Die Gäste jubeln: Während Bochum den Klassenerhalt feiert, trauert Düsseldorf um den verpassten Aufstieg.
analyse

Bundesligist schafft das Wunder Bochum erlebt den ganzen Zauber der Relegation - Düsseldorf die ganze Härte

Stand: 28.05.2024 13:55 Uhr

Zum 13. Mal in der 16. Ausgabe der Relegation hat der Bundesligist den Klassenerhalt geschafft. Die asymmetrische Wucht dieses Modus zeigte sich beim Triumph des VfL Bochum bei Fortuna Düsseldorf so sehr wie wohl noch nie.

Das Spiel war schon deutlich über eine Stunde lang vorbei, als die beiden Trainer Heiko Butscher und Daniel Thioune den Pressekonferenz-Raum in der Düsseldorfer Arena betraten. Beim ersten Anblick der beiden Herren war nicht ersichtlich, wer von ihnen gerade einen riesigen Triumph erlebt hatte. Sie fielen sich in die Arme, setzten sich nach einigen innigen Momenten dann regungslos auf ihre Sitze. Das Gefühl der Leere stand ihnen ins Gesicht geschrieben.

Butscher hatte mit seinem VfL Bochum das Wunder geschafft, die 0:3-Hinspielniederlage wettgemacht und dann im Elfmeterschießen den Klassenerhalt gesichert. Und der Sieger zeigte jede Menge Empathie für einen Zweitligisten, der sich wie schon so oft in der Relegation nicht für eine erfolgreiche Saison belohnen konnte. Wobei es noch nie so brutal war wie in diesem Fall.

Butscher: "Eigentlich unfair, dass es so ausgeht"

"Es war ein unfassbares Spiel, uns ging es vor vier Tagen richtig schlecht. Jetzt sitze ich hier, wir haben es in irgendeiner Art und Weise geschafft - ich bin natürlich total froh und stolz auf die Mannschaft. Mehr möchte ich eigentlich gar nicht sagen, weil es ist immer noch so eine Leere da", sagte Butscher. "Höchsten Respekt vor Fortuna Düsseldorf, die eine Riesensaison gespielt haben. Es ist eigentlich unfair, dass es so ausgeht. Aber das gibt der Sport her, so ist Fußball, er ist manchmal auch grausam."

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Zum 16. Mal seit der Wiedereinführung musste am Montag (27.05.2024) der Dritte der 2. Liga den Umweg über die Relegation gehen, um den Aufstieg zu schaffen - zum 13. Mal ist er daran gescheitert. Noch nie hatte ein Elfmeterschießen darüber entschieden, ob der Zweitligist den Lohn für die guten vergangenen Monate erhält oder der Erstligist das Happy End trotz einer schwachen Saison.

Deutlich drüber: Takashi Uchino (l.) versagten im Elfmeterschießen die Nerven.

Deutlich drüber: Takashi Uchino (l.) versagten im Elfmeterschießen die Nerven.

Thioune versucht in seiner Trauer stark zu bleiben

"Ich habe in viele tränenreiche Gesichter gesehen, das tut richtig weh. Die Jungs haben mehr verdient, als nächste Saison weiter in der 2. Liga spielen zu müssen", sagte Thioune. Auch wegen seiner Eloquenz und offenen Art ist er in Düsseldorf zum Liebling geworden, nach dem Abpfiff fiel aber auch er in sich zusammen. Glasige Augen, langsam sprechend, die Körperspannung verloren, pure Enttäuschung.

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"Als Mensch ist das schwer zu akzeptieren. Meine Schwäche ist, dass ich nicht sehr stabil bin. Viele Spieler weinen in der Kabine, sie könnten meine Söhne sein. Ich muss ihre Tränen wegräumen, auch wenn ich selber weinen wollen würde", hatte Thioune wenige Minuten vor der Pressekonferenz bei "Sky" gesagt. Zuvor hatte er minutenlang Takashi Uchino getröstet, der den letzten Elfmeter verschossen hatte.

