Tuchel beim FC Chelsea - neuer Glanz und erste Kratzer

Finale gegen Pep: Tuchels letzter Schritt in den Kreis der Elite Sportschau 28.05.2021 02:58 Min. Verfügbar bis 28.05.2022 Das Erste Von Leon Causemann

Champions-League-Finale gegen ManCity

Tuchel beim FC Chelsea - neuer Glanz und erste Kratzer

Von Hendrik Buchheister

Thomas Tuchel hat den FC Chelsea stabilisiert und hofft in seinem zweiten Champions-League-Finale auf den ersten Erfolg. Dafür bräuchte er eine funktionierende Offensive - doch die ist Chelseas Sorgenkind.

Geschichte geschrieben hat Thomas Tuchel schon vor dem Anpfiff des Champions-League-Finals. Er ist der erste Trainer, der es in zwei aufeinanderfolgenden Jahren mit verschiedenen Klubs ins Endspiel des Wettbewerbs geschafft hat. In der vergangenen Saison unterlag das von ihm betreute Paris Saint-Germain dem FC Bayern 0:1. In dieser Spielzeit trifft er mit dem FC Chelsea am Samstag (29.05.2021, Live-Ticker bei sportschau.de ab 20.45 Uhr) auf Manchester City.

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Tuchel, 47, hat allerdings nicht vor, seine Mannschaft zur Einstimmung auf die Veranstaltung im Estádio do Dragão in Porto mit seinen Erfahrungen zu behelligen. "Wenn ich Spieler wäre, wäre ich nicht sicher, ob ich die Geschichte meines Trainers hören wollen würde, der im vergangenen Jahr mit einem anderen Team im Finale stand", sagt er.

Tuchel hat Erstaunliches geschafft seit seiner Ankunft an der Stamford Bridge Ende Januar. Der Mannschaft, die unter seinem Vorgänger Frank Lampard oft chaotisch agierte und defensiv anfällig war, hat er eine Ordnung gegeben und sie stabilisiert. Die Verteidigung ist nun das Herzstück des FC Chelsea, die Basis des Erfolgs. In den 19 Premier-League-Spielen seit Tuchels Übernahme ist Chelsea elf Mal ohne Gegentor geblieben.

Von Platz zwölf bis in die Champions League

Unter Lampard war die Mannschaft zwischenzeitlich Zwölfter, doch durch den Aufschwung unter dem neuen Trainer haben die "Blues" in der gerade zu Ende gegangenen Saison noch das Minimalziel in der Liga erreicht - nämlich die Qualifikation zur Champions League als Tabellenvierter hinter den beiden Klubs aus Manchester und dem FC Liverpool. "Das ist eine außergewöhnliche Leistung", sagt Tuchel.

Dafür war allerdings die freundliche Hilfe der Konkurrenz nötig. Chelsea verlor am letzten Spieltag 1:2 bei Aston Villa und erlangte nur deshalb die Zulassung zur Königsklasse, weil der Londoner Rivale Tottenham Hotspur zeitgleich Leicester City schlug. Überhaupt hat der Glanz des neuen FC Chelsea, des Tuchel-Chelsea, die ersten Kratzer bekommen zuletzt.

Der Betriebsunfall bei Aston Villa war die dritte Niederlage in den vergangenen vier Auftritten. Davon schmerzte vor allem das 0:1 im Endspiel des FA-Cups gegen Leicester. Tuchels Mannschaft kam an diesem Festtag des englischen Fußballs nie richtig in Schwung und vergab die Chance auf eine Trophäe leichtfertig.

Die jüngere Geschichte spricht für Chelsea

Immerhin nimmt die vollbrachte Champions-League-Qualifikation ein bisschen Druck vom FC Chelsea vor dem Treffen mit Manchester City in Porto. Pep Guardiolas Mannschaft, gerade zum dritten Mal in vier Jahren englischer Meister geworden, ist Favorit und will endlich, endlich den Titel gewinnen, den Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan für sein Prestigeprojekt herbeisehnt.

Die "Blues" können das Finale gelassen angehen - und wissen, dass die jüngere Geschichte für sie spricht. Gleich zweimal hat Tuchels Mannschaft in den vergangenen Wochen gegen Manchester City gewonnen, zuerst im Halbfinale des FA-Cups (1:0), dann in der Liga (2:1).

Rüdiger bei Chelsea - endlich wieder wichtig

Damit es bei Tuchels zweiter Teilnahme an einem Champions-League-Finale mit dem ersten Erfolg klappt, sind auch die deutschen Profis des FC Chelsea gefragt. Bei Antonio Rüdiger besteht in dieser Hinsicht kein Grund zur Sorge. Unter Lampard zeitweise aussortiert und fast schon auf dem Sprung zu Paris Saint-Germain, damals noch mit Tuchel, hat er sich seit der Ankunft des deutschen Trainers zur personalisierten Verlässlichkeit in Chelseas neuer Dreier-Abwehr entwickelt.

Chelseas Thomas Tuchel umarmt Antonio Rudiger

Chelseas Thomas Tuchel umarmt Antonio Rudiger.

Komplizierter ist es bei Kai Havertz und Timo Werner. Die Angreifer standen im vergangenen Sommer im Mittelpunkt von Chelseas opulenter Einkaufstour mit Ausgaben von insgesamt fast einer Viertelmilliarde Euro, haben aber jeweils eine enttäuschende erste Saison hinter sich.

Werner steht sinnbildlich für Chelseas größtes Problem

Havertz pendelt zwischen Bank und erster Elf und hat seine ideale Position in Tuchels System noch nicht gefunden. Werner ist für Englands Presse mitunter sogar zur Witzfigur geworden mit seinen vielen vergebenen Chancen und seinem ungünstigen Gespür für Zeit und Raum - immer wieder werden ihm Treffer wegen Abseits aberkannt. Seine sechs Tore in der Liga sind eine triste Ausbeute.

Timo Werner

Timo Werner

Werner steht sinnbildlich für das größte Problem des FC Chelsea: Der Mannschaft fehlt im Angriff die Effizienz. Regelmäßig misslingt es ihr, Dominanz in Zählbares umzusetzen. Zuletzt bei Aston Villa hatte Chelsea 71 Prozent Ballbesitz und 23 Torschüsse. Trotzdem stand am Ende eine Niederlage. Erfolgreichster Torjäger des Teams ist Mittelfeldspieler (und Elfmeterschütze) Jorginho mit gerade mal sieben Treffern. Das ist ein schlechtes Zeugnis für Havertz und Werner.

Tuchels Erinnerungen an einen "Diebstahl"

Aber wer weiß: Vielleicht kommt ihr großer Moment ja im Champions-League-Finale gegen Manchester City. Chelsea peilt den zweiten Triumph in dem Wettbewerb nach 2012 an. Damals verdarb der Verein dem FC Bayern sein "Finale Dahoam". Als Tuchel kürzlich nach seinen Erinnerungen an dieses Spiel gefragt wurde, gab er eine erstaunlich offene Antwort: "Lasst uns sagen, dass es nicht absolut verdient war. Es fühlte sich eher nach Diebstahl an."

Solche Einschätzungen dürften nicht bei allen Chelsea-Fans gut ankommen. Viele von ihnen trauern immer noch Klub-Ikone Lampard nach. Mit einem Erfolg in Porto würde Tuchel Überzeugungsarbeit in eigener Sache leisten.

Stand: 28.05.2021, 08:00

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