Frankfurt und Union: Unvorbereitet in den Überlebenskampf

Urs Fischer (l.) und Adi Hütter

Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga

Frankfurt und Union: Unvorbereitet in den Überlebenskampf

Von Frank Hellmann

Der Meisterschaftskampf scheint entschieden, dafür gewinnt der Abstiegskampf wieder an Brisanz. Mit Eintracht Frankfurt und Union Berlin sind zwei Klubs verstrickt, die damit nicht unbedingt mehr gerechnet haben. Das birgt Gefahren.

Den Bundesliga-Betrieb in Pandemie-Zeiten von der lärmenden Kulisse zu befreien, hat atmosphärisch viele Nachteile. Den Torhütern bringt es fraglos einige Vorteile. In vielen leeren Stadien kristallisiert sich schnell heraus, dass der Keeper die Kommandos gibt. So auch bei Eintracht Frankfurt, wo mit Kevin Trapp jener Tormann angestellt ist, der als der drittbeste in Deutschland gilt. "Wir sind gut, weiter, weiter!" brüllte der 29-Jährige während des vogelwilden 3:3-Spektakels gegen den SC Freiburg. Als Trainer Adi Hütter danach die wichtigste Erkenntnis zusammenfasste ("Die Mannschaft lebt"), war damit die Hoffnung verbunden, dass das Lebenszeichen zur richtigen Zeit erfolgt ist.

Die Hessen sind, obwohl sie noch in der Europa League vertreten sind (0:3 im Achtelfinalhinspiel gegen den FC Basel) und im DFB-Pokal-Halbfinale stehen (10. Juni beim FC Bayern), mitten im Abstiegskampf verstrickt. Ein Punkt vor dem Tabellen-15. aus Mainz, nur noch zwei vor Fortuna Düsseldorf und damit dem Relegationsrang. Die Schaffenskrise, die sich vor der Corona-Krise andeutete, hat nach nur einem Punkt aus sechs Spielen naturgemäß tabellarische Folgen.

Bobic war noch beim Re-Start nicht besorgt

Psychologisch ist die Ausgangslage auf der Zielgeraden nicht so ganz einfach. Lange hatten selbst die Verantwortlichen nicht wahrhaben wollen, dass der Abstiegskampf noch zum Thema wird. Sportvorstand Fredi Bobic hatte die größte Besorgnis zum Re-Start nach einem ziemlich ernüchternden Auftritt gegen Borussia Mönchengladbach (1:3) eher weggelächelt. "Die Tabelle lügt ja nicht. Wenn wir heute gewonnen hätten, hätten wir einen größeren Schritt dort weg gemacht", sagte Bobic am selben Abend. "Jetzt sind wir da mittendrin, noch nicht ganz im Schlamassel, aber wo der Kontakt da ist." Das klang damals nicht allzu besorgt.

Eine weitere Niederlage am Samstag (15.30 Uhr) beim VfL Wolfsburg würde die Eintracht weiter abrutschen lassen, sollte zeitgleich der 1. FSV Mainz 05 gegen die TSG Hoffenheim gewinnen. Dass Fortuna Düsseldorf beim FC Bayern punktet (18.30 Uhr), erwartet zwar kaum jemand, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass im Frankfurter Stadtwald die Alarmglocken erst mit Verspätung schrillen. Die Frankfurter haben noch das wichtige Nachholspiel bei Werder Bremen (Mittwoch 20.30 Uhr) vor der Brust.

Hütter macht ungewohnte Erfahrung

Von einer "neuen Herausforderung" spricht denn auch Trainer Hütter. "Ganz ehrlich, ich hätte im Sommer nicht damit gerechnet, dass wir nach 26 Spieltagen in einem so unangenehmen Tabellenbereich sind", sagte der Österreicher in einem Interview der "Bild"-Zeitung. Vor der Corona-Pause machte seine Mannschaft sogar den Eindruck, als seien ihr die Cup-Wettbewerbe wichtiger. Es hat gedauert, dass die neue Gefahrenlage wirklich in alle Köpfe vordringt. Hütter gibt zu: "Wenn man die Niederlagen nimmt und die Tabellensituation, ist das für mich persönlich sehr ungewohnt."

Tatsächlich hatte der Chefcoach mit Young Boys Bern die Schweizer Meisterschaft gewonnen, dasselbe gelang dem einst feinen Mittelfeldtechniker in seiner Heimat mit FC Red Bull Salzburg. Und als Nachfolger von Niko Kovac führte er auf seiner ersten Bundesliga-Station die Eintracht im Vorjahr in einem sensationellen Siegeszug nicht nur ins Europa-League-Halbfinale, sondern auf Umwegen ein zweites Mal ins internationale Geschäft. Um den Klassenerhalt zu bangen, ist gewissermaßen unbekanntes Arbeitsfeld.

