Coronavirus - Bundesliga bereitet sich auf Spielabsagen vor

Frankfurts Stefan Ilsanker am Ball

Terminkalender lässt wenig Platz

Coronavirus - Bundesliga bereitet sich auf Spielabsagen vor

Von Jörg Strohschein, Frank Hellmann und Tom Mustroph (Italien)

Das Coronavirus nimmt Einfluss auf die Spielpläne in ganz Europa. Termine sind rar, alles hängt mit allem zusammen. Auch die Bundesliga spielt bereits die verschiedenen Szenarien durch.

Erst kürzlich hat die Deutsche Fußball Liga ein Rundschreiben an alle Vereine gesendet. Inhalt: der Umgang mit möglichen Spielabsagen im Zusammenhang mit den Behörden, speziell den Gesundheitsministerien, die in diesen Fällen das Sagen haben.

"Mit den Klubs in den direkten Austausch"

Inzwischen ist die Bundesliga sehr konkret auf Spielabsagen oder mögliche Geisterspiele vorbereitet. "Wenn es wirklich dazu kommt, dass Spiele an verschiedenen Standorten nicht mit einem normalen Zuschaueraufkommen ausgetragen werden können oder komplett abgesagt werden, gehen wir mit den Klubs in den direkten Austausch", sagte der für Fußballangelegenheiten zuständige DFL-Direktor Ansgar Schwenken am Mittwoch gegenüber sportschau.de. "Dann können wir die Maßgabe herausgeben, dass Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgetragen werden."

Weil schlicht der Terminkalender so wenig Platz lässt. Schwenken: "Alle Klubs, die in der Champions League oder Europa League ins Halbfinale kommen können, haben als Ausweichtermin nur noch den Termin zwischen dem 33. oder 34. Spieltag." Erste und Zweite Liga müssten daher bei den Auswirkungen des Coronavirus getrennt betrachtet werden.

Szenarien bereits durchgespielt

Diese Szenarien seien in der DFL-Abteilung Spielorganisation bereits durchgespielt worden. "Wir beschäftigen uns seit zwei Wochen sehr intensiv damit", bestätigte Schwenken. Maßgabe sei immer noch, das ergab eine Abstimmung innerhalb des Präsidiums, die Saison in Erster und Zweiter Liga am 16./17. Mai zum Ende zu bringen. "Wir gehen im Moment davon aus, dass wir nach hinten im Spielplan mit DFB-Pokal-Finale, Champions-League-Endspiel und Europameisterschaft keine Luft haben. Das ist unsere Handlungsmaxime."

Sollte die Saison abgebrochen werden, sieht die Spielordnung übrigens nicht vor, offiziell einen Meister beispielsweise nach 30. Spieltagen zu küren. Schwenken: "Das ist nicht vorgesehen. Wir müssten dafür neue Beschlüsse fassen." Noch ist solch ein Fall ja auch hypothetisch.

Immerhin: Das Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach gegen Borussia Dortmund wird wie geplant am Samstagabend (07.03.2020, 18.30 Uhr) stattfinden. Lediglich die Besucher aus dem Kreis Heinsberg, in dem das Coronavirus in NRW zuerst aufgetaucht war, sollten freiwillig zuhause bleiben - und bekommen den Eintrittspreis erstattet.

Doch was würden Absagen von Bundesliga-Spielen für das minutiös getaktete Fußball-Halbjahr bedeuten?

Eintracht Frankfurt vor ungewissen Wochen

Am Beispiel von Eintracht Frankfurt wird die Problematik deutlich. Das Frankfurter Spiel gegen Werder Bremen vom 24. Spieltag (1. März) musste verlegt werden, weil die Eintracht aufgrund eines Sturmes erst einen Tag später als geplant in der Europa League in Salzburg antreten konnte und deshalb nicht genug Regenerationszeit vor der nächsten Partie zur Verfügung hatte.

