Mutige Schalker beenden einen Albtraum

Schalkes Becker (l.), Harit (m.) und Serdar (r.)

Die "Königsblauen" verändern ihre Spielweise

Mutige Schalker beenden einen Albtraum

Von Jörg Strohschein

Der FC Schalke 04 feiert gegen 1899 Hoffenheim einen Sieg, weil sich das Team in dieser Partie von seiner ängstlichen Spielweise befreit hat. Trainer Christian Gross hat seinen Spielern vor allem Mut verordnet. Angreifer Matthew Hoppe schießt die "Königsblauen" zu einem kaum mehr für möglich gehaltenen Erfolg.

Mark Uth wusste überhaupt nicht, wohin mit seiner Freude. Der Offensivspieler des FC Schalke 04 war kurz vor dem Abpfiff ausgewechselt worden und fieberte von der Auswechselbank aus mit. Jede Sekunde, die verrann, brachte die Erlösung näher. Und als Schiedsrichter Felix Zwayer die Pfeife am Samstag (09.01.2021) in den Mund nahm und den Schlusspfiff ertönen ließ, lief Uth auf das Feld und umarmte mehrere Minuten lang jeden, der ihm gerade in den Weg kam. Der schier unendliche Albtraum war endlich vorbei.

4:0 hieß es am Ende für die Schalker gegen 1899 Hoffenheim, und 358 Tage Erfolglosigkeit mit 30 Bundesligaspielen ohne Sieg waren in diesem Moment beendet. Dass der Ruhrgebietsklub ganz nebenbei den Negativrekord der Bundesliga in letzter Sekunde bei Tasmania Berlin (31) gelassen hatte, war an diesem kalten, regnerischen und doch so aufgeladenen Nachmittag in der Gelsenkirchener Arena nur eine Randnotiz.

Schalkes Christian Gross dämpft Euphorie: "Ein Schutzmechanismus" Sportschau 09.01.2021 00:25 Min. Verfügbar bis 09.01.2022 Das Erste

Drei Profis sorgen für den Unterschied

Es ging vielmehr darum, dass die Schalker den Sinn ihres Berufes wiedergefunden hatten. Das Gefühl, wie gut und befreiend sich ein Sieg anfühlt, hatten die Schalker Profis über die vielen Wochen und Monate schon fast vergessen. Christian Gross stand derweil fast regungslos am Spielfeldrand und beobachtete die Szenerie. Von Euphorie über den ersten Sieg nach so langer Zeit war beim Trainer der "Königsblauen" nichts zu sehen. "Vielleicht habe ich ein wenig Energie gespart. Weil ich weiß, was uns in den nächsten Wochen noch erwartet. Aber ich freue mich sehr", sagte der Schweizer mit ernster Miene.

Es gab erstmals auch wieder Spieler, die den Unterschied zwischen der dauerhaften Trübsal und der ungewohnten Glückseligkeit ausmachten. Es waren sogar gleich drei Profis, die dafür sorgten, dass es zum so lange herbeigesehnten Erfolg reichte. "Uns musste ein überragender Torhüter retten. Er war ein Felsen im Tor", sagte Gross über Ralf Fährmann, der mit gleich fünf Glanzparaden einen Gegentreffer verhinderte. Hoffenheim war in der ersten Halbzeit das bessere Team mit großen Torchancen. Aber den Schalkern war erstmals nach langer Zeit das Glück hold.

Dann war da noch Amine Harit. Der offensive Mittelfeldspieler erzielte nicht nur den Treffer zum 4:0, sondern bereitete gleich drei Tore direkt vor. Der 23-Jährige, der noch im November suspendiert und bald darauf wieder begnadigt worden war, zeigte erstmals in diesem Jahreszeitraum, weshalb sich bisher alle Trainer so viel von dem jungen Mann erhofften.

Hoppe trifft dreifach

Vor allem Matthew Hoppe sorgte aber für die größte Überraschung des Tages. Gleich drei Tore erzielte der 19 Jahre alte US-Amerikaner. In 16 Spielen in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga hatte er gerade einmal einen Treffer zustande gebracht. "Er hatte einen grandiosen Tag. Daran wir er sich immer zurückerinnern", sagte Groß über Hoppe nach dessen sechstem Bundesligaeinsatz.