Fortuna hatte gewarnt - und wurde bestätigt

Das Desaster für Düsseldorf war das große Glück für Bochum. Nach dem 0:3 im Hinspiel hatte wohl keiner mehr an das Wunder geglaubt, zu deutlich war auch der Spielverlauf. Doch spätestens mit dem ersten Treffer des überragenden Philip Hofmann war der Glaube da. "Dass wir das heute gedreht haben, ist der Wahnsinn. Ich bin unglaublich stolz, wir haben daran geglaubt", sagte VfL-Kapitän Antony Losilla.

Daraus zu schließen, dass Düsseldorf zu leichtgläubig gewesen sein könnte, ist aber falsch. Im Vorfeld hatten Spieler, Trainer und Verantwortliche immer wieder klargestellt, dass der Ausgang der Relegation noch längst nicht entschieden war. Für Manager Klaus Allofs war die Höhe des Ergebnisses sogar ein großer Faktor, dass der Abend in Düsseldorf ein denkwürdiger wurde - mit dem dramatisch schlechten Ende für sein Team.

"Wir waren kurz davor, diesen großen Schritt in die Bundesliga zu machen. Ich wusste vorher, dass das Ding noch längst nicht gegessen ist, wenn man gegen einen Bundesligisten spielt, der vor nicht so langer Zeit Bayern München geschlagen hat", sagte Allofs. "Wir sind mit der 3:0-Führung nicht gut zurechtgekommen. Auf der anderen Seite war es bei Bochum so, dass sie eigentlich nur noch ihre Haut retten konnten und ihren Fans was bieten mussten, dann alles oder nichts gespielt haben. Das hat sie sehr stark gemacht."

Hohe Bälle ein einfaches, aber effizientes Mittel

Zur Wahrheit gehört aber auch: Düsseldorf hat sportlich alles gemacht, um Bochum diese Wende zu ermöglichen. Das Butscher-Team versuchte es wieder fast ausschließlich mit weiten Bällen. Weil Fortuna dieses Mittel ganz atypisch für die Mannschaft aber auch wählte und so immer nach kürzester Zeit den Ball verlor, hatte der VfL unzählige Male die Möglichkeit zu seinen langen Schlägen.

Das 1:0 war das Resultat einer Freistoßflanke, das 2:0 Ergebnis eines hohen Balles, der Elfmeter entstand im Anschluss an eine Hereingabe. Bei der Vielzahl an hohen Zuspielen, die in den Düsseldorfer Strafraum flogen, war es zwangsläufig so, dass irgendwann auch dieses einfache Mittel für große Wirkung sorgt.

Vieles im Unklaren in Bochum, Angriffslust in Düsseldorf

Was bleibt, sind zwei klare Fakten: Bochum bleibt Erstligist, Düsseldorf Zweitligist. Ansonsten herrscht aber viel Unklarheit. Beim VfL wird in den nächsten Tagen eine Abrechnung vollzogen, es dürfte trotz des Happy Ends drastische Personalentscheidungen geben. Bei Fortuna wird der verpasste Aufstieg riesige Auswirkungen auf die Kaderplanung haben, Starspieler wie Ao Tanaka und Christos Tzolis werden jetzt kaum noch bleiben. Das Projekt "Fortuna für alle" mit freinem Eintritt zu ausgewählten Spielen hätte ebenfalls enorm profitiert.

Bochum feierte einen Erfolg, der so vielleicht nicht ganz gerecht ist, der aber durch das Konstrukt der Relegation so möglich ist. Düsseldorf dagegen fällt aus seinem Hoch (vorher 15 Spiele ungeschlagen) ganz tief ins Tal der Tränen. Die Verantwortlichen haben aber aus der starken Saison schon die Kraft gezogen, positiv nach vorne zu blicken. "Ich habe jetzt schon Lust, in der nächsten Saison wieder anzugreifen", sagte Allofs.