Michael Preetz - das bittere Ende einer Ära

Michael Preetz

Das Beben in Berlin

Michael Preetz - das bittere Ende einer Ära

Von Frank Hellmann

Michael Preetz hat turbulente Zeiten bei Hertha BSC überstanden. Dass der langjährige Macher kurz vor seinem 25-jährigen Dienstjubiläum gehen musste, hat nicht nur mit dem sprunghaft gestiegenen Anspruchsdenken des Hauptstadtklubs zu tun. Eine Analyse.

Es gibt nicht viele, die mit Hertha BSC eine so innige Verbindung besitzen wie Michael Preetz. Und dazu hat der am Sonntag (24.01.2021) von seinen Aufgaben entbundene Geschäftsführer Sport gar nicht die Berliner Mundart beherrschen müssen, denn auch ohne "Berlinerisch" hat der Rheinländer Preetz die Geschicke und das Erscheinungsbild des Hauptstadtklubs entscheidend geprägt.

Doch für den 53-Jährigen, der eigentlich in diesem Sommer sein 25-jähriges Dienstjubiläum gefeiert hätte, ist vorzeitig Schluss. Seine Freistellung wird als folgerichtig gewertet. Der mit der Hertha seit jeher im Umgang kritische "Tagesspiegel" kommentierte das Ende einer Ära mit einer gewissen Ironie: "Es ging auf und ab in dieser Zeit, nur nie voran, trotz großer Worte und zuletzt viel Geld, sogar sehr viel Geld. Doch während das wiedervereinte Berlin zu einer der weltweit bedeutendsten Städte aufstieg, blieb Hertha unter Preetz das, was es schon immer war: ein uneingelöstes Versprechen."

Er wollte bremsen und beschleunigen

Auch der Berlin-Experte vom Fachmagazin "Kicker" kam zu keinem guten Abschlussurteil: "Preetz wollte gleichzeitig bremsen und beschleunigen. Er verschliss zu viele Trainer und baute einen Kader, der gut klingt, aber nicht gut spielt." Zu viel lief zuletzt schief, um den für den Sport verantwortlichen Preetz von Verantwortung freizusprechen. Was auch mit der gestiegenen Erwartungshaltung nach dem Einstieg des Investors Lars Windhorst zu tun hat: Mit seinem Geld sollte recht zügig der Mief von Mittelmaß aus dem zugigen Olympiastadion vertrieben werden. Nun allerdings ist Hertha wieder mal im Abstiegskampf gefangen.

Und das in Zeiten, wo Union Berlin als Verein aus dem Osten mit seinem deutlich bescheidenderen Mitteln so viel Spaß macht, während sich der Verein aus dem Westend der Lächerlichkeit preisgibt. Der ehrgeizige Vorsitzende der Geschäftsführung, Carsten Schmidt, will einen Neuanfang im großen Stil. Man befinde sich in einer "sehr ernsten Situation" und wolle "einen neuen Impuls setzen", sagte Schmidt, der noch keine zwei Monate im Amt befindliche Quereinsteiger mit Sky-Vergangenheit: "Wir wollen einen Neuanfang."

Und dafür ist Preetz aus seiner Sicht nicht mehr der Richtige. Damit verliert der Klub aber auch eine Konstante. Obwohl Preetz in Düsseldorf geboren und aufgewachsen ist, bei der dortigen Fortuna Fußballprofi wurde, galt er lange als die authentische Identifikationsfigur der Hertha. Was damit zu tun hatte, dass er dort auch seine erfolgreichste Zeit als Spieler hatte.

Herthas Geschäftsführer Carsten Schmidt: "Wir wollen einen Neustart" Sportschau 24.01.2021 01:33 Min. Verfügbar bis 24.01.2022 Das Erste

Dieter Hoeneß bremste ihn lange aus

Sein Vertrag bei Zweitliga-Absteiger SG Wattenscheid 09 war ausgelaufen, als ihn im Sommer 1996 ein Anruf von Jürgen Röber erreichte. Der Hertha-Trainer lotste daraufhin den mitunter etwas ungelenk wirkenden Mittelstürmer nach Berlin - und bald schien es, als hätten sich der große Angreifer und die "alte Dame" gesucht und gefunden.

Bundesliga-Aufstieg 1997, Bundesliga-Torschützenkönig 1999, sogar die Champions League und die Nationalmannschaft erlebte Preetz noch mit, der als Kapitän und Publikumsliebling wie gemacht war, um die nicht einfache Verankerung des Klubs in einer sich ständig häutenden Großstadt zu verstärken. Jedenfalls hatte sich das Herthas Führungskraft Dieter Hoeneß so ausgedacht, der den klugen Kopf Preetz zwar schnell in die Geschäftsführung - zunächst als Assistenten - einband, doch dem Umsteiger lange auch Daumenschrauben anlegte.