Die Hessen sind auch weiterhin in der Europa League vertreten und haben damit mindestens zwei weitere Partien an einem Werktag. Und noch hat die Deutsche Fußball Liga (DFL) keinen neuen Termin für das Bundesliga-Spiel gegen Bremen vergeben (können). Sollten die Frankfurter das Finale erreichen, wäre nur noch ein Zeitraum zwischen dem 33. und 34. Spieltag vorhanden. "Mögliche frühere Ansetzungs-Optionen stehen im Zusammenhang mit dem Abschneiden von Eintracht Frankfurt in der Europa League", teilte die DFL mit.

Schweizer Fußball ruht

Dazu kommt, dass im Schweizer Fußball der Ligabetrieb aufgrund des Coronavirus' für den gesamten März eingestellt wurde. Dominique Blanc, Präsident des schweizerischen Fußballverbandes (SFV) teilte mit: Sollte nach dem 23. März der Spielbetrieb nicht wieder aufgenommen werden können, könne die Meisterschaft aufgrund des Termindrucks nicht wie geplant zu Ende gespielt werden können.

Dominique Blanc: "Ein großes finanzielles Problem" Sportschau 04.03.2020 00:29 Min. Verfügbar bis 04.03.2021 Das Erste

Die Frankfurter treffen in der Europa League auf den FC Basel und müssen eigentlich im St. Jakob Park am 19. März antreten. Ob dieses Spiel überhaupt stattfinden kann oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ist noch offen. "Wir werden mit den Regierungen beider Länder sprechen und eine Entscheidung erst kurz vor dem Spiel treffen", sagte Generalsekretär Theodore Theodoridis nach dem UEFA-Kongress in Amsterdam am Dienstag. "Der Spielkalender ist jetzt schon voll. Wenn Spiele ausgesetzt werden, ist das ein Problem." Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, sagte gegenüber sportschau.de: "Wir haben noch keine weiteren Information. Das liegt auch nicht in unserer Hand, das ist höhere Gewalt." Bei ihm ist deutlich heraushören, dass ihn das Thema nervt.

Sollte das Spiel zwischen Basel und Frankfurt verlegt werden müssen, wäre die Termin-Not noch größer: Denn direkt im Anschluss ist eine Länderspielwoche terminiert, in denen keine Ligaspiele stattfinden. Und es könnte noch andere deutsche Mannschaften treffen. Neben Frankfurt spielen Bayer 04 Leverkusen und der VfL Wolfsburg in der Europa League. In der Champions League sind es RB Leipzig, der FC Bayern sowie Borussia Dortmund. Auch diesen Vereinen droht bei Spielabsagen ein Spielplan-Chaos führen. Etwa wie in Italien.

Italienische (Corona-) Verhältnisse

Cristiano Ronaldo von Juventus Turin

Cristiano Ronaldo von Juventus Turin

Beim italienischen Fußball geht gerade viel durcheinander. Bereits zehn Spiele der Serie A wurden abgesagt. Auch die Halbfinalrückspiele in der Coppa Italia (Neapel-Inter, Juventus-Milan), geplant für diesen Mittwoch und Donnerstag, werden verschoben. Für einige der Matches gibt es Ausweichtermine. Die sechs ausgefallenen Spiele des 26. Spieltages werden am kommenden Wochenende sowie am Montag gespielt. Dafür wird der komplette 27. Spieltag eine Woche verschoben. Alle anderen Spieltage rutschen ebenfalls nach.

Um den Kalender einzuhalten, wird ein zusätzlicher Spieltag am ursprünglich für das Pokalfinale vorgesehenen 13. Mai eingeführt. Auf diesen Termin rutschen die ursprünglich für den 10. Mai angesetzten Spiele des 36. Spieltags. Am 17. Mai wird regulär der der 37. Spieltag ausgetragen, am 24. Mai regulär der finale 38. Spieltag.

Sogar Verlegung des Pokalendspiels denkbar

Womöglich ist solch eine Lösung auch eine Variante für den DFB, das für den 23. Mai geplante Pokalfinale zu verlegen. Offenbar wird nun sehr genau geschaut, wer das Pokalfinale erreicht: Sind es beispielsweise zwei Mannschaften, die sich schon für die Champions League qualifiziert haben, böte sich eine Verlegung in die neue Saison an. Das gab es schon einmal: 1974 wurde das Pokalfinale auch wegen der Terminnot durch die Weltmeisterschaft im eigenen Land erst nach der Sommerpause ausgetragen. Sieger wurde am 17. August 1974 übrigens Eintracht Frankfurt.

