Kommentar - DFB fördert eine absurde Diskussion

Dortmunds Achraf Hakimi macht nach seinem Tor auf den Fall von George Floyd aufmerksam

Proteste nach Tötung von George Floyd

Kommentar - DFB fördert eine absurde Diskussion

Von Marcus Bark

Der DFB will die Proteste von Fußballern gegen Rassismus im Zusammenhang mit der Tötung von George Floyd "prüfen". Das ist ärgerlich, denn die absurde Diskussion um Statuten lenkt vom Wesentlichen ab. Ein Kommentar.

Die FIFA empfiehlt, den "gesunden Menschenverstand" zu nutzen. Das ist löblich, denn das würde eine Diskussion im Keim ersticken, die in Deutschland den Kern des Themas meidet.

Wenn Fußballer aus der Bundesliga "Justice for George Floyd" fordern, dann geht es um Gerechtigkeit für George Floyd. Es gilt, den Polizisten, der den US-Amerikaner tötete, vor Gericht zu stellen. Es gilt auch, die Polizisten, die bei dieser Tötung wegsahen, obwohl sie zusahen, zu bestrafen.

Bundesligaprofis positionieren sich gegen Polizeigewalt

Sportschau 31.05.2020 00:40 Min. Verfügbar bis 31.05.2021 ARD

George Floyd ist ein weiteres Opfer von Gewalt, die weiße Polizisten gegen Schwarze ausübten. Nicht aus Notwehr, nicht aus Versehen. Es geht deshalb um Rassismus.

Durften sie das? Ja!

Weston McKennie, Marcus Thuram, Jadon Sancho, Achraf Hakimi und Anthony Modeste prangerten am 29. Spieltag auf dem Platz diesen Rassismus an.

Durften sie das? Der gesunde Menschenverstand schreit: Ja!

DFB sendet ein schlechtes Zeichen

Zu diesem Ergebnis wird auch der Deutsche Fußball-Bund kommen (müssen). Dass er sich überhaupt über den Kontrollausschuss der "Vorkommnisse annehmen und die Sachverhalte entsprechend prüfen" wolle, ist schon ein schlechtes Zeichen - auch wenn er formell dazu verpflichtet ist. Wie ein solches Zeichen auch aussehen kann, zeigt der englische Fußballverband FA: Dieser erlaubte den Profis Statements im Zusammenhang mit dem Fall George Floyd, die sich gegen Rassismus und Polizeigewalt richten.

"Zeig dem Rassismus die Rote Karte", heißt eine Aktion, die der DFB zusammen mit der DFL ins Leben rief. Jetzt, da prominente Vertreter des Fußballs dieser Aufforderung folgen, sollen die Regeln und Statuten gewälzt, möglicherweise über Sanktionen nachgedacht werden? Das ist absurd.

Ärgerliche Stimmenvielfalt, Schweigen der DFL

Dass der DFB diese völlig nachrangige Diskussion nicht im Keim erstickte, ist ärgerlich. Dabei gingen Aussagen des Präsidenten Fritz Keller klar in diese Richtung. Aber weil der Kontrollausschussvorsitzende von der Prüfung sprach und Vizepräsident Rainer Koch von möglichen Sanktionen, ging das unter.

Die DFL äußerte sich bislang noch nicht zum Thema. Sie hätte mit einer kraftvollen Aussage die Chance, die Diskussion auf das Wesentliche zu lenken.

Protest-Fäuste bei Olympia 1968 - Schwarz und Weiß sport inside 10.10.2018 10:43 Min. Verfügbar bis 02.06.2021 WDR Von Florian Riesewieck

Juristisch schwierige Definition

Wenn dann in nächster Zeit Beratungen über die Änderungen von Statuten anstehen, die wegen des bislang nicht bedachten Falls eines Saisonabbruchs aus Gründen höherer Gewalt anstehen, sollte auch über die "Richtlinie für Spielkleidung und Ausrüstung" gesprochen werden. Darin heißt es im Paragrafen 36: "Politische und/oder andere Mitteilungen auf den Ausrüstungsgegenständen sind keinesfalls erlaubt." In den gültigen Fußballregeln ist ein Passus mit selbem Duktus zu finden: "Die Ausrüstung darf keine politischen, religiösen oder persönlichen Slogans, Botschaften oder Bilder aufweisen."

In der "Regelauslegung" wird darauf hingewiesen, wie schwierig die Anwendung sein kann: "Während  'religiös' und 'persönlich' relativ eindeutig zu definieren sind, ist 'politisch' weniger klar."

Grundgesetz und gesunder Verstand stecken Grenzen

Die Grenzen aber sind gesteckt, vom Grundgesetz und vom gesunden Menschenverstand. Der verbietet es, über Sanktionen gegen Menschen nachzudenken, die gegen Rassismus protestieren. Der Verstand von Fußballern, deren Beratern und Vereinsvertretern wird auch dafür sorgen, dass die Botschaften nur bei aktuellen Anlässen auf dem Rasen übermittelt werden. Um generell für menschliche Werte einzutreten, gibt es weitere Plattformen und viele Möglichkeiten.

Halt die Klappe und spiel! Das zerrissene Sportland USA Sportschau 21.03.2019 48:36 Min. Verfügbar bis 02.06.2021 Das Erste Von Sven Strowick mit Johannes Herber

Stand: 02.06.2020, 12:30

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