So wichtig sind Testspiele für die Bundesligisten

Charles Aranguiz (l.) von Bayer Leverkusen im Zweikampf mit Percy Tau

Rehabilitation contra Match-Fitness

So wichtig sind Testspiele für die Bundesligisten

Von Jörg Strohschein

Seit Jahrzehnten bauen die Fußball-Bundesligisten Testspiele in ihre Saisonvorbereitung ein. Doch in Zeiten von Corona ist vieles anders. Bayer Leverkusen, RB Leipzig und der FC Bayern verzichten (fast) ganz darauf.

Zumindest ein Testspiel ist es dann doch noch geworden. Rund eine Woche vor dem Saisonstart im DFB-Pokal prüfte Bayer 04 Leverkusen den Stand der eigenen Vorbereitung gegen den RSC Anderlecht (1:1). Wie groß die Erkenntnisse waren, behielt Peter Bosz für sich. "Das ist schon die vierte oder fünfte Vorbereitung in diesem Jahr", sagt der Trainer mit Blick auf die abgelaufene, durch die Corona-Pandemie geprägte Saison.

Die Leverkusener haben sich entschieden, viel weniger Wert auf die sonst so obligatorischen Testspiele zu legen. Leipzig und der FC Bayern, die noch länger im internationalen Wettbewerb vertreten waren, verzichten sogar ganz auf Vorbereitungsspiele. Die Münchner haben erst am Dienstag (08.09.2020) das Training wieder aufgenommen.

"Höchste Form des Wettkampftrainings"

Dabei sind die Testspiele, die normalerweise mit unterklassigen Gegnern beginnen und deren Qualität sich dann sukzessive steigert, in den vergangenen Jahrzehnten stets wichtige Gradmesser zur Überprüfung des eigenen Leistungsstandes gewesen.

"Freundschaftsspiele sind die höchste Form des Wettkampftrainings", sagt Daniel Memmert, geschäftsführender Leiter des Instituts für Trainingswissenschaft an der Deutschen Sporthochschule in Köln. "Damit bereitet man am besten den Wettkampf in Sachen Technik, Taktik aber auch Kognition und Emotion vor."

Demgegenüber steht in dieser für diese drei Klubs kürzeren Vorbereitungsphase allerdings die körperliche Belastung - nicht zuletzt durch den besonders eng gefassten Terminkalender mit Bundesliga-, Länder-, Pokal- und internationalen Spielen.

Gute Belastungssteuerung finden

"Das Jahr hat besondere Vorzeichen, auch durch das späte Champions-League-Turnier. Das ist für die Spieler eine besondere Belastung. Der Urlaub verkürzt sich auf rund zweieinhalb Wochen. Ein gute Lösung ist schwer zu finden, man muss versuchen, die Belastungssteuerung gut hinzubekommen", sagt Leipzigs Coach Julian Nagelsmann.

Wenn die Trainer aber auf Testspiele verzichten, dann verzichten sie auch auf wesentliche Erkenntnisse, die ein Spiel gegen einen unbekannten Gegner ausmachen, gibt Memmert zu bedenken. "Wenn man in Trainingsspielen gegen die eigenen Mitspieler antritt, dann macht das auch sozialpsychologisch einen Unterschied. Denn die Intensität in ihren Aktionen ist nicht dieselbe", sagt der Trainingswissenschaftler. "Es fehlt der emotionale Charakter, etwa bei Foulspielen oder Fehlpässen."

Auch ARD-Experte Thomas Broich, ehemaliger Profi unter anderem beim 1.FC Köln und Borussia Mönchengladbach, hat selbst erlebt, wie unterschiedlich Trainingseinheiten im Vergleich zu Testspielen gegen andere Teams sind. "Das ist ein Unterschied von der Intensität, vom Laufvolumen, von der Aggressivität, von der Anspannung und auch vom Stressmodus", sagt er. Auch wenn man im Training jeden noch so intensiven Weg laufe und das Gefühl habe, man sei körperlich schon auf einem guten Niveau. "So eine Match-Fitness ist immer noch etwas anderes und spezielleres", sagt Broich.

Bosz weiß, was er zu erwarten hat

Peter Bosz, Trainer von Bayer Leverkusen

Peter Bosz, Trainer von Bayer Leverkusen

Peter Bosz ist sich dieser Problematik ebenfalls bewusst. "In diesen zwei Wochen Urlaub ist ja bei den Spielern nicht alles weg", sagt der Niederländer. Im Fall der Werkself kommt allerdings hinzu, dass prägende Spieler wie Kai Havertz und Kevin Volland den Klub verlassen haben und die möglichen Nachfolger sich erst an die Spielweise ihres neuen Teams gewöhnen müssen. Dafür wären Testspiele eine gute Möglichkeit, um die Mitspieler und die Wünsche des Trainers genauer kennen zu lernen.

"Gerade gegen unterklassige Gegner kann man etwas leichter taktische Vorgaben einbauen", sagt Memmert. "Man muss die neuen Spieler die intensiven Wettkampf-Bedingungen erleben lassen." Für den Trainingswissenschaftler ist es deshalb nicht so richtig verständlich, weshalb diese drei Klubs trotz der eingeschränkten Zeit so zurückhaltend mit Testpartien gegen andere Klubs umgehen.

Bosz gibt sich dennoch zuversichtlich, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. "Jeder Spieler ist unterschiedlich. Manche Profis benötigen kaum Zeit, sich an eine neue Spielweise zu gewöhnen. Ich glaube, dass ich weiß, was ich von den Spielern zu Saisonbeginn zu erwarten habe", sagt der 56-Jährige.

Ein wenig mehr als in den vergangenen Jahren werden sich Bosz und seine Kollegen davon wohl aber auch überraschen lassen müssen.

Havertz-Wechsel perfekt: Von Leverkusen nach London

Sportschau 04.09.2020 00:40 Min. Verfügbar bis 04.09.2021 ARD Von Daniela Müllenborn

Stand: 09.09.2020, 07:00

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