mehr.

Auch bei den Frauen fallen Olympianormen nach Belieben. International sind die Vertreterinnen der Gattung Scheibenschleuderitis feminalis versierter als die männlichen Pendants. Sie haben mit der ewigen Europameisterin Sandra Elkasevic, frühere Perkovic, eine Widersacherin im Feld, aus dem 14-jährige Kinder keine andere Titelträgerin kennen.

Aber auch sie wird nicht jünger - und in Rom wird die Serie reißen. Aber wer wird ihr den Titel streitig machen? Wir sind sogar so stark, dass es die Olympiazweite Pudenz nicht ins EM-Team geschafft hat. Neben den beiden oben erwähnten Craft und Steinacker kann Claudine Vita mit Erfahrung vielleicht zum großen Wurf ausholen.

Speerwurf

Weber in bestechender Form - Dehning lauert

Der Wurf schockte die Welt. Max Dehning haute zu Beginn des Jahres die Jahresweltbestleistung von 90,20 m raus. Es gibt so Tage, da hakt alles aus. Dann beginnt die Zeit, in der man sich nicht verrückt machen lassen darf. Punkt 1: Er kann es. Punkt 2: Wir dürfen das aber nicht auf jeden weiteren Wettkampf projizieren und dort von ihm erwarten. Wenn es nämlich einfach wäre, würde jeder 90 Meter weit werfen. Deshalb ist das erklärte Ziel, in die Top Acht zu kommen und stabil über 80 Meter zu werfen.

Titelverteidiger Julian Weber ist seit einigen Jahren jenseits der 85 Meter unterwegs. Er versucht auch in diesem Jahr wieder eine Medaille mit nach Hause zu nehmen, was Vize-Europameister Jakub Vadlejch zu verhindern versucht. Er weiß, wie es geht: Der Tscheche hat bisher fünf internationale Medaillen gewonnen, allerdings noch nie einen Titel. In Rom will er das endlich ändern. Doch Weber hat ihn neulich vor der EM in Schach halten können und ist in einer bestechenden Form. Wieder Weber? Die Chancen stehen gut.

Vilagos ist klare Goldfavoritin

Bei den Frauen liegt die europäische Jahresbestleistung bei 63,58 m. Die Speere fliegen seit einiger Zeit nicht mehr so gut. Vielleicht mag es auch am jugendlichen Alter der Saison liegen, aber das eröffnet ungeahnte Möglichkeiten für Newcomer und Novizen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Jahresbeste ist die erst 20-jährige Adriana Vilagos, die alle Trümpfe in der Hand hält, sich in Rom zu Europas Bester zu krönen.

Christin Hussong ist nach vielen gesundheitlichen Problemen wieder dabei. Sie wird in Rom versuchen, die 60-Meter-Marke zu übertreffen. Jana Marie Lowka wirft in diesem Jahr sehr stabil 57 bis 58 Meter weit, was mit etwas Glück den Einzug ins Finale bescheren könnte.

Hammerwurf

Volle Konzentration fürs DLV-Duo in der Qualifikation

Wer kann Seriensieger Polen stoppen? Eigentlich nur sie selbst - und das haben sie in den letzten Jahren nicht geschafft. Woyciech Konicki hat Pavel Fajdek in letzter Zeit den Rang abgelaufen. Global haute ein Kanadier im letzten Jahr einen raus, aber in Europa wird die weiß-rote Flagge auf der Ehrenrunde präsentiert.

Aus deutscher Sicht dreht es sich in diesem Jahr ganz gut. Sören Klose ist mittlerweile bei 77,49 m angekommen, er muss in der Vormittagsquali die Nerven behalten. Merlin Hummel kommt in diesem Jahr so richtig gut in Fahrt. Er gastiert mittlerweile bei über 78 Meter, was zur richtigen Zeit geworfen ein Pfund wäre. Aber auch hier gilt: Die Quali muss überstanden werden - und dann beginnt der nächste Hauptwettkampf.

Borutta kratzt an der 70-Meter-Marke

Bei den Frauen gibt es hoffentlich ein Wiedersehen mit Olympiasiegerin Anita Wlodarzyk aus Polen (ah, welches Land auch sonst?). Auch dieses Mal wird sie den Titel aber - wie vor zwei Jahren - nicht mit nach Hause nehmen. Das eröffnet ganz neue Perspektiven für alle anderen um Rumäniens Titelverteidigerin Bianca Ghelber.

Samantha Borutta kratzt 2024 an der 70-Meter-Marke und will diese am besten in der Quali übertreffen. Drei Versuche am Morgen machen dieses Unterfangen nicht einfach.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Sportschau | 07.06.2024 | 09:55 Uhr