Ada Hegerberg (r.) Alexis Putellas (l.), Champions-League-Pokal

Fußball | Frauen Die drohende Kluft im Frauenfußball

Stand: 20.05.2022 08:40 Uhr

Der neue Modus der UEFA Women's Champions League bevorzugt die großen Vereine. Was bedeutet der Wettbewerb für die Strukturen des Frauenfußballs?

Von Annika Becker

"Es gab schon vor dem FC Barcelona Frauenfußball, wir spielen ihn hier seit Jahren", hat Ada Hegerberg dieser Tage im Gespräch mit der französischen Sportzeitung "L'Équipe" erklärt. Die Weltfußballerin des Jahres 2018 trifft am Samstag (21.05.2022) mit Olympique Lyon im Champions-League-Finale in Turin auf den FC Barcelona.

Es ist die Wiederauflage des Endspiels von 2019. Damals gewann Lyon mit 4:1 zum vierten Mal in Folge die Champions League. Im Jahr danach kam ein weiterer Erfolg hinzu. Aber in diesem Jahr sind die Titelverteidigerinnen des FC Barcelona die Favoritinnen. Schon vergangene Saison erzeugten sie eine Begeisterungswelle, die durch ein volles Camp Nou und Live-Übertragungen aller Spiele in diesem Jahr noch größer geworden ist.

Professionalisierung durch Verdrängung?

Hegerbergs Äußerung ist daher auch ein Hinweis auf die Verschiebung der Kräfteverhältnisse an der Spitze des europäischen Frauenfußballs. Genauso gut könnte sie sich mit ausgetauschten Vereinsnamen jedoch auf einen größeren und langfristigeren Wandel beziehen, der in vielen Ligen längst vollzogen scheint. Beide Klubs im Finale sind Teil großer und erfolgreicher Vereine, deren Ressourcen aus dem finanzkräftigen Männerfußball stammen.

In den großen Ligen Europas mit Ausnahme der schwedischen Damallsvenskan ist das Engagement großer Männervereine inzwischen der Standard. Eine zweischneidige Entwicklung. Denn einerseits wird ein solches Engagement der großen Klubs seit Jahren gefordert. Borussia Dortmund und Schalke 04 etwa werden von ehemaligen wie aktiven Spielerinnen immer wieder dafür kritisiert, dass sie mit ihren neuen Frauenabteilungen in der Kreisklasse gestartet sind. Andererseits werden traditionelle Frauenfußballvereine durch die Einstiege von Lizenzklubs auf höherer Ebene immer weiter verdrängt. So wurde der 1. FFC Frankfurt formal aufgelöst, das Spielrecht übernahm Eintracht Frankfurt.

In Deutschlands 1. Bundesliga waren in der abgelaufenen Saison nur der SC Sand und die SGS Essen noch ohne Anschluss an einen Lizenzverein. Turbine Potsdam agiert zwar als eigenständiger Verein, ist aber im Juni 2020 eine zunächst bis zum Sommer 2023 befristete Kooperation mit Hertha BSC eingegangen. Potsdam verpasste in dieser Saison erneut knapp den dritten Platz, der zur Teilnahme an der Qualifikationsrunde zur Champions League berechtigt.

Solidaritätszahlungen für die Verbände

Der SGS Essen gelang der Klassenerhalt durch einen 3:0-Sieg gegen Carl Zeiss Jena am letzten Spieltag, der SC Sand ist dadurch nach acht Jahren Erstligazugehörigkeit abgestiegen. "Ich glaube, grundsätzlich wird es nicht einfacher, wenn man das Wachstum des Frauenfußballs nur in die Hände von Lizenzvereinen gibt. Man muss auch die fördern, die den Frauenfußball schon seit mehreren Jahren oder Jahrzehnten leben", sagt Florian Zeutschler, Manager der SGS Essen. "So ein bisschen geht es bei den Solidarfonds der UEFA in die Richtung.“

Florian Zeutschler, Manager der SGS Essen

Florian Zeutschler, Manager der SGS Essen

Die Solidaritätszahlungen sind eine der Neuerungen in der aktuellen Form der UEFA Women's Champions League. Laut UEFA gehen seit dieser Saison ca. 5,6 Millionen Euro bzw. 23 Prozent der gesamten Ausschüttungssumme zweckgebunden an alle Erstligavereine, deren Nationalverbände Teams für den Wettbewerb anmelden. Die Summe wird nach Erfolg des jeweils besten Vereines eines Verbands aufgeschlüsselt, wer weiterkommt bringt der eigenen Liga mehr Geld ein. "Alle im Frauenfußball dürfen sich darüber freuen, dass die UEFA eine Aufwertung des Champions-League-Wettbewerbs vorgenommen hat, sowohl finanziell als auch, was die Präsenz betrifft. Das ist etwas, worauf man auch gewartet hat", so Zeutschler.

