FC Schalke 04: Tiefe Gräben des Misstrauens

Benjamin Stambouli, Omar Mascarell und Suat Serdar (li.-re.) sind enttäuscht und ratlos

Krise beim Bundesligisten

FC Schalke 04: Tiefe Gräben des Misstrauens

Von Jörg Strohschein

Beim FC Schalke 04 gibt es nicht nur eine sportliche, sondern auch eine Vertrauenskrise. Sportvorstand Jochen Schneider versucht zu retten, was zu retten ist. Ein Abstieg wäre für den Traditionsklub finanziell kaum zu überleben.

Am Tag nach den Personalentscheidungen wirkte Jochen Schneider noch sichtlich angespannt. Dem Sportvorstand war am Mittwochmittag (25.11.2020) offenbar nicht so richtig wohl in seiner Haut. Eigentlich sollten die umfangreichen personellen Maßnahmen des 50-Jährigen am Vortag zur Aufhellung des Betriebsklimas dienen. Immerhin hatte Schneider gleich vier Personalien im Umfeld des Profiteams entschieden - eine bisher wohl noch nie dagewesene Zahl beim FC Schalke 04.

Amine Harit und Nabil Bentaleb wurden auf Schneiders Weisung hin auf unbestimmte Zeit suspendiert, der Vertrag von Vedad Ibisevic zum Jahresende aufgelöst und Kaderplaner Michael Reschke verlässt mit sofortiger Wirkung den Klub. Allesamt am Dienstagmorgen.

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Neue Hiobsbotschaften folgen

Kurz darauf gab es dann aber gleich die nächsten Hiobsbotschaften für Schneider. Beim Vormittagstraining am Dienstag hatte sich Bastian Oczipka eine Oberschenkelverletzung zugezogen, Torhüter Ralf Fährmann und Goncalo Paciencia hatten sich offenbar schwerer am Knie verletzt. Während sich also Ibisevic auf den Heimweg nach Berlin begab, setzte sich Paciencia in einen Flieger nach Portugal, um sich von seinem Vertrauensarzt untersuchen zu lassen - in Zeiten der Corona-Pandemie eine bemerkenswerte Reise.

Schalkes Schneider: "Bin zuversichtlich, dass wir das jetzt hinbekommen" Sportschau 25.11.2020 02:00 Min. Verfügbar bis 25.11.2021 Das Erste

Die Auswahl an Angreifern für Trainer Manuel Baum begrenzt sich für die kommenden Partien damit nur noch auf Mark Uth und dem bisherigen Reservestürmer Ahmed Kutucu - was die sportlichen Perspektiven und die Hoffnung auf den ersten Bundesligasieg nach 24 Spielen ohne Erfolg nicht gerade größer erscheinen lässt. Nächster Gegner am Samstag ist Borussia Mönchengladbach.

Sturm über Gelsenkirchen

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider zeigt sich enttäuscht nach der Niederlage bei RB Leipzig

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider

Wenn sich also über die deutsche Nationalmannschaft dunkle Wolken gezogen haben, wie Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff jüngst beklagte, so dürfte die Wetterlage über Gelsenkirchen derzeit eher einem tosenden Sturm gleichen. Neben den sportlichen Defiziten und dem aktuell 18. und letzten Tabellenplatz in der Bundesliga sind auch die atmosphärischen Stimmungen im Klub wohl nahe dem Tiefpunkt.

"Wir haben 17 Konkurrenten in dem Land, dann brauchen wir nicht noch welche im eigenen Verein", sagte Schneider. Es gab nach Schneiders Auffassung zuletzt (zu) viele Indiskretionen und einen zu großen Informationsfluss aus dem Haus in die Öffentlichkeit.

In den vergangenen Tagen habe es deshalb viele Gespräche zwischen Aufsichtsrat und Vorstand, zwischen Vorstand und mittlerem Management sowie eine Botschaft zum erforderlichen Zusammenhalt mit den übrigen Angestellten via Intranet gegeben. "Nur so kommen wir aus dieser Situation heraus", sagte Schneider. Und so versucht er noch zu retten, was zu retten ist.

Ob sich die Angestellten von einer Mitteilung via digitaler interner Medien auch vor dem Hintergrund der geplanten, aber vielfach umstrittenen internen Umstrukturierungen beeindrucken und zu neuem Vertrauen in den Arbeitgeber bewegen lassen, muss sich allerdings erst noch erweisen.

Trainer Baum den Rücken gestärkt

Die Gräben und das gegenseitige Misstrauen auf Schalke sowohl bei den Profis als auch auf der Geschäftsstelle erscheinen ausgesprochen groß in diesen Tagen. So dürften Schneiders Personalentscheidungen in der Lizenspielerabteilung vor allem so zu interpretieren sein, dass damit zum einen eine bessere Betriebshygiene bei den Profis geschaffen werden soll und die Egoismen der einzelnen Akteure nicht mehr im Vordergrund stehen. Fußballlehrer Baum soll durch diese Maßnahmen zudem der Rücken gestärkt werden. "Es geht auch um den Respekt vor den Mitspielern und allen Beteiligten", sagte Schneider.

Personal-Beben auf Schalke

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Zum anderen wollte der Sportvorstand offenbar ein Zeichen in alle Richtungen setzen, dass die Beibehaltung der derzeitigen Stimmungslage rund um Schalke wohl ungebremst in das Worst-Case-Szenario und damit zum Abstieg führen würde. Sollte der mit deutlich über 200 Millionen Euro immens verschuldete Klub den Gang in die 2. Bundesliga antreten müssen, so ist nur schwer vorstellbar, dass er dies ohne eine Insolvenz überstehen könnte. Der Klassenerhalt ist existenziell für die "Königsblauen".

Aufbruchstimmung ist nicht zu erkennen

Deshalb steht die bei den Mitgliedern so emotional geführte Diskussion über die künftige Gesellschaftsform des FC Schalke 04 - ob und wie nun die Profiabteilung ausgegliedert oder der Vereinsstatus erhalten wird - derzeit nicht auf der Agenda. "Ich konzentriere mich jetzt erstmal auf die nächsten, für uns sehr wichtigen fünf Spiele", so Schneider. "Alles weitere werden wir dann sehen."

Was Schneider allerdings bei der meist oberflächlich gehaltenen Erläuterung seiner Maßnahmen nicht schaffte, war, so etwas wie eine neue Aufbruchstimmung zu vermitteln. Die Ausführungen wirkten eher wie ein Verwaltungsakt als ein Aufbruch in neue, bessere Zeiten.

Den sportlichen Neuanfang hat Schneider nun in die Hände alter Bekannter rund um das Berger Feld gelegt. Neue Expertise bei der Suche nach neuen Spielern für die anstehende Transferperiode sollen nun in Gemeinschaftsarbeit Ex-Profi und -Trainer Mike Büskens, der bisherige Koordinator der Lizenzspielerabteilung, Sascha Riether, und Reschkes bisheriger Assistent Rene Grotus einbringen. Das alles in Abstimmung mit Schneider.

Ob aber überhaupt wieder zumindest ein wenig Geld für mögliche Verstärkungen vorhanden ist, ließ der Sportvorstand offen. "Auch ich habe Fehler gemacht", sagte Schneider noch, ohne dabei konkret zu werden.

Stand: 25.11.2020, 15:31

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