Bielefeld im Blindflug Richtung Aufstieg

Das Stadion der Arminia Bielefeld

Zweitliga-Spitzenreiter plant derzeit im Ungewissen

Bielefeld im Blindflug Richtung Aufstieg

Von Jörg Strohschein

Arminia Bielefeld ist überaus erfolgreich durch die Zweitligasaison geflogen - bis das Coronavirus kam. Nun bereitet sich der Spitzenreiter auf den Rest der Spielzeit vor. Der Aufstieg erscheint dabei nicht mehr ganz so wichtig.

Verantwortliche im Profifußball sprechen gerne in Bildern. "Wenn es wieder losgeht, dann müssen wir schauen, dass wir die Welle wieder erwischen", sagt Arminias-Sportgeschäftsführer Samir Arabi. Die Bielefelder hatten in dieser Zweitliga-Saison eine lange Zeit eine geradezu gigantische Welle erwischt, und die Mannschaft hat diese bis neun Spieltage vor Saisonende geritten: Die Ostwestfalen sind Ligaprimus und stehen mit einem Bein in der Bundesliga. Dann kam die Coronakrise.

Sehr fokussiert trotz offener Fragen

"Und nun gibt es die Ungewissheit, wie es weitergeht", sagt Arabi. Sieben Mal sind die Bielefelder bereits in die Bundesliga aufgestiegen, sieben Mal auch wieder ab. Das bisher letzte Mal im Jahr 2009. Nun gibt es viele bange Fragen: Wird die Liga überhaupt zu Ende gespielt? Wie viele Partien gibt es womöglich noch? Wann geht es weiter?

Bei Arminia bereiten sich die Spieler gerade im Rahmen des gesetzlich Möglichen vor. Abstand halten, alle Sicherheitsmaßnahmen auf dem Rasen berücksichtigen. "Die Spieler machen alles, was dieses besondere Training zulässt. Sie sind alle sehr fokussiert. Welcher Profi hat in seiner Karriere schon die Möglichkeit, in die Bundesliga aufzusteigen?", fragt Arabi. Der Aufstieg wäre ein Meilenstein für die Ostwestfalen, die sich schon durch einige Notlagen in ihrer jüngeren Vereinsgeschichte hindurch manövrieren mussten.

Riesiger Schuldenberg drückte den Verein

Noch Ende 2017 hatte der Klub einen Schuldenberg von 29 Millionen Euro angehäuft - und kaum jemand auf der Bielefelder Alm wusste, wie es weitergehen soll. Die Lage war mehr als ernst. Ein Zusammenschluss zwölf regionaler Unternehmen gründete das "Bündnis Ostwestfalen" und half dem Klub aus dem Gröbsten heraus. Es war eine Gesundung in höchstem Tempo, die mit diesem Aufstieg eine überraschende Vollendung gefunden hätte - und nun jäh unterbrochen wurde.

"Der Verein hat durch die Krisen schon ein paar Narben", sagt Arminias Geschäftsführer Markus Rejek: "Vielleicht kommt uns jetzt ein bisschen zugute, dass wir in den vergangenen Jahren in einigen Krisen gesteckt haben." Auch die Bielefelder kämpfen wie alle anderen Klubs mittlerweile ums Überleben. Bis Juli könnte der Klub aber auch ohne Geisterspiele durchhalten.

Arabi: "Es gibt wirklich Wichtigeres"

Selbstverständlich würden alle Beteiligten auch gerne den Sprung in die Bundesliga schaffen. "Aber es gibt momentan wirklich Wichtigeres, das ist die Gesundheit der Menschen. Das hat absolute Priorität", sagt Arabi. Das scheint auch ein Teil der Anhänger des Klubs so zu sehen.

"Der Aufstieg ist zweitrangig geworden und in den Hintergrund gerückt", sagt ein Sprecher des Bielfelder  Fanbeirats, der namentlich nicht genannt werden will. Die Euphorie über die sportlichen Ziele ist ob der Corona-Pandemie verflogen. Die Perspektive hat sich gewandelt. Durch die möglichen "Geisterspiele" können die Anhänger ohnehin nicht mehr hautnah dabei sein. "Außerdem ist das nur noch ein einziger Überlebenskampf der Vereine, ein notwendiges Übel", sagt der Fanvertreter: "Viele Fans haben derzeit genug mit sich selbst und ihren Familien zu tun. Der Aufstieg würde wohl nur eine innere Freude auslösen."

Keine Feier auf dem Rathausbalkon

Klar sein dürfte, dass es bei einem tatsächlich vollbrachten Arminia-Aufstieg keine Feier am Rathausbalkon geben wird. "Ich kann jeden unserer Fans verstehen, der jetzt nicht von einer Euphoriewelle getragen wird. Das geht uns im Klub ja genauso", sagt Arabi. Aber ein Blick auf die harte Realität fernab jeder Aufstiegsträume macht deutlich: "Es geht jetzt auch um die wirtschaftlichen Dinge", sagt der Sport-Geschäftsführer. 

Bei all dieser Ungewissheit müssen die Klub-Verantwortlichen für beide Ligen planen. Mitte März haben sie ihre Unterlagen an die DFL geschickt. In der 2. Liga hat die Arminia einen Umsatz von bis zu 34 Millionen Euro angenommen, in der 1. Liga von bis zu 65 Millionen Euro. "Heute weiß aber niemand, ob das aufgrund der neuen Situation realistisch ist", sagt Finanz-Experte Rejek: "Wir befinden uns gerade auf einer Art Blindflug."

Stand: 17.04.2020, 08:34

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