Julian Köster und Timo Kastening nach dem Spiel um Bronze
analyse

Handball-EM-Fazit Deutsche Handballer am Anfang eines spannenden Weges

Stand: 28.01.2024 22:51 Uhr

Die deutschen Handballer haben das EM-Turnier im eigenen Land auf Platz vier abgeschlossen. Sie zeigten viel Positives, offenbarten allerdings auch etliche Defizite. Was bleibt?

Dieses letzte Spiel um Bronze gegen die Schweden war noch einmal so etwas wie ein Zeitraffer des gesamten Turniers aus Sicht der deutschen Handball-Mannschaft. Es machte eine Stunde lang den Charakter dieses deutschen Spiels deutlich: viele Fehler im Angriff, nicht die notwendige Konstanz über einen längeren Zeitraum, aber ein großes kämpferisches Herz und viele sehenswerte Spielzüge mit Toren, die das Publikum verzückten.

Philipp Weber, der Rückraumspieler, fasste es gut zusammen: "Wir kriegen es nicht hin, über 60 Minuten diesen Top-Handball zu spielen, sondern immer nur 50 oder 45 Minuten lang. Daran müssen wir arbeiten, dass wir das hinbekommen." Nah dran, lange mitgehalten, um dann doch mit leeren Händen dazustehen - der deutsche Handball im Januar 2024.

Schweden gegen Deutschland - die Zusammenfassung

Sportschau Handball-EM 2024, 28.01.2024 15:00 Uhr

Mit dem Halbfinale über Soll

Der Einzug ins Halbfinale war die Verbandsvorgabe des DHB. Sie wurde erreicht, auch wenn der Modus der Mannschaft in die Karten spielte. Es hätte mit weniger Glück auch ins Auge gehen können. Unter den Top vier in Europa - das liest sich gut. Nicht so gut steht dagegen die mäßige EM-Gesamtbilanz von vier Siegen, einem Remis und vier Niederlagen.

Nicht so gut auch der letzte Eindruck: Deutschland ist mit drei Niederlagen aus dem Turnier gegangen: verloren im letzten Hauptrundenspiel gegen Kroatien, verloren auch gegen Dänemark und im "kleinen" Finale gegen Schweden.

Knorr: "An die Spitzenqualität kommen wir noch nicht ran"

Als es auf der Zielgeraden des Turniers drauf ankam, gingen der deutschen Mannschaft der Sprit und auch die Ideen aus, die ersehnte Medaille war ein gehöriges Stück entfernt, zumal vor allem im Angriffsspiel in entscheidenden Momenten die Klasse fehlte. So waren sich alle einig: Wir haben den Abstand zur Weltspitze verkürzt, aber sie nicht erreicht.

"Ich glaube schon, dass wir den nächsten Schritt gehen konnten im Vergleich zum letzten Jahr, aber dass uns bis ganz oben noch was fehlt", sagte Juri Knorr, der deutsche Regisseur, der während der zweieinhalb Wochen viel Licht in seinem Spiel hatte, aber eben auch Schatten. Das hatten ihm die Spitzenkönner aus Dänemark, Schweden und Frankreich voraus, die über das gesamte Turnier, in jedem der neun Spiele an ihrem absoluten Leistungslimit spielten. "Das ist die Spitzenqualität, an die wir noch nicht rankommen. Das ist, was man schaffen muss, um ganz oben anzukommen", so Knorr.

Top-Abwehr und hoffnungsvolle Youngster

Viel Licht gab es aber auch bei Knorrs Teamkameraden. So stellten die Deutschen mit ihrem Paradeblock aus Julian Köster und Johannes Golla mit die beste Abwehr aller EM-Teilnehmer. Und dieser letzte Eindruck bleibt auch: Wie ein junger Mann wie Renars Uscins in den letzten Turnierspielen im rechten Rückraum aufdrehte, war eine helle Freude.

Um die mittelfristige Zukunft braucht sich die deutsche Mannschaft ohnehin wohl keine Sorgen zu machen. Die Aussichten für die Heim-WM 2027 sind gut, auch weil die Leistungsträger noch jung sind. Spielmacher Knorr und Rückraumriese Julian Köster sind auch erst 23 Jahre alt. Und selbst Kapitän Johannes Golla, bei dem man den Eindruck hat, er sei schon ewig dabei, ist erst 26.

Gislason muss liefern

Neben Uscins ließ der gleichaltrige Mittelmann Nils Lichtlein sein enormes Potenzial bei seinen EM-Kurzeinsätzen aufblitzen. Torhüter David Späth scharrt mit seinen 21 Jahren mit den Füßen, und Kreisläufer Justus Fischer ist sogar erst 20.

Den Deutschen fehlt laut Knorr noch "eine gewisse Reife, individuelle Qualität, die wir aber ganz sicher bekommen, weil wir am Anfang unserer Karrieren stehen und noch nicht unsere Leistungsspitze erreicht haben. Deshalb bin ich zuversichtlich, das ist ein Erfahrungsprozess."

Wer leitet die Mannschaft nun auf ihrem spannenden Weg zum Heimturnier 2027? Alles deutet daraufhin, dass es Alfred Gislason sein wird. Mit dem vierten Platz bei der EM hat er sein bestes Ergebnis als deutscher Nationaltrainer erreicht. Zuvor waren auch herbe Enttäuschungen dabei: Platz 12 bei der WM 2021, auch das Viertelfinalaus bei Olympia 2021 in Tokio.

Bundestrainer Alfred Gislason

Bundestrainer Alfred Gislason

Druck auf der Olympia-Quali

"Wir werden mit Alfred nach der EM hundertprozentig in die Gespräche gehen", sagte DHB-Vorstand Axel Kromer. Möglicherweise fällt die Entscheidung über eine weitere Zusammenarbeit mit dem Bundestrainer auf der Präsidiumssitzung des Verbandes im Februar, bei der Gislason seine EM-Analyse abgeben wird. Der Isländer sagte bereits, er habe "Riesenlust" weiterzumachen.

Er wird auch weiter liefern müssen und zwar schon bald: Schon im März steht die Olympia-Qualifikation auf dem Programm. Das Turnier mit Kroatien, Österreich und Algerien wird nicht einfach. Der Druck auf das junge Team wird noch einmal größer sein. Denn für den Handball in Deutschland hat eine Olympia-Teilnahme einen unschätzbaren Wert. Es bleibt spannend.

Thorsten vom Wege, Sportschau, 28.01.2024 22:26 Uhr