Machtkampf um Löw-Zukunft - Bierhoff äußert sich

Oliver Bierhoff und Joachim Löw während des Nations League Spiels gegen die Schweiz

Fussball

Machtkampf um Löw-Zukunft - Bierhoff äußert sich

Vier Tage nach dem Vertrauensvotum für Joachim Löw hat sich DFB-Direktor Oliver Bierhoff am Freitag (04.12.2020) in einer Video-Pressekonferenz zu Wort gemeldet. Zuvor hatte der langjährige Wegbegleiter von Löw den Funktionären in einer Präsidiumssitzung das jüngste 0:6 der Nationalmannschaft in Spanien erklärt, das heftige Debatten über Löw ausgelöst hatte.

Löw soll die Mannschaft nach dem Willen der DFB-Führung zur Europameisterschaft im kommenden Sommer führen. "Es war klar, dass die Bewertung einer Entwicklung und eines Trainerstabes nicht an einem Spiel hängen kann. Die aktuelle Stimmung zeigt, Fußball ist emotional, glücklicherweise auch die Nationalmannschaft", sagte Bierhoff. "Ganz Deutschland ist natürlich enttäuscht über dieses blamable 0:6 gegen Spanien, das steht außer Frage. Es steht auch außer Frage, dass wir da nichts gesehen haben, was wir von einer deutschen Mannschaft erwarten können."

Aber Bierhoff zog insgesamt ein positives Fazit. "Ich mache meinen Frieden damit, dass die Ergebnisse gestimmt haben, auch wenn die Entwicklung nicht ganz so war, wie wir uns das gewünscht haben". Bierhoff begründete die Schwierigkeiten auch mit den Folgen der Corona-Pandemie, dem dichten Terminplan der Nationalspieler und geringen Möglichkeiten der Vorbereitung für die Nationalmannschaft. "Es ist ein tolles Ergebnis, das der Bundestrainer unter den schweren Bedingungen in diesem Jahr erreicht hat."

Zu Wochenbeginn hatte der DFB ein "einvernehmliches" Bekenntnis zu Löw und seinem "Weg der Erneuerung" abgegeben. Aber die Tage danach haben offenbart, dass auch im Fußball-Dachverband keine Ruhe und Einigkeit herrscht - gerade im Zutrauen in Löws Arbeit über das kommende Turnier hinaus.

"Druck im Kessel": Schlüsselrolle für Bierhoff

Bierhoff kommt eine Schlüsselrolle zu, zumal sich seine Position im DFB verändert hat. Er ist ja nicht mehr der Vollzeit-Manager der Nationalelf, sondern für alle Auswahlteams verantwortlich. Und als zuständiger Direktor für das wichtigste Zukunftsprojekt des DFB, die rund 150 Millionen Euro teure Akademie, hat sich sein Fokus und Arbeitsfeld verändert und ausgeweitet. "Da ist Bierhoff gefordert", heißt es aus dem Verband. Es sei "Druck im Kessel", das Projekt ist ein Zeitfresser, bindet viele Kräfte.

Bierhoff rückt als Vertrauter von Löw nicht ab. Das demonstrierte er auch direkt nach dem 0:6. "Das Vertrauen ist da, daran ändert auch dieses Spiel nichts." Für die junge Spielergeneration um Kimmich, Gnabry, Goretzka, Süle, Sané oder Werner tritt er ein. Ein Unterschied zu Löw ist, dass Bierhoff spätestens nach dem WM-Desaster 2018 Störsignale und Fehlentwicklungen mehr wahrnimmt. Die Entfremdung von den Fans und eine ausufernde Kommerzialisierung wurden angeprangert und ihm zugeschrieben.

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Debatte um DFB-Präsident Keller

Im DFB tobt längst ein Machtkampf. Es geht auch um DFB-Präsident Fritz Keller. Zwischen Löw und Keller soll es beim Gipfeltreffen am Montag gekracht haben. Der Spiegel berichtet sogar davon, Löw habe seinen nominell Vorgesetzten "im Zuge der Debatte massiv angegriffen". Es ist nicht mehr ausgeschlossen, dass Keller über die Löw-Frage stürzt. Aus der Debatte über den Bundestrainer ist längst eine über den DFB-Präsidenten geworden.

Stimmen die Medienberichte, dass der 63-Jährige für seinen Vorstoß, Löw zur Auflösung seines bis 2022 laufenden Vertrags zu bewegen, keine Zustimmung beim erbosten Bundestrainer selbst und auch keine große Unterstützung im Präsidium fand, beweist das seine fehlende Hausmacht. Noch schlimmer aber ist für Keller, dass solche Informationen an die Öffentlichkeit dringen.

Zufall ist das eher nicht. Der tiefe Gräben produzierende Machtkampf im DFB zwischen Keller und Generalsekretär Friedrich Curtius ist nicht aus der Welt, nur weil der DFB "interne Dissonanzen" zugab und öffentlich einen Schulterschluss im Sinne der Sache vollführte. Die Interna, die den Medien gesteckt wurden, rücken vor allem Keller in ein schlechtes Licht. Oder besser gesagt: seine Führungsstärke.

Sorgen um das eigene Image

DFB-Direktor Oliver Bierhoff sorgt sich derweil um die Sympathiewerte "der Mannschaft", wie diese im DFB seit einigen Jahren firmiert. "Wir haben Sympathien verspielt", gestand er jüngst. Für den steinigen Aufbau eines neuen, titelfähigen Teams mit jüngeren Führungskräften wie Kimmich oder Goretzka warb er vehement: "Diese Spieler sind den Umbruch mit Herz und Leidenschaft angegangen. Und die Spieler haben keinen Bock, nochmal das zu erleben wie 2018. Die haben Bock, das Maximum bei der EM herauszuholen."

Bierhoff wird auch den DFB-Funktionären vermitteln wollen, dass die Neuausrichtung weiterhin verheißungsvoll ist. "Diese Mannschaft will ein neues Bild einer Nationalmannschaft angehen", lautet einer seiner Leitsätze. Ein Comeback von Hummels (31), Boateng (32) und Müller (31)? Derartige Rückholaktionen sieht Bierhoff gerade auch nach seinen eigenen Erfahrungen als Nationalspieler sehr skeptisch. "Den Weg, den der Bundestrainer eingeschlagen hat, gehe ich bis einschließlich der EM mit", hatte Bierhoff - vor Spanien - erklärt.

Ein einmaliger Fall?

Laut "Spiegel" soll er sich bei Löw für diese Aussage entschuldigt haben. Sie suggeriert die Möglichkeit, dass der 60-Jährige schon ein Jahr vor Ende seines laufenden Vertrages sein Amt abgeben könnte. Löw hatte Amtsmüdigkeit bei der Konferenz mit der engsten DFB-Spitze um Präsident Fritz Keller energisch von sich gewiesen. Bierhoff wird sich beim Blick in die Zukunft und als Löws Vorgesetzter auch mit einem Plan B beschäftigen (müssen). Aus Sevilla blieb von ihm das Schlussbild hängen, wie er die Hände vors Gesicht schlug. "Ich hoffe, das ist ein einmaliger Fall. Wir müssen daraus lernen", sagte er danach. Die EM wird nicht nur für Löw zum Liefertermin.

sid, dpa | Stand: 04.12.2020, 10:10

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