Vorteil Fußball - der unterschiedliche Umgang mit Corona-Fällen im Sport

Pappaufsteller mit den Portraits der Fans wurden auf den Sitzen plaziert

Fall Bayern München

Vorteil Fußball - der unterschiedliche Umgang mit Corona-Fällen im Sport

Von Anne van Eickels

Trotz der positiven Corona-Tests von Thomas Müller und Benjamin Pavard dürfen die Fußballer des FC Bayern München aller Voraussicht nach zum Bundesliga-Spiel bei Eintracht Frankfurt antreten. Bei anderen Ballsportarten gingen hingegen in solchen Fällen ganze Teams in Quarantäne.

Viktor Szilagyi ist wenig begeistert: "Die Jungs haben zwei Wochen lang nur im Wohnzimmer trainiert", schimpft er. Der Unmut des Geschäftsführers des THW Kiel ist nachvollziehbar: Nach einem Corona-Fall im Team musste die gesamte Mannschaft für zwei Wochen in Quarantäne. Die ist nun beendet - vor dem Spiel gegen den SC Magdeburg in der Handball-Bundesliga am Sonntag (21.02.2021) ist nun gerade einmal Zeit für eine Trainingseinheit.

Aber: Eine vorzeitige Lockerung der Quarantäne sieht die Corona-Verordnung in Schleswig-Holstein schlicht nicht vor. "Die ist völlig unerbittlich, obwohl die Kieler alle, auch im Umfeld, immer wieder getestet haben", sagt HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann: "Alle Tests waren negativ." Die Mannschaft musste trotzdem die vierzehntägige Quarantäne aussitzen – und machte das fast klaglos.

Im Profi-Fußball hätte es wohl einen riesigen Aufschrei gegeben, denn dort ist schon ein nicht genehmigter Start des Mannschafts-Fliegers wegen des Nachtflug-Verbots ein Skandal. Bisher hat es in der ersten Fußball-Bundesliga nur eine Mannschafts-Quarantäne gegeben. Für eine Woche begab sich die TSG Hoffenheim nach sieben positiven Fällen freiwillig in Isolation.

"Keine Gleichbehandlung" bei gleichen Konzepten

Die Hoffenheimer hatten bisher mit elf bekannten Fällen die meisten an Corona erkrankten Spieler im Team. Insgesamt zählt die Bundesliga bisher 67 Corona-Fälle. Die Zahlen sind im Verhältnis zu den anderen Mannschafts-Sportarten wie Handball oder Basketball ähnlich - die Konsequenzen wie Spielabsagen oder Quarantäne-Anweisungen sind es aber bei weitem nicht.

Coronavirus - Gibt es eine Bevorteilung des Fußballs?

Sportschau 19.02.2021 02:37 Min. Verfügbar bis 19.02.2022 ARD


"Es gibt keine Gleichbehandlung", konstatiert Stefan Holz im Gespräch mit Sportschau.de. Der Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga (BBL) wünscht sich, dass bei allen Mannschaftssportarten die gleichen Maßstäbe angesetzt werden, stellt aber auch klar: "Ich will mit meiner Kritik jetzt nicht dafür sorgen, dass die Fußballer des FC Bayern nicht in Frankfurt spielen sollen."

Holz verweist auf das fast identische Hygiene-Konzept, das der Basketball- und Handball-Verband von der Deutschen Fußball-Liga übernommen haben. An unterschiedlichen Konzepten könnten die unterschiedlichen Entscheidungen der zuständigen Behörden nicht liegen.

HBL-Geschäftsführer Frank Bohmann stimmt Stefan Holz zu: "Ich wünsche mir, dass gleiche Maßstäbe bei der Bewertung angesetzt werden." Für Bohmann sollten sich diese Maßstäbe an denen im Fußball orientieren: "Da geht es auch um Risiko-Abwägung." Man akzeptiere die Maßnahmen der Politik, aber die Verordnung zum Beispiel in Schleswig-Holstein gehe am Leben der Berufssportler vorbei.

Quarantäne für das Eishockey - Spiele für den Fußball

Das ist ein weiteres Problem der bundesweiten Ligen. Die Regeln und Maßnahmen können wegen der unterschiedlichen Corona-Verordnungen der Bundesländer nicht wirklich verglichen miteinander werden. Ein direkter Abgleich ist allerdings möglich in Wolfsburg. Dort gab es sowohl Corona-Fälle bei den Grizzlys (zwei) in der Deutschen Eishockey-Liga und bei den Bundesliga-Fußballern vom VfL (neun).

Für beide Klubs zuständig: das Gesundheitsamt Wolfsburg. Und das entschied unterschiedlich. Die Grizzlys gingen Anfang Februar in eine Team-Quarantäne. Die Folge: zwei DEL-Spiele mussten verlegt werden. Der VfL konnte trotz der Corona-Fälle seinen Spielbetrieb fortsetzen. Nur die erkrankten Spieler gingen bei einem positiven Test in die Isolation, unter ihnen zum Beispiel Maximilian Arnold oder Josip Brekalo.

Hallensport im Nachteil

Wolfsburgs Sozialdezernentin Monika Müller begründet: "Im Profisport gilt ebenso wie in anderen Lebens- und Arbeitsbereichen, dass alle ermittelten Kontaktpersonen der ersten Kategorie in Quarantäne müssen." Bei den Grizzlys habe diese Ermittlung sowie der Austausch mit den Team-Ärzten dazu geführt, für die gesamte Mannschaft Quarantäne zu verfügen. Eine willkürliche Entscheidung oder gar eine Sonderrolle des Fußballs liege dem aber nicht zugrunde.

"Eishockey ist als Hallensport bei niedrigen Temperaturen grundsätzlich infektionsträchtiger als Freiluftsportarten", sagte Müller. Außerdem kämen sich die Sportler gelegentlich zu nahe: "Nicht zwingend Körperkontakt, aber auch längere räumliche Nähe kann genügen, da Aerosole im Raum schweben – auch während des Trainings", so Müller.

Die Fußballer des VfL haben offensichtlich mehr Platz, um sich aus dem Weg zu gehen und können zum Beispiel ihre Team-Besprechungen im weitläufigen Presse-Raum machen. Das ist in der Tat ein großer Vorteil der Fußball-Bundesliga-Klubs. Sie haben in ihren Trainingszentren und Stadien oft eine weitläufigere Infrastruktur als die Klubs der Indoor-Sportarten wie Basketball oder Handball - eine weitere Sonderrolle des Fußballs in Deutschland.

Stand: 19.02.2021, 14:24

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