Newcomerin bei den DFB-Frauen: Freigeist Freigang

Nationalspielerin Laura Freigang im Spiel gegen Montenegro

Jahresabschluss der Frauen-Nationalmannschaft

Newcomerin bei den DFB-Frauen: Freigeist Freigang

Von Frank Hellmann

Laura Freigang führt die Liste der besten Torschützinnen in der Frauen-Bundesliga an. Die 22-Jährige will künftig auch in der Nationalmannschaft vermehrt Akzente setzen. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg freut sich vor dem Jahresabschluss in der EM-Qualifikation auf einen Typ, "der anders ist als die anderen".

Belastungssteuerung wird in Corona-Zeiten auch für den Frauenfußball ein immer bedeutsameres Thema. Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg kündigt für den Abschluss der EM-Qualifikation in Ingolstadt gegen Griechenland (Freitag, 16 Uhr) und in Dublin gegen Irland (Dienstag, 18 Uhr) jedenfalls umfangreiche Rochaden an, um Rücksicht auf die Spielerinnen vom VfL Wolfsburg und FC Bayern zu nehmen, die im Dezember noch in der Champions League gefordert sind. "Wenn es irgendwie möglich ist, soll keine Spielerin zwei komplette Spiele machen."

Wegen der makellosen Bilanz mit sechs Siegen ohne Gegentor und der somit bereits bewerkstelligten EM-Qualifikation bietet sich somit eine Chance für jene Akteurinnen, die aus der zweiten Reihe auf mehr Spielanteile hoffen. So wie Laura Freigang von Eintracht Frankfurt, die in der Frauen-Bundesliga mit zehn Treffern die Torjägerinnenliste anführt.

Die forsche Newcomerin schoss im EM-Qualifikationsspiel in Montenegro (3:0) im zweiten Länderspiel ihr erstes Tor und hat sich für die Zukunft auch im DFB-Dress einiges vorgenommen. "Ich komme nicht nur zur Nationalmannschaft, um zu lernen, sondern habe selbst etwas zu bieten", sagt die 22-Jährige selbstbewusst.

Sie nimmt kein Blatt vor den Mund

Bereits in der Vorsaison war die Frankfurter Nummer zehn mit 16 Saisontreffern gemeinsam mit Nationalstürmerin Lea Schüller (FC Bayern/vorher SGS Essen) treffsicherste deutsche Spielerin. Die im Verein meist als hängende Spitze agierende Offensivallrounderin hat auch bei der Bundestrainerin noch einmal an Wertschätzung gewonnen. "Sie ist eine sehr spannende Spielerin, die  im physischen Bereich große Schritte gemacht hat", sagt Voss-Tecklenburg. Zudem sei die gebürtige Kielerin "ein unheimlicher guter Typ, ein bisschen anders als die anderen".

Die im Sommer nach Frankfurt gewechselte Nationaltorhüterin Merle Frohms beschreibt ihre neue Mitspielerin so: "Sie haut direkt raus, was sie denkt." Offen geht Freigeist Freigang auch damit um, dass sie anfangs beim 1. FFC Frankfurt diejenige war, die das meiste in die Mannschaftskasse zahlte. Hier mal zu spät, dort etwas vergessen. Sie sei eben kein Organisationstalent, erklärte sie.

Ihr Bruder lief beim WM-Finale an der Hand von Philipp Lahm

Dabei gilt sie als vielseitig begabt. Für ihren jüngeren Bruder Lukas schnitt sie einst ein Video zusammen, um sich für die WM 2014 in Brasilien über einen FIFA-Sponsor als Einlaufkind zu bewerben. Und siehe da: Lukas durfte zusammen mit dem Vater tatsächlich nach Rio de Janeiro reisen. "Er ist sogar im WM-Finale an der Hand von Philipp Lahm eingelaufen, das war natürlich ein Riesenerlebnis." Und monatelang erstes Gesprächsthema in der Familie.

Zum Fußball kam sie wie von selbst. "Ich hatte einfach Spaß daran und wollte unbedingt im Verein spielen." Sie begann im Kindesalter beim FSV Oppenheim, spielte zwischenzeitlich in der Jugend drei Jahre für Holstein Kiel, als es die Familie noch einmal in den Norden verschlug.

Danach heuerte sie beim TSV Schott Mainz an, wo sie schon im Teenager-Alter beim Aufstieg in die 2. Frauen-Bundesliga mithalf. Parallel kickte sie bis zu den B-Junioren noch bei den Jungs mit. "Da hatte ich oft zwei Spiele am Wochenende, aber es hat mir nicht geschadet", erinnert sich Freigang.

Lehrreiche Zeit in Pennsylvania

Prägend sollte der Abstecher in die Vereinigten Staaten sein. Mit 18 ging sie an die Pennsylvania State University, um Sport und Studium zu verbinden. Gleich bei ihrem ersten College-Spiel kamen 5.000 bis 6.000 Zuschauer, erinnert sich Freigang, die vom ersten Tag an eine enorme Wertschätzung für den Frauenfußball spürte. Ein willkommener Kontrast zu den Realitäten hierzulande, denn Freigang erzählt offen, dass sie selbst im eigenen Freundeskreis noch von Vorbehalten hört.   

Fußballerisch wie menschlich will sie daher die Zeit in den USA nicht missen. Auf der einen Seite habe sie eine neue Kultur, auf der anderen Seite auch eine andere Art Fußball zu spielen – nämlich deutlich körperbetonter – kennengelernt. Teilweise bestritt sie zwei Spiele in einer Woche, "und zwischen den Spielen sind wir noch geflogen".

Im Sommer 2018 unterbreitete ihr Niko Arnautis als Trainer des 1. FFC Frankfurt das Angebot, sich doch in Deutschland auf die U20-WM vorzubereiten. Freigang gefiel es nach einigen Einheiten so gut, dass sie gleich dort blieb. Einige Kleidungsstücke lagern immer noch irgendwo bei einer Freundin in Pennsylvania.

Das neue Gesicht für die Eintracht-Frauen

Eintracht-Sportdirektor Siegfried Dietrich sieht in ihr heute eine "sympathische, professionelle und erfolgreiche Fußballerin", die auf bestem Wege ist, zum Gesicht der Frankfurter Frauen zu werden, auch wenn das Team den Anschluss an die Spitzengruppe inzwischen verloren hat und wohl nicht mehr im Kampf um die Champions-League-Plätze angreifen kann.

Im Sommer zierte ihr Konterfei als erste Fußballerin das Cover des Eintracht-Vereinsmagazins. An das neue Projekt unter dem "Adler"-Dach hat sich Freigang voller Überzeugung mit der Unterzeichnung eines Drei-Jahres-Vertrages gebunden. Nebenher studiert sie Sportwissenschaften an der Goethe-Universität. Ihr hilft der Perspektivwechsel im Hörsaal, um auf andere Gedanken zu kommen.

Sie ist getrieben davon, noch besser zu werden. Die Corona-Zwangspause nutzte sie, um ihre Ernährung umzustellen. Akribisch analysiert sie ihre eigenen Auftritte, oft schaut sie sich Aufzeichnungen noch einmal in voller Länge an. Gerade legt sie das Hauptaugenmerk auf ihre Positionierung zum Ball. Ist vielleicht eine offene Stellung besser, um besser ins Spiel eingebunden zu sein?

Freigang weiß: Es kommt jetzt auf jedes Detail an. Schließlich will sie auch in der Nationalmannschaft richtig Fuß fassen.

Stand: 25.11.2020, 13:18

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