Neustart bei Hertha BSC Sportschau 25.01.2021 01:46 Min. Verfügbar bis 25.01.2022 Das Erste

Immer geschützt vom Präsidenten Gegenbauer

Erst 2009, als Hoeneß nach einem Machtkampf mit Präsident Werner Gegenbauer abtreten musste, gelangte Preetz aus dem Schatten seines machtbewussten Vorgängers. Er wollte weniger autoritär rüberkommen, die Menschen auf der Geschäftsstelle wieder mehr mitnehmen. Vorweg: Seine Verlässlichkeit, seine Ruhe, seine Loyalität sollten dem Hauptstadtverein über all die Jahre durchaus guttun.

Gleich sein erstes Jahr in der Verantwortung endete 2009/2010 jedoch mit dem Abstieg – Preetz entließ früh Lucien Favre, um dann Friedhelm Funkel als Retter zu verpflichten. Der Plan ging grandios schief. Weil aber der sofortige Wiederaufstieg gelang, wurde ihm verziehen. Genau wie die Turbulenzen in der Saison 2011/2012, als nach dem Irrtum mit Michael Skibbe tatsächlich noch einmal Trainer-Rentner Otto Rehhagel in die Bundesliga zurückkehrte.

Die skandalösen Umstände, unter denen Hertha schlussendlich im Relegationsspiel im Mai 2012 bei Fortuna Düsseldorf abstieg, übertünchten den Anteil, den Preetz mit seinem Missmanagement auch an diesem Abstieg trug. Erneut aber stand Gegenbauer treu zu Preetz, der erneut das Zweitligajahr zur Rehabilitierung nutzte.

Ein ständiges Auf und Ab

Sein Wirken war jedoch auch in der Folgezeit geprägt von einem Auf und Ab, das nicht viele Manager-Kollegen an anderen Standorten überlebt hätten. Die Trennung nach zwölf Jahren als Geschäftsführer bedeutet eine Zäsur. Aber wie geht es weiter? Nachdem die Hertha gegen Arminia Bielefeld, die TSG Hoffenheim und Werder Bremen nicht gepunktet hat, warten nun andere Kaliber. Am Samstag (30.01.2021) geht es zu Eintracht Frankfurt, der Mannschaft der Stunde in der Liga.

Fandemo in Berlin: Plakate vor dem Bremen-Spiel

Fandemo in Berlin: Plakate vor dem Bremen-Spiel

Vor dem jüngsten Nackenschlag gegen Werder Bremen (1:4) kam es sogar zu einer Fandemo vor dem Stadion. Der Vorwurf: Preetz gab einen dreistelligen Millionenbetrag in 2020 für Neuzugänge aus, die in großen Teilen mit sich selbst beschäftigt sind. Kostspielige Profis wie Lucas Tousart (25 Millionen Euro Ablöse), Krzysztof Piatek (24) oder Dodi Lukebakio (20), der gegen Bremen aus sportlichen Gründen nicht mal im Kader stand, entpuppten sich nicht als große Verstärkungen. Dass teuer nicht immer gut heißt, ahnen sie in Berlin.

Zu viele Diven im Kader

Der "Kicker" schreibt von einer "nie dagewesenen Diven-Dichte" in der Kabine. Egoismus, fehlende Mentalität und Wetterfestigkeit, dazu integrative Probleme wegen fehlender Deutschkenntnisse - die Mannschaft wirkt in der Innenansicht wie eine Ansammlung von Ich-AGs. Fraglich, ob diese Missstände der neue Sportdirektor Arne Friedrich sofort beheben kann, den Jürgen Klinsmann in seinem aufsehenerregenden Intermezzo als seinen "Performance-Manager" in seinen Staff holte.

Zusammenhalt herzustellen scheint oberstes Gebot. Daher ist die Lösung mit Pal Dardai als Trainer-Rückkehrer sicher nicht verkehrt, der von Preetz vor genau fünf Jahren erstmals auf den Cheftrainerposten berufen wurde, als die Hertha auf einem direkten Abstiegsplatz stand. Sein Assistent wird Ex-Profi Andreas "Zecke" Neuendorf werden, der im Juli 2019 zum U23-Coach aufgestiegen war. Dardai, Neuendorf und Friedlich kommen insgesamt auf knapp 1.000 Pflichtspiele für die Beliner - mehr Hertha-DNA geht kaum.

Unter Dardai landete die Hertha übrigens auf den Rängen, sieben, sechs, zehn und elf. Dass der intern beliebte Ungar nicht bleiben konnte, hatte mit dem Verlangen nach besserer Unterhaltung zu tun. Alsbald kamen die Ambitionen hinzu, die über die hohen Windhorst-Finanzspritzen in den Klub getragen wurden. Doch dessen bereitgestellte Summe von rund 300 Millionen Euro ist zum Großteil schon ausgegeben – und Hertha vom "Big City Club" noch ungefähr so weit weg wie Deutschland von einer Null-Corona-Inzidenz.

mit sid | Stand: 25.01.2021, 15:21

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