Eskalation oder Problemlösung - der Fall Hopp und die Folgen

Dietmar Hopp und Karl Heinz Rummenigge

Fußball, Bundesliga

Eskalation oder Problemlösung - der Fall Hopp und die Folgen

Von Nora Hespers

Der Ball rollt weiter - und die Debatte um die Schmähungen gegen Dietmar Hopp reißt nicht ab. Wie geht es nun weiter, was sind die Lehren aus der Affäre? Ein Kommentar.

Die Causa Hopp erhitzt die Gemüter. Das wird auch im DFB-Pokal-Viertelfinale nicht anders sein. Es geht um eine Auseinandersetzung, die längst keine Privatfehde mehr ist: Fangruppen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp.

Um eines vorwegzuschicken: Niemand hat es verdient, beleidigt, verleumdet oder mit Hass überschüttet zu werden. Jede Person, die sich solchen Anfeindungen gegenübersieht, hat das Recht, sich dagegen zu wehren. Auch mit juristischen Mitteln. Niemand muss sich beleidigen lassen.

Hass und Beleidigungen sind Grenzüberschreitungen

Hass und Beleidigungen sind Grenzüberschreitungen und in aller Regel auch gewollt verletzend. Aber nicht jede dieser Äußerungen ist automatisch auch diskriminierend in der Form, dass einer Person daraus ein Nachteil entstehen würde. Das wiederum ist ein wichtiges Merkmal, wenn es um Diskriminierung geht. Denn diskriminierende Äußerungen sind nicht nur herabwürdigend, ausgrenzend und verletzend. Die darin enthaltenen Stigmatisierungen sorgen in aller Regel dafür, dass Menschen sozial benachteiligt werden. Das zeigt sich am Beispiel von Rassismus.

Wem jetzt das Wort "Whataboutism" auf der Zunge liegt, sollte noch mal kurz die Luft anhalten. Denn: Das Eingreifen des DFB durch seine ausführenden Organe - in diesem Fall die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter - erfolgte auf Grundlage eines Dreistufenplans. Dieser Dreistufenplan wurde bereits 2009 von der UEFA entwickelt und vom DFB übernommen.

Das Ziel damals: bei "schwerwiegenden rassistischen Äußerungen durch Gesänge, Beleidigungen, Zwischenrufe oder auch Spruchbänder" durchgreifen zu können. 2017 hat auch die FIFA den Dreistufenplan übernommen und im Sommer 2019 nochmals die Strafen verschärft. Er findet sich in den von der FIFA herausgegebenen Richtlinien für Diskriminierung in Fußball-Stadien.

Dreistufenplan kam vorher nur ein Mal zum Einsatz

Seit 2009 kam dieser Dreistufenplan in Deutschland ein einziges Mal zum Einsatz: Beim Drittligaspiel zwischen Preußen Münster und den Würzburger Kickers. Da hat Schiedsrichterin Katrin Rafalski umgehend Stufe eins - eine Stadiondurchsage - veranlasst, nachdem der Würzburger Leroy Kwadwo kurz vor Abpfiff von einem Zuschauer rassistisch beleidigt wurde.

Am vergangenen Spieltag (29.02./01.03.2020) wurde der Dreistufenplan dann gleich in vier Bundesliga-Stadien eingesetzt: Wegen Schmähgesängen und Beleidigungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp - und den DFB - wurde sogar Stufe zwei umgesetzt: die Spielunterbrechung.

Ursache für die Proteste waren die Kollektivstrafen, die der DFB gegen Dortmunder Fans ausgesprochen hatte, nachdem sie - richtig - Dietmar Hopp beleidigt hatten. Das Szenario in Sinsheim war pompös inszeniert. Es gab einen Schulterschluss zwischen Karl-Heinz Rummenigge und dem Hoffenheimer Milliardär. Und jetzt hat der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG sogar eine Art "Kommission gegen Hass" angekündigt.

Soweit so gut. Aber: Es bleibt die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der getroffenen Maßnahmen. Denn dem DFB steht seit knapp elf Jahren ein Instrumentarium zur Verfügung, um auch gegen die zunehmende rassistische Gewalt in Stadien durchzugreifen. Bislang wurde davon aber in der höchsten Spielklasse noch nie Gebrauch gemacht. Stattdessen werden Jugendmannschaften sogar mit Punktabzug bestraft, wenn sie eigenmächtig vom Platz gehen, um sich gegen rassistische Beleidigungen gegen einen ihrer Spieler zur Wehr zu setzen.

Parolen statt echter Maßnahmen

Weitere Maßnahmen gegen Sexismus - ein Opfer war zum Beispiel Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus - Homophobie, Rassismus und Antisemitismus in Stadien beschränken sich auf Banner und Transparente mit Aufschriften wie "Respect" oder "No to Racism". Feigenblätter, während in autokratisch geführten Regimen Welt- und Europameisterschaften ausgetragen werden, in denen staatliche Gewalt gegen marginalisierte Menschen an der Tagesordnung ist.

Und da fragen sich einige Fans zurecht, ob dem DFB vielleicht einige Menschen mehr am Herzen liegen als andere. Oder ob vielleicht auch einfach Geld hofiert wird. Aber der Wert eines Menschen berechnet sich nicht nach seinem Kontostand. Und danach sollte sich auch der DFB richten.

Was ist überhaupt beleidigend und diskriminierend?

Es gibt noch eine weitere, absurde Facette. Wer bestimmt eigentlich, was beleidigend und diskriminierend ist? Wie sollen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter auf dem Feld während eines laufenden Spiels eine so komplexe Entscheidung treffen. Entscheidungen über Aussagen, bei denen sich selbst Gerichte in Deutschland nicht einig sind. Da wird das Wort "Drecksfotze" gegen die Politikerin Renate Künast in erster Instanz schon mal als zulässig gewertet. Auch Staatssekretärin Sawsan Chebli hat zuletzt vergeblich versucht, sich vor Gericht gegen die Beleidigung und Diskriminierung ihrer Person zur Wehr zu setzen.

Im Stadion aber entscheiden der DFB und seine Organe, was geht und was nicht. Das führte am Wochenende zu einer Spielunterbrechung der Drittliga-Partie Meppen gegen Duisburg. Dort hatten die Ultras diesen Spruch auf ein Banner gepinselt:

"Hat der Dietmar genug Kohle
wird zum Schutz und seinem Wohle.
Von Leuten deren Wort nichts Wert.
Mal wieder jemand ausgesperrt."

Das Banner war zuvor sogar beim Verein angemeldet worden. Keine Pointe.

Eskalation oder Problemlösung?

Die entscheidende Frage, die sich der DFB vor dem Pokalspieltag stellen muss, lautet: Soll die Situation wirklich weiter eskaliert werden, weil der DFB gegen Kritiker eines Funktionärs hart durchgreifen will? Denn Dietmar Hopp kann sich bislang auch ganz gut selber gegen die Schmähungen wehren - und das tut er ja auch bisweilen sehr hartnäckig.

Oder will der DFB sich endlich den tatsächlichen Problemen des Sports zuwenden, nämlich Rassismus, Sexismus und Homophobie? Und will er diese auch endlich in den eigenen Reihen offenlegen und bekämpfen?

Zeigler zur Causa Hopp: "Niemand hat es verdient, fertiggemacht zu werden" Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs 01.03.2020 05:11 Min. Verfügbar bis 01.03.2021 WDR

Stand: 03.03.2020, 14:58

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