Wiederaufnahme der Bundesliga: Fragen nach Solidarität und Folgen

Ein Ball fliegt beim Spiel RB Leipzig - FC Augsburg ins Tornetz

Gefahren bei der Rückkehr des Spielbetriebs

Wiederaufnahme der Bundesliga: Fragen nach Solidarität und Folgen

Die Fußball-Bundesligen nehmen am Wochenende den Spielbetrieb wieder auf. Auch die Quarantäne von Dynamo Dresden wird daran nichts ändern. Die Kritik an der Fortsetzung will jedoch nicht verstummen. Es stellen sich Fragen der Solidarität und nach den Folgen für die Spieler.

Die Bundesligen eins und zwei gehen nun also weiter. Am kommenden Wochenende soll der Ball wieder rollen in den deutschen Stadien. Die DFL hat sich mächtig ins Zeug gelegt, um den Spielbetrieb wiederaufnehmen zu können. Und auch die Tatsache, dass mit Dynamo Dresden nun schon vor der Fortsetzung ein Klub 14 Tage in Quarantäne muss, weil zwei Spieler positiv auf das Coronavirus getestet worden sind, soll das Projekt Wiederaufnahme nicht stoppen.

Kritiker: DFL-Konzept "scheinheilig"

"Wenn Dresden jetzt 14 Tage in die Quarantäne geht, dann ist das für den Moment noch kein Grund, die Fortführung der zweiten Liga komplett in Frage zu stellen", sagte DFL-Geschäftsführer Christian Seifert im ZDF-Sportstudio. Die Außenwirkung bleibt jedoch nach wie vor schwierig. Bei vielen verstärkt sich der Eindruck, dass der Profifußball die möglichen Folgen für die Gesellschaft und die unmittelbaren Gefahren für die Beteiligten nur auf dem Papier ernst nimmt.

Kritiker bemängeln, dass der Profifußball selbst mit dem "absoluten Notbetrieb" (Seifert) die Solidarität in der Gesellschaft gefährdet. "Das Konzept ist von vorne bis hinten nicht durchdacht und wird eine fatale Wirkung auf das gesamte Einhalten der Einschränkungen haben", sagte der langjährige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock.

Wettbewerbsverzerrung? Weitere Kritik am DFL-Konzept Tagesschau 10.05.2020 01:41 Min. Verfügbar bis 10.05.2021 Das Erste

Der Theologie-Professor der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg nennt das DFL-Konzept "scheinheilig". Beim Kampf gegen das Virus sei man gesellschaftlich derzeit in einer "ganz, ganz schwierigen Phase". Deswegen müsse man besonders aufpassen, dass die Maßnahmen zueinander passten und dass es gerecht zugehe. "Wenn das Mantra lautet: kein Kontakt, Abstand, Hygiene, Schutz, aber man dann ausgerechnet eine Sportart zulässt, in der all das von Anfang an und notorisch nicht eingehalten werden kann, hat das natürlich Auswirkungen darauf, ob sich die Menschen fragen: Warum muss ich mich in meinem Bereich an solche Einschränkungen halten?"

"Spieler haben keinen Einfluss"

Der Eindruck, dass der durchaus legitime Wunsch der Liga, den Wirtschaftsbetrieb Bundesliga wieder in die Produktion zu bringen, die gesellschaftlichen Folgen genauso außer Acht lässt wie die möglichen gesundheitlichen Folgen für die Beteiligten, verstärkt sich, wenn man Neven Subotic in den vergangenen Tagen zugehört hat. Der Innenverteidiger von Bundesligist Union Berlin hat in der BBC beklagt, die Fortsetzung des Spielbetriebs käme zu früh.

Am Wochenende legte Subotic im Deutschlandfunk nach: Er hätte sich vor Wiederaufnahme des Spielbetriebs eine stärkere Einbindung der Profis gewünscht. "Nach meinem Wissensstand hatten die Spieler keinen Einfluss auf die Entscheidungsfindung", sagte der 31-Jährige. Subotic dürfte mit seiner Skepsis nicht alleine sein, aber die Liga signalisiert, die meisten Spieler freuten sich darauf "von der Leine" gelassen zu werden (Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic) und könnten es kaum erwarten, Spiele zu bestreiten. "Aber sich dagegen zu entscheiden ist nicht so einfach, denn es gibt ja verständlicherweise auch unausgesprochene Erwartungen von Seiten des Vereins, beziehungsweise von den Kollegen und Fans", sagte der Sportpsychologe der Nationalmannschaft Hans-Dieter Hermann der dpa.

Bundesliga-Fortsetzung nach langer Zwangspause Sportschau 09.05.2020 04:34 Min. Verfügbar bis 09.05.2021 Das Erste

Erhöhte Verletzungsgefahr

Dabei ist nicht nur eine Ansteckung mit dem Coronavirus und damit verbunden mögliche Langzeitschäden, vor denen Sportmediziner bereits warnen, eine Gefahr für die Spieler. Ganz real ist auch eine erhöhte Verletzungsgefahr. "Ich glaube, da werden die Spieler schon ein wenig missbraucht", sagte Sportmediziner Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule Köln im Interview mit dem SWR.

Die Vereine werden am kommenden Wochenende nur eine knappe Woche Mannschaftstraining hinter sich haben - nach knapp zweieinhalb Monaten Pause. "Ohne gute Vorbereitung bedeutet das, dass wir einerseits eine wahnsinnig hohe Belastung unseres Stütz- und Bewegungssystems haben - Knochen, Bänder, Sehnen, Gelenke beispielsweise, die überfordert werden können, weil sie eben nicht optimal vorbereitet sind. Und dann natürlich die ganze Corona-Problematik, die im Sport - bei dieser hohen Belastung - sicherlich noch verschärfend wirkt."

Bundesliga: Wundertüte Saison-Fortsetzung

Sportschau 10.05.2020 02:41 Min. Verfügbar bis 10.05.2021 ARD Von Sarah Schwedmann

Vor allem zum Ende der Partien wird es laut Froböse vermehrt zu Verletzungen kommen: "Gerade die zweite Halbzeit mit der 70./80. Minute, wenn der Gegner mir auf dem Schlappen steht und dementsprechend versucht, mich vom Ball zu trennen, Sprints noch gemacht werden müssen, eine Grätsche gemacht werden muss. Wir haben ein Leistungsdefizit. Das gilt besonders für die Ermüdungsreaktionen, die der Körper zwischen der 70. und 90. Minute zeigt. Das bedeutet, wir haben hier ein Leck, und dementsprechend ist die Verletzungsgefahr gerade zu Ende des Spiels sicherlich deutlich erhöht."

DFL-Chef Christian Christian Seifert will die vielen Einwände nicht von der Hand weisen. "Die Ängste und Sorgen muss man absolut ernst nehmen. Das sind absolut legitime Gefühle. Ich werde nie versuchen, sie jemandem auszureden", betonte er. Auch der DFL-Chef ahnt, dass sich das Liga-Projekt auf dünnem Eis bewegt.

Wiederaufnahme der Bundesliga - Sind das die richtigen Prioritäten? Sportschau 11.05.2020 11:39 Min. Verfügbar bis 11.05.2021 Das Erste

most/dpa/sid | Stand: 10.05.2020, 12:49

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