Trainer Vincenzo Italiano hat den AC Florenz wiederbelebt.
analyse

Finale Conference League Florenz erlebt eine Fußball-Renaissance

Stand: 06.06.2023 12:45 Uhr

Nach mehr als drei Jahrzehnten hat die AC Florenz wieder ein europäisches Endspiel erreicht. Als Erfolgsgarant gilt ein Trainer, der Querpässe hasst.

Der prominenteste Fan der AC Florenz ist skeptisch. "West Ham United ist im Endspiel klarer Favorit", findet Stefano Cecchi. Die Londoner hätten die besseren Spieler, mehr Geld und seien ungeschlagen ins Finale der Conference League gestürmt. Der Florentiner Schriftsteller, der über seinen Lieblingsklub "La bibbia della fede viola" ("Die Bibel des violetten Glaubens") verfasst hat, schiebt aber hinterher: "Die Fiorentina ist immer eine außergewöhnliche Maschine der Hoffnungen". Die derzeit von einem außergewöhnlichen Trainer gesteuert werde.

Vincenzo Italiano hat "i viola", wie die Florentiner wegen ihrer violetten Trikots genannt werden, nach 33 Jahren wieder in ein europäisches Endspiel geführt. Italiens Trainer-Ikone Arrigo Sacchi lobt Florenz für einen Fußball, "der nie langweilig" sei. Für andere ist die ACF Fiorentina, so der offizielle Name des Klubs, ein "Mini-Napoli". Ein Team, das ähnlich mutig auftritt wie die SSC Neapel, die in dieser Saison mit begeisterndem Offensivfußball den Titel in der Serie A gewonnen hat. Auch Italiano lässt aggressives Pressing spielen. Laut Statistik eroberte in dieser Saison keine Mannschaft in Italien den Ball nach Ballverlusten schneller als Florenz - außer Neapel. Kein Team griff den Gegner früher an und spielte mehr Aktionen im "letzten Drittel" - abgesehen von Neapel. Keine Mannschaft hatte mehr Ballbesitz - bis auf Neapel.

"Mini-Napoli" niemals langweilig

Dass dieser aktive, mutige Fußball Florenz ins Endspiel der Conference League führen würde, war zu Beginn der Saison nicht absehbar. Nach mühsam überstandener Qualifikation quälte sich das international unerfahrene Team in der Gruppenphase erst zu einem 1:1 gegen die Rigas Futbola Skola aus Lettland und wurde dann in der Türkei von Basaksehir FK mit 0:3 abgebügelt. Von den 32 Klubs stand nach zwei Spieltagen nur Silkeborg IF schlechter da als der jetzige Finalteilnehmer. Es dauerte, bis Italianos Lehre griff.

Wie gut das Team der "Viola" mittlerweile funktioniert, war vor zwei Wochen im italienischen Pokalendspiel zu sehen. Fast über die gesamte Spieldauer agierte Florenz auf Augenhöhe mit dem Champions-League-Finalisten Inter Mailand: Nicht nur der "Corriere dello Sport" meinte nach der unglücklichen 0:2-Niederlage: Die Fiorentina könne "mit Stolz und Selbstbewusstsein nach Prag" zum Conference-League-Finale fahren.

Italiano - Aus der fünften Liga zum italienischen Meister?

Allerdings wurde auch im Endspiel der Coppa Italia deutlich, warum Florenz bislang nur die Mini-Ausgabe von Meister Neapel ist. Immer noch ist die Mannschaft bei Kontern in der Abwehr anfällig. Und vorne fehlt es an Qualität, das Team braucht zu viele Chancen, um Tore zu erzielen. Zu den Besten der nicht sonderlich treffsicheren Offensive der Fiorentina zählen zwei ehemalige Bundesligakicker. Der frühere Stuttgarter Nicolas Gonzales teilt sich mit dem ehemaligen Frankfurter Luka Jovic (jeweils sechs Treffer) Platz zwei der teaminternen Torjägerliste, hinter dem Brasilianer Arthur Cabral (acht Tore), Anfang der Saison vom FC Basel gekommen. Der frühere Wolfsburger Josip Brekalo ist nur Ergänzungsspieler.

Star der Mannschaft ist der Trainer. Italianos Erfolge in Florenz haben ihn auch für andere Klubs interessant gemacht. Der 45-Jährige gilt als einer der Favoriten auf die Nachfolge von Luciano Spalletti bei Neapel. Da Spielidee und Taktik der beiden ähnlich sind, überlege SSC-Präsident De Laurentiis, Italiano zum Meister zu holen, berichtet die "Gazzetta dello Sport". Es wäre ein steiler Aufstieg für einen Trainer, der vor fünf Jahren in der fünften Liga trainiert hat.

Vollendung im Finale in Prag?

Vorher will Italiano in Prag beweisen, dass er nicht nur schönen Fußball spielen lassen, sondern auch Titel gewinnen kann. An persönlichem Engagement mangelt es dem Trainer nicht, der in Karlsruhe geboren und in Sizilien aufgewachsen ist. Während des Spiels rennt Italiano die Seitenlinie auf und ab, gestikuliert, ruft seinen Spielern Anweisungen zu, flucht und jubelt wie ein Fan – und faltet manchmal einen seiner Kicker lautstark zusammen, weil dieser es gewagt hat, den Ball quer statt nach vorne zu spielen. 

Der "Italiano Style" ("La Repubblica") hat Florenz nun zwei Endspiele innerhalb von zwei Wochen beschert. Bemerkenswert für einen Verein, der turbulente Jahrzehnte hinter sich hat. In den 1960er und 70er Jahren war die Fiorentina der Lieblingsklub vieler Nonkonformisten. Mit einer jungen Mannschaft, als Abstiegskandidat gehandelt, gewann die AC Florenz 1969 ihren zweiten (und bislang letzten) "Scudetto". In den studentenbewegten Jahren wurde das gefeiert als Sieg des Zeitgeistes über die Fußball-Nomenklatura aus Turin und Mailand.

Schon in dieser Phase aber hatte die Fiorentina mit Finanzproblemen zu kämpfen. In der Stadt, in der das Bankwesen erfunden wurde, konnten sie im Fußball nie richtig mit Geld umgehen. 2002 war der Klub endgültig pleite und musste in der vierten Liga neu beginnen. Mittlerweile führt der italo-amerikanische Milliardär und Medienunternehmer Rocco Commisso den Verein. In Prag soll die Renaissance des Florentiner Fußballs vollendet werden.