Antonella Palmisano, Marcell Jacobs, Katarina Johnson-Thompson, Dobromir Karamarinov, Stefano Mai, Malaika Mihambo, Giamarco Tamberi, Femke Bol (v.l.)
analyse

Busemanns EM-Kolumne EM im Olympia-Jahr: Alle da, alle heiß, alles gut?

Stand: 07.06.2024 07:01 Uhr

Ist eine Leichtathletik-EM im Jahr der Ringe eigentlich eine gute Idee? Titel ist Titel und Medaille ist Medaille, meint ARD-Leichtathletik-Experte Frank Busemann in seiner EM-Kolumne.

Höhepunkt um Höhepunkt soll kreiert werden, um Gunst und Aufmerksamkeit der Zuschauer zu bekommen. Mit zunehmendem Vermarktungswahn der Verbände werden immer weitere Einnahmequellen erschlossen und so musste es zwangsläufig kommen, dass der EM-Turnus von vier auf zwei Jahre verkürzt wurde.

Da sich der Weltverband in den ungeraden Jahren etabliert hatte und die Olympischen Spiele nun mal alle vier Jahre stattfinden, war ein Kollision unvermeidlich. Seit 2012 passiert das. IN der olympischen Saison VOR den Olympischen Spielen. Die EM. Wir haben Anfang Juni.

In einer Zeit, in der normalerweise die ersten Testwettkämpfe stattgefunden haben und die Athleten langsam ins Feintuning gehen. In einer Zeit, in der Intensitäten langsam so angepasst werden, dass die Form im August schnell kommt. Im August. Und wann qualifiziert man sich eigentlich für die EM kurz hinter dem Mai?

Es wird so lang qualifiziert, bis die Richtigen dabei sind

Gefühlt zählt mittlerweile fast alles. Letztes Jahr, Halle, dieses Jahr sowieso, und dann sind da noch die Punkte. Geschickt angestellt mit ein wenig Tingelei, kann man sein Punktekonto so aufplustern, dass man ins Feld rutscht. Letztlich muss der Nationale Verband dann noch entscheiden, wer darf in die Mannschaft. Früher hieß es manchmal etwas ketzerisch, es wird so lang qualifiziert, bis die Richtigen dabei sind. Heute haben wir dafür gar keine Zeit, weil manche erst letzte Woche in die Saison oder auch erst hier in Rom einsteigen.

Die EM im Olympia-Jahr wird angenommen

So, aber wer ist denn nun dabei? Die Mannschaft des DLV ist groß und alle die gesund sind, sind dabei und vor Ort. International könnte man meinen, die Superstars der Szene konzentrieren sich auf Paris und lassen die EM links liegen. Bol? Dabei! Duplantis? Ist da! Tamberi? Sowieso! Mihambo? Immer! Unter dem Strich muss man sagen: Die EM im Olympia-Jahr wird angenommen. Erweckte es vor zehn Jahren noch den Eindruck, das ist die große Meisterschaft der zweiten Reihe, gibt es die Titel nicht mehr geschenkt. Alle da. Alle heiß. Alles gut?

So sehr man das alles in Frage stellen kann, den sportlichen Wert, die Gefahr einer Verletzung, die nicht so hohe Wertigkeit gegenüber Olympia. Es scheint niemanden ernsthaft davon abzuhalten, hier gut zu performen. Fast alle sind da. Und es macht Sinn, sich zu zeigen. Fußball passiert jede Woche, Tennis ist andauernd, Formel 1 mittlerweile auch.

Superstars am Start

Die Superstars sind Stand jetzt noch nicht ausgereizt und nehmen die EM als Standortbestimmung und großartige mentale Belastungsspitze sehr ernst. Athleten, die noch eine Quali brauchen, geben hier ohnehin Vollgas (Da stellt sich nur die Frage, wie die sich Richtung Paris noch steigern sollen bzw. können, aber egal), und die vermeintlich zweite Reihe sammelt Erfahrung, Expertise und ist dann vielleicht in L.A. in vier Jahren im Kreise der Großen.

Verletzen darf man sich hier nicht, aber das darf man nie. Keiner der hier startet, geht davon aus. Alle sind frohen Mutes und in den sieben Wochen, die jetzt noch bis zu den Olympischen Spielen Zeit sind, erholt sich jede Erschöpfung. Bis auf den Marathon. Und den gibt's hier nicht. Also alles im grünen Bereich. Titel ist Titel und Medaille ist Medaille.

Deshalb macht das schon Sinn, seiner Leidenschaft hier zu frönen und auf dem Weg nach Paris ein paar Meriten abzustauben. Und für uns Zuschauer ist es schön, Europas Besten bei der Arbeit zuschauen zu können.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Sportschau | 07.06.2024 | 09:55 Uhr