Keine Angst, aber Respekt

"Wenn ich an mir zweifeln würde, wäre ich nicht der richtige Mann", sagte der 50-Jährige, der aber gleichzeitig gestand: "Die Fakten beschäftigen mich, ich ärgere mich." Die Eintracht wäre nicht der erste Verein der Bundesliga-Geschichte, der aus einer scheinbar beruhigenden Situation in den Abstiegsstrudel gerät. Und plötzlich ist die Negativspirale des Misserfolgs - diese Wortschöpfung benutzte Bobic-Vorgänger Heribert Bruchhagen gerne - nicht mehr aufzuhalten.

"Angst habe ich jetzt nicht, Respekt aber schon", sagte Hütter über die drohende Abstiegsgefahr, die für ihn eine Ausnahme bleiben soll: "Feuerwehrmann möchte ich nie werden. Meine Ansprüche sind immer, sich nach oben zu orientieren." Aber: Seit dem 5:0 gegen den FC Augsburg am 7. Februar hat die Eintracht nicht mehr gewonnen. Gegen Freiburg waren Chancen dafür reichlich vorhanden. Statistiker notierten 35 Torschüsse. Saisonrekord für die Bundesliga und Vereinsrekord für die Eintracht.

"Wir wollten unbedingt gegen Freiburg einen Befreiungsschlag landen", konstatierte Hütter etwas zerknirscht, der von "zwei verlorenen Punkten" sprach. Der in der Winterpause auf Hütters Betreiben in die Mainmetropole gelotste Stefan Ilsanker gab derweil zu verstehen: "Wenn man jedes Spiel drei, vier, fünf Gegentore bekommt, wird's leider schwer, Spiele zu gewinnen." Tatsächlich muss an der Balance noch gebastelt werden. In den nächsten zwei Auswärtsspielen ist die Eintracht zudem gefordert, den mickrigen sieben Zählern auf fremden Plätzen etwas Zählbares hinzuzufügen.

Union klammert sich an einen Punkt

Das Abstiegsgespenst ist im Geisterspielbetrieb aber nicht nur in Frankfurt vorstellig geworden. Sondern auch in Berlin. Nur nicht am Olympiastadion, wo Bruno Labbadia mit Hertha BSC eine wundersame Wiederbelebung hinbekommen hat, sondern an der Alten Försterei bei Union Berlin. "Wieder ein Punkt mehr auf dem Konto", sagte Trainer Urs Fischer nach dem 1:1 gegen den 1. FSV Mainz 05. Aber war das wirklich ein Fortschritt? Der Vorsprung vor den Abstiegsplätzen schmilzt. Ähnlich wie in Frankfurt liegt der letzte Sieg mehr als ein Vierteljahr zurück: Im 24. Februar beeindruckte der Aufsteiger mit einem 2:1-Sieg eben bei der Eintracht.

Gefühlt schien das der Klassenerhalt, obwohl weder die Spieler und erst recht nicht der Trainer des Überschwangs verdächtig sind. Der Trainer des Liganeulings blieb auch am Mittwoch wieder nüchtern und konzentriert. Fischer sagte: "Wir wissen, wo wir hingehören. Seit dem Beginn ist es ein Kampf um den Klassenerhalt." Gut möglich, dass der Schweizer diese Grundhaltung verinnerlicht hat, aber ein gewisser Spannungsabfall - womöglich auch in der Zwangspause - konnten die "Eisernen" nicht abstreiten.

Fischer: "Wichtig, dass die Mannschaft in jedem Spiel ihr Gesicht zeigt" Sportschau 27.05.2020 01:55 Min. Verfügbar bis 27.05.2021 Das Erste

Gerade ihre blutleere Darbietung im Derby bei der Hertha (0:4) wirkte erschreckend. Noch etwas kommt für Union hinzu, analog zur Eintracht: Der Einfluss einer treuen Anhängerschar, die bedingungslos die Mannschaft unterstützt, fällt für den Rest der Saison aus. Die Berliner haben bislang 20 Punkte, die Frankfurter sogar 22 Zähler im eigenen Stadion geholt. Das Faustpfand der Fans wirkte wie der berühmte zwölfte Mann. Der aber spielt bis zum Saisonende bekanntlich nicht mehr mit.

Stand: 29.05.2020, 13:14

Bundesliga | Tabelle

RangTeamSP
1.Bayern München3482
2.Bor. Dortmund3469
3.RB Leipzig3466
4.Bor. M´gladbach3465
5.Bayer Leverkusen3463
 ...  
16.Werder Bremen3431
17.Fort. Düsseldorf3430
18.SC Paderborn 073420
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