Viel mehr Spielraum ist nicht: Bundestrainer Joachim Löw will ab dem 24. Juni die Vorbereitung für das EM-Turnier beginnen und die Nationalspieler im Trainingslager versammeln.

Spielplan-Chaos droht

Sollte das Spiel zwischen Basel und Frankfurt verlegt werden müssen, wäre die Termin-Not noch größer: Denn direkt im Anschluss ist eine Länderspielwoche terminiert, in denen keine Ligaspiele stattfinden.

Und es könnte noch andere deutsche Mannschaften treffen. Neben Frankfurt spielen Bayer 04 Leverkusen und der VfL Wolfsburg in der Europa League. In der Champions League sind es RB Leipzig, der FC Bayern sowie Borussia Dortmund. Auch diesen Vereinen droht bei Spielabsagen ein Spielplan-Chaos führen. Etwa wie in Italien.

Wettbewerbsverzerrung?

Für die vier ausgefallenen Spiele des 25. Spieltags in Italien gibt es allerdings noch keine Lösung. Ursprünglich wurde der neue Ersatzspieltag 13. Mai ins Auge fasst. Die Idee stieß jedoch auf Kritik, weil dies auch das Spitzenspiel Juventus - Inter Mailand betroffen hätte.

Napolis Coach Gennaro Gattuso befürchtete Wettbewerbsverzerrung. "Wir wissen alle, dass es einen Unterschied macht, an welchen Zeitpunkt der Saison ein Match stattfindet", sagte er.

Am Mittwochmittag treffen sich alle Verantwortlichen zu einer außerordentlichen Versammlung der Lega Serie A in Rom. Sie müssen eine Lösung für das Spiel Juve gegen Inter und die anderen drei ausgefallen Spiele vom Februar finden - und auch neue Termine für das Pokal-Halbfinale.

Vor leeren Rängen

Das Pokalfinale wurde wegen der Verschiebung des Spielplans der Serie A vom 13. Mai um eine Woche auf den 20. Mai verschoben. Wahrscheinlich steht dafür auch nicht mehr das Olympiastadion in Rom zur Verfügung, sondern San Siro in Mailand. All dies ist aber nur zu halten, wenn in Mailand überhaupt gespielt werden kann und es wegen des Coronavirus nicht zu weiteren Spielabsagen kommt.

Auf europäischer Ebene müssen Italiens Vereine ebenfalls mit Veränderungen rechnen. Spaniens Sportminister verkündete bereits, dass das Achtelfinalrückspiel in der Champions League zwischen dem FC Valencia und Atalanta Bergamo (10. März) sowie das Europa-League-Match zwischen Getafe und Inter Mailand (19. März) vor leeren Rängen stattfinden wird.

Für das Länderspiel zwischen Deutschland und Italien am 31. März in Nürnberg gab der Verband FIGC noch keine Informationen über etwaige Reisebeschränkungen heraus.

Was passiert mit der EM?

Und schließlich könnte die Virus-Problematik auch großen Einfluss auf die Fußball-Europameisterschaft (12. Juni bis 12. Juli) haben, die in diesem Jahr in ganz Europa stattfindet. Da zudem noch die Olympischen Sommerspiele in Tokio (24. Juli bis 9. August) stattfinden, besteht für die europäischen Fußball-Ligen auch kein Spielraum, ihre Spielzeiten nach hinten zu verlängern.

Die UEFA-Führung hat angesichts der Coronavirus-Krise  eingeräumt, mit Blick auf die EM im Sommer diverse Notfall-Optionen zu prüfen. "Wir haben verschiedene Szenarien. Wir wollen aber diese im Moment nicht öffentlich diskutieren", sagte Generalsekretär Theodoridis. Über eine mögliche Absage machte er keine Angaben. "Wir wollen nicht spekulieren, was in drei oder vier Monaten passiert", sagte er.

Lahm über mögliche EM-Absage: "Dann wird es die WHO betreffen" Sportschau 04.03.2020 00:29 Min. Verfügbar bis 04.03.2021 Das Erste

Stand: 04.03.2020, 10:08

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