Entsteht eine Kluft wie im Männerfußball?

Der Großteil des Geldes aus der UEFA Women's Champions League geht aber an die im Wettbewerb vertretenen Vereine, auch hier erhält mehr Geld, wer am weitesten kommt. Das sind bereits jetzt fast ausschließlich Vereine, die durch den Anschluss an eine Männerabteilung sowieso die besseren Voraussetzungen für Erfolge haben. Bereits in der Champions-League-Gruppenphase dieser Saison war Schytlobud-1 Charkiw aus der Ukraine der einzige reine Frauenverein, das Team schied mit vier Punkten in der Gruppe B aus.

Es droht also eine immer weiter auseinandergehende Schere zwischen den international vertretenen Vereinen und dem Rest - ähnlich wie im Männerfußball. Zusätzlich dazu gibt es die Kluft zwischen den traditionellen Frauenvereinen und denen mit einem großen Lizenzverein im Hintergrund. Laut Saisonreport des DFB zur Saison 2020/2021 steigen die Gehälter im Bereich "Personalaufwand Spielbetrieb". Es gebe aber "in diesem Bereich eine große Heterogenität" zwischen den Klubs. Eine Aufschlüsselung nach Vereinen fehlt in dem Bericht allerdings.

Frauenfußball als "neuer Männerfußball"?

Auch innerhalb der Fanszenen gibt es deshalb immer wieder auch kritische Stimmen und die Sorge davor, dass der Frauenfußball mittelfristig sportlich immer ungleicher werden könnte. Diese Sorge vor einem sogenannten "neuen Männerfußball", einer immer weiter werdenden Schere zwischen den Vereinen, die den sportlichen Wettbewerb beeinflusst, bezieht sich unter anderem auch auf die Lizenzvereine.

"Ich denke, einen goldenen Weg gibt es nicht. Ich kann nachvollziehen, dass große Vereine Interesse am Frauenfußball haben. Ich glaube aber auch, dass es dem Frauenfußball nicht guttut, wenn man einfach nur eine Kopie des Männerfußballs wird", sagt Essens Manager Florian Zeutschler. "Natürlich sind wir als Verein selbst in der Verpflichtung. Wir arbeiten jede Saison daran, uns weiterzuentwickeln. Aber es ist natürlich nicht vergleichbar mit den Invests, die aus einem Lizenzverein kommen. Ob der Fan sehen möchte, dass am Ende nur noch diese gegeneinander spielen, kann ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Heterogenität, die wir in der Liga haben, ihr immer gutgetan hat und auch weiter guttun kann."

Frauenfußball-Bundesliga: Druck für Veränderungen

Sport inside, 20.03.2022 22:45 Uhr

Zweit-Teams in der 2. Bundesliga

Zum Thema Vereinsvielfalt gehört auch ein Blick auf den Abstand zur zweiten Frauenbundesliga. Dort wechselten sich bei den Auf- und Abstiegen in den vergangenen Jahren meist die gleichen Vereine ab, so spielt gerade noch der SV Meppen um den direkten Wiederaufstieg. Außerdem waren in der 14 Teams starken Liga in der vergangenen Saison vier zweite Mannschaften von Erstligisten vertreten. Abgesehen von Deutschland gibt es auf diesem Level nur in Spanien Zweitvertretungen. Dort sind es fünf von insgesamt 32 Teams. Die zweite Liga ist dort zweigleisig.

Die Probleme, die sich daraus ergeben können, sind auch aus der Regionalliga und der 3. Liga der Männer bekannt. "Wenn man den Wettbewerb steigern und ermöglichen möchte, dass Klubs den Weg in die erste Liga schaffen, braucht man einen eigenen Wettbewerb. Auf der anderen Seite kann ich Vereine verstehen, die ihre Zweitvertretung so nah wie möglich am Level der ersten Liga halten möchten, um aus dem eigenen Nachwuchs auch partizipieren zu können", so Zeutschler.

Der Frauenfußball steht angesichts all dieser strukturellen Probleme vor der Frage, auf welchem Weg es weitergehen soll: einem eigenen, der durch historische Verbote erschwert wurde. Oder auf einem Weg, der wirkt wie ein Abziehbild des Männerfußballs inklusive vieler seiner Probleme. Diese Frage ist drängend und richtet sich neben den Vereinen selbst vor allem an die Verbände.