Andrew Wiggins (r.) von den Golden State Warriors beim Dunk gegen Luka Doncic von den Dallas Mavericks

Basketball | NBA "Vintage"-Warriors auf dem Weg ins NBA-Finale

Stand: 23.05.2022 14:38 Uhr

Die Golden State Warriors sind nur noch einen Schritt von den NBA Finals entfernt. Nach langer Leidenszeit zeigen die Warriors in den Playoffs, dass sie ihr einst stilbildendes Spiel immer noch am besten beherrschen.

Von Christian Mixa

Luka Doncic zeigte bei den Dallas Mavericks in Spiel drei der Western Conference Finals die nächste Galavorstellung: Doncic kam am Ende auf 40 Punkte, zum zweiten Mal in Folge knackte er die 40-Punkte-Marke.

Der Anführer der Mavs war auch an einer Schlüsselszene des Spiels beteiligt, die allerdings zu seinen Ungunsten ausfiel: Andrew Wiggins, Angreifer der Golden State Warriors, versenkte einen krachenden Dunk über Doncics Kopf hinweg im Korb der Mavericks - und räumte im Flug den Slowenen aus dem Weg wie eine Slalomstange beim Skifahren. Im US-Sport gibt es dafür den schönen Begriff "Posterized": wenn bei einem spektakulären Dunk der machtlose Verteidiger mit aufs Poster genommen wird, als Demütigung, die für alle Zeiten dokumentiert ist.

Warriors unbeeindruckt, auch von Doncics Großtaten

Die Warriors bekamen dafür zwar nur zwei Punkte gutgeschrieben. Die Szene hatte dennoch Symbolcharakter, nicht nur für das Spiel, sondern für die gesamte bisherige Playoff-Serie, bei der die Warriors Doncics Großtaten ziemlich unbeeindruckt hinnahmen. Im Glauben an die eigene Stärke. Und im Wissen, dass sie jederzeit bessere und vor allem: mehr Antworten finden können.

In Spiel drei war es eben Andrew Wiggins, der neben den üblichen Hauptdarstellern Steph Curry, Klay Thompson und Draymond Green zu großer Form auflief, nicht nur wegen seines "Poster-Dunks" gegen Doncic: 27 Punkte und 11 Rebounds hatte er am Ende im Boxscore stehen. Mindestens ebenso wichtig war allerdings seine Arbeit in der Defensive, wo er vor allem auf Luka Doncic angesetzt wird und den mit Abstand gefährlichsten Spieler der Mavs zumindest ausgebremst hat. Trotz seiner 40 Punkte trifft Doncic in der Serie nur etwas mehr als die Hälfte seiner Würfe aus dem Feld, seine schlechteste Wurfquote bislang in den Playoffs.

Dabei galt Wiggins, 2014 als Nummer-eins-Pick in die Liga gekommen, bei seinem früheren Klub, den Minnesota Timberwolves, schon als ewiges Talent. Bei Golden State schafft er es nun auf einmal, sein großes Potenzial abzurufen, obwohl er kaum Playoff-Erfahrung hat.

Superstar-Garde um Curry und Thompson wiedervereint

Bestärkt fühlen dürfte er sich dabei wohl auch durch die Sicherheit, die die alte Superstars-Garde der Warriors um ihn herum verströmt. Abgesehen von Kevin Durant ist der Kern des Erfolgsteams um Steph Curry, das zwischen 2015 und 2019 fünfmal in Folge in die NBA-Finals kam und drei Meisterschaften gewann, nach wie vor zusammen. Und ihre Anführer sind, erstmals nach langer Zeit, alle wieder fit, nach vielen, teils schweren Verletzungen: Klay Thompson, neben Curry der zweite der "Splash Brothers", der Scharfschützen im Team, hatte wegen einer Achillessehnenverletzung mehr als zwei Jahre aussetzen müssen.

Curry wiederum, seit dieser Saison auch bester Dreipunkteschütze der NBA-Geschichte, trifft von "downtown" fast wie zu seinen besten Zeiten. Und lässt dabei keine Gelegenheit aus zu zeigen, welch großen Spaß er wieder auf dem Parkett hat: In Dallas besorgte er zwei Minuten vor der Halbzeit die Führung, mit einem seiner berühmten Dreier ganz aus der Ecke. Dabei schaute er seinem Wurf gar nicht hinterher, nachdem er ihn abgefeuert hatte. Er drehte sich zur eigenen Bank um und lief mit einem fetten Grinsen zurück, als der Ball durchs Netz rauschte.

Steph Curry nach einem Korberfolg für die Golden State Warriors in Spiel drei gegen die Dallas Mavericks

Wie schon in Spiel zwei, als sie sogar einen Rückstand von fast 20 Punkten aufholten, zeigten die Warriors, dass sie jederzeit bereit sind, die Schlagzahl zu erhöhen und das Spiel an sich zu reißen. Zum dritten Mal in Folge spielten sie sich nach der Halbzeit einen vorentscheidenden Vorsprung heraus.

Großes Selbstbewusstsein und Kampfbereitschaft in den Playoffs

Je länger die Playoffs andauern, umso größer erscheint das Selbstbewusstsein, das die Warriors demonstrieren: Als wollten sie es allen zeigen, dass sie immer noch die Liga dominieren können. Mit ihrem "Vintage"-Stil, mit dem sie die NBA in den 2010er-Jahren geprägt haben, und den doch eigentlich keiner so gut beherrscht wie sie. Dabei haben sie ihr Spiel inzwischen etwas angepasst, verlassen sich nicht mehr nur auf die gefährlichen Dreipunkteschützen, sondern suchen auch mehr Abschlüsse aus der Mitteldistanz.

Zum Repertoire der 2022-er-Warriors gehört auch eine gewisse Galligkeit. Gegen die lautstarken Herausforderer aus Memphis, die den Offensivkünstlern auch mit physischer Härte zusetzten wollten, hielten sie aggressiv dagegen. Auch der erfahrene, sonst besonnene Coach Steve Kerr zeigte sich im Angriffsmodus: Der Gegner habe den Ehrenkodex der NBA missachtet, giftete Kerr, nachdem Gary Payton nach einer Attacke des Gegners mit einem gebrochenen Ellenbogen ausgeschieden war. In der darauffolgenden Partie war es dann Jordan Poole, der Memphis-Jungstar Ja Morant hart anging, auch Morant fiel daraufhin verletzt aus.

Die Warriors, so scheint es, wollen sich nur schwer von ihrem großen Ziel abhalten lassen, den nächsten Titel zu gewinnen. "Wir fühlen uns sehr wohl, da wo wir jetzt sind. Das ist etwas Besonderes. Es ist so lange her, dass wir zusammen diese Spiele bestritten haben", sagte Curry bei ESPN. Er erinnerte an die lange Leidenszeit mit vielen Verletzungen und auch an die zwei unglücklich verlorenen Finalserien gegen Cleveland und Toronto. "Wir verspüren einfach eine große Dankbarkeit dafür, dass wir es wieder soweit geschafft haben. Wir haben einen großen Willen, vielleicht stärker als früher, dass wir uns diese Gelegenheit diesmal nicht entgehen lassen sollten."