Russell Wilson, Baker Mayfield und Carson Wentz vor den Logos ihrer neuen Teams

Superstars, Talente, Skandalspieler Das Quarterback-Roulette in der NFL

Stand: 31.08.2022 15:05 Uhr

Hochkarätige Verstärkung, Talent mit Fragezeichen, Skandalprofi oder letzte Chance für vermeintlich Gescheiterte. Wenn die US-Football-Liga NFL Anfang September in die neue Saison startet, werden sich viele Fans an neue Quarterbacks ihrer Teams gewöhnen müssen.

Von Robin Tillenburg

Russell Wilson: Der Champion auf zu neuen Ufern

In Seattle endet in diesem Jahr eine Ära. Nach zehn Jahren verlässt Quarterback Russell Wilson die Seahawks. Der 33 Jahre alte Super-Bowl-Sieger von 2013 und achtfache Pro Bowler (vergleichbar mit All-Star) trägt tatsächlich jetzt das Jersey der Denver Broncos.

Das Verhältnis zwischen dem Superstar und Seattles Trainer Pete Carroll soll schon länger angespannt und Wilson mit der Zusammenstellung des Teams unzufrieden gewesen sein. Denver ließ sich seinen neuen Anführer unter anderem zwei Erstrundenpicks, zwei Zweitrundenpicks, den hochveranlagten Tight End Noah Fant und Ersatz-Quarterback Drew Lock kosten. Ein stolzer Preis, der auch bedeutet: Nach sechs Jahren ohne Playoffs setzt man jetzt alles auf eine Karte.

Die Fallhöhe ist für beide groß. Wilson wirkte in der vergangenen Saison nicht mehr ganz so agil, traf nicht mehr so zuverlässig die richtigen Entscheidungen wie in den Jahren zuvor und war auch nicht mehr der "Magier", der Seattle regelmäßig enge Spiele durch Traumpässe im Rückwärtsfallen entschied. In Denver sind die Bedingungen nun deutlich besser, gerade die Offensive Line, die den Quarterback vor gegnerischem Druck schützen soll, ist deutlich stärker als bei den Seahawks. Ausreden und Schonfrist gibt es für Spieler und Franchise nach so einem Move nicht. In einer starken Division müssen mindestens die Playoffs erreicht werden.

Deshaun Watson: Skandal um einen Superstar

Deshaun Watson, bis vor einigen Monaten noch Quarterback der Houston Texans und einer der absoluten Superstars auf seiner Position, wurde von 24 Frauen, viele davon Masseurinnen und/oder Physiotherapeutinnen, zivilrechtlich wegen sexueller Belästigung verklagt. Mit 20 davon hat er sich inzwischen außergerichtlich geeinigt. Strafrechtlich ist die Sache bereits erledigt, weil zwei Geschworenengerichte auf eine Anklage verzichteten.

In der vergangenen Saison verzichtete Houston wegen der andauernden Ermittlungen auf seinen besten Spieler. Jetzt wartet ein Neues Team auf ihn: Denn trotz der vielen schwerwiegenden Vorwürfe schlugen die