Dreimal Hoppe, einmal Harit - die Tor-Collage zu Schalkes Sieg

Sportschau 09.01.2021 01:15 Min. Verfügbar bis 09.01.2022 ARD Von Burkhard Hupe


"In diesem Spiel ist viel für uns gelaufen. Das weiß ich. Aber darauf können wir aufbauen", sagte Gross. Das, was sich so lapidar anhörte, hatte der Coach in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit bereits bewirkt. Am Tag vor dem Spiel hatte der 66-Jährige noch ein Motto für seine Arbeit ausgegeben: "Den Mutigen gehört die Welt", sagte Gross. Was er genau damit meinte, war gegen Hoffenheim deutlich zu erkennen.

Spiel ohne Angst

Seine Spieler hatten die klare Anweisung - neben leidenschaftlichem Einsatz und einer ausgewiesenen Kampfkraft - die vielen Quer- und Rückpässe zu unterlassen. Diese geradezu destruktive und erfolglose Spielweise, die niemandem außer dem Gegner hilft. Die Spielrichtung sollte sich wieder nach vorne, auf das gegnerische Tor richten - und nicht weiter aus angsterfülltem Ballgeschiebe bestehen.

Und vor allem Harit und Hoppe, die beide gerne die Wege in die Tiefe hinter die gegnerischen Abwehrketten suchen, kommt diese Herangehensweise gerade recht. Und auf diese Weise entstanden auch die ersten drei Treffer. Harit hatte im Mittelfeld den Ball, Hoppe startete jeweils in die Schnittstelle der Hoffenheimer Abwehrkette, um das folgende Zuspiel wie ein erfahrener Torjäger geradezu kunstvoll zu verwerten. "Ich kann es gar nicht beschreiben, ich finde keine Worte", sagte Hoppe, der noch nie zuvor so im Rampenlicht gestanden hatte, noch sichtlich schüchtern.

Kolasinac mit Führungsqualitäten

Weniger auffällig und doch als immense Verstärkung präsentierte sich auch der vom FC Arsenal ausgeliehene Rückkehrer Sead Kolasinac in seiner ersten Partie für "seine" Schalker. Mit seiner Kampfkraft und seinen dynamischen sowie energetischen Tempoläufen setzte er immer wieder Signale an seine neuen Mitspieler, die sich an der enormen Kraft des 27-Jährigen immer wieder aufrichteten. Seiner selbst auferlegten Aufgabe, Führungsspieler dieser Mannschaft werden zu wollen, ist er bereits in seinen ersten 90 Minuten nachgekommen. "Wir haben auf unsere Chance gewartet, und wir haben unsere Chance genutzt", sagte Kolasinac.

Schalkes Kolasinac: "Haben gewusst, dass wir unsere Chance bekommen"

Sportschau 09.01.2021 Verfügbar bis 09.01.2022 ARD Von Marc Eschweiler


Der Sieg gegen das seltsam fehlerhafte und wenig inspirierte Team von Sebastian Hoeneß war allerdings nur der erste kleine Schritt aus einer tiefergreifenden Krise. "Mir ist bewusst, dass noch viele schwierige Spiele auf uns zukommen. Das Selbstbewusstsein hat sich hoffentlich erhöht", sagte Gross. 19 Partien bleiben den Schalkern noch, um den drohenden Abstieg zu verhindern. Mit diesem Erfolg haben sie sich die Gelegenheit erarbeitet, wieder aktiv in den Abstiegskampf einzugreifen. Ein erster kleiner Lichtstrahl zwischen den dichten dunklen Wolken über dem Berger Feld.

Stand: 09.01.2021, 21:35

Weitere Themen

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.Bayern München1739
2.RB Leipzig1735
3.Bayer Leverkusen1732
4.Bor. M'gladbach1831
5.Bor. Dortmund1829
6.VfL Wolfsburg1729
 ...  
13.Werder Bremen1718
14.Hertha BSC1717
15.Arm. Bielefeld1717
16.1. FC Köln1715
17.1. FSV Mainz 05177
18.FC Schalke 04177
Darstellung: