Transfermarkt - "Die Machtverhältnisse haben sich geändert"

u.a. Mario Götze (l) und Rouven Schröder (r)

Wechselperiode in Zeiten von Corona

Transfermarkt - "Die Machtverhältnisse haben sich geändert"

Von Marcus Bark

Zwei Phasen, kleinere Kader, letztlich mehr arbeitslose Fußballer: Das erwarteten Experten für den Transfermarkt im Sommer 2020. Knapp einen Monat vor Schließung des Fensters zieht die Sportschau mit Bundesliga-Managern und Spielerberatern eine Zwischenbilanz.

Wenn Manfred Schulte von den "illustren Namen, die unter den vertragslosen Spielern zu finden sind" spricht, dann meint er nicht Mario Götze. Der Weltmeister ist wegen seiner Vorgeschichte und dem extrem hohen Gehalt, das er bislang bei Borussia Dortmund bezog, ein Sonderfall. Spielerberater Schulte meint dann einen Sebastian Langkamp, Fabian Johnson, Philipp Bargfrede und Kevin Stöger.

Illustre Namen auf der Liste

Seit beinahe zwei Monaten ist das Transferfenster nun, ein paar Tage vor dem Start in die Saison mit dem DFB-Pokal, geöffnet. Aber diese illustren Namen, die in normalen Zeiten wohl schon längst einen neuen Klub gefunden hätten, die stehen immer noch auf der Liste. "Es ist sehr gefährlich für Spieler, die jetzt noch nichts haben", sagte Schulte zur Sportschau.

Fenster schließt am 5. Oktober

Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer, denn der Transfermarkt komme so langsam in Schwung, wie Rouven Schröder sagt, Sportvorstand des 1. FSV Mainz 05. Wenn erstmal gespielt werde und manche Vereine merkten, dass sie Verstärkungen brauchen, dann würden sich Gelegenheiten ergeben, auch während der Corona-Pandemie. Das Fenster schließt erst, wie in vielen anderen europäischen Ligen auch, am 5. Oktober.

Spielerberater Manfred Schulte zum Corona-Transfermarkt

Sportschau 09.09.2020 03:08 Min. Verfügbar bis 09.09.2021 ARD

Jetzt ist vieles anders

Corona. Das Virus beeinflusst jede Branche, auch den Fußball, der in den vergangenen Jahren nur Wachstum kann. Jetzt ist vieles anders. Vor Corona seien "Mehrwertspieler frühzeitiger angefragt worden", es sei auch "schon viel konkreter über Zahlen gesprochen" worden, "die Budgets waren deutlich größer", so Schröder.

Mainz-Vorstand Schröder über den Transfermarkt und Einfluss der Corona-Pandemie

Sportschau 09.09.2020 02:08 Min. Verfügbar bis 09.09.2021 ARD Von Marcus Bark

Heute gelte: "Was auffällig ist, dass Spieler, die auf der Prio eins waren für Summe X dann auf einmal auf die Prio zwei oder drei rutschen, weil dann auf einmal die andere Prio deutlich günstiger war. Man sagt in der heutigen Zeit, dann nehme ich den günstigeren Spieler, vielleicht mit zehn oder 15 Prozent weniger Profil, dafür aber ins Budget passend." Abstriche bei der Qualität, weil die Einnahmen gesunken sind und dies auf absehbare Zeit auch so bleiben wird.

Klinkenputzen bis zum Abwinken

Bei Öffnung des Transferfensters am 15. Juli hatte die Sportschau Manfred Schulte nach seiner Prognose gefragt. "Das wird ein Klinkenputzen bis zum Abwinken", sagte er für sich und seine Beraterkollegen voraus. Er sieht sich bestätigt, weil sich "die Machtverhältnisse geändert" hätten. Die Vereine säßen jetzt am längeren Hebel.

Samir Arabi "Weniger Geld im Markt - Spieler werden in den nächsten Jahren mit die Leidtragenden sein" Sportschau 09.09.2020 06:47 Min. Verfügbar bis 09.09.2021 Das Erste

Samir Arabi glaubt, dass diese Entwicklung aus einem Zusammenwirken von Not und Vernunft entstanden sei. Die Vereine würden jetzt bei einem "Nein" bleiben, wenn das Geld, das gefordert werde, nicht vorhanden sei. "Wenn das Gezocke zu groß ist, dann glaube ich auch, dass einige Spieler am Ende ohne neuen Verein sein werden", pflichtete Arminia Bielefelds Sportchef seinem Kollegen Schröder und Schulte bei.

Der Berater wähnt die Spieler in einem "Prozess des Verstehens". Er fürchtet wie auch die Bundesligamanager Arabi und Schröder, dass es einige bis zur Schließung des Transferfensters nicht verstanden haben werden.

Trainingscamp für arbeitslose Profis

"Wenn du ein Erstligaspieler bist, dessen Vertrag jetzt ausläuft, wo viele sagen, okay der läuft jetzt aus, den will ich gar nicht verlängern, weil ich mein Budget nicht strapazieren möchte, und er ist kein absoluter Stammspieler, hat der Spieler seltenst die Möglichkeit, in der gleichen Liga wieder Fuß zu fassen", versucht auch Schröder die Spieler zu sensibilieren, ihre Ansprüche herunterzuschrauben. Wie in jedem Sommer, bietet die Spielergewerkschaft VDV ein Trainingscamp für arbeitslose Profis, in dem sie sich wettkampfbereit halten und für neue Vereine empfehlen können. Die Anmeldezahlen seien während der Pandemie recht stabil, sagt Ulf Baranowsky.

"Bezahlte Feierabendfußballer auf Minijob-Basis"

Der Geschäftsführer der VDV glaubt, dass dahinter allerdings ein bisschen Resignation stecke: "Allerdings haben uns auch viele vereinslose Spieler signalisiert, dass sie diese Chance auf einen neuen Job im Profifußball lieber nicht nutzen wollen und sich stattdessen lieber beruflich komplett neu orientieren möchten. Denn es ist besser, eine aussichtsreiche Berufsausbildung zu beginnen Als für 800 Euro hauptberuflich in der Regionalliga zu spielen." Baranowsky fürchtet: "Aus hauptberuflichen Regionalligaspielern werden dann bezahlte Feierabendkicker auf Minijob-Basis."

VDV-Chef Baranowsky: "Viele vereinslose Spieler wollen sich beruflich neu orientieren"

Sportschau 09.09.2020 00:27 Min. Verfügbar bis 09.09.2021 ARD

Stand: 10.09.2020, 10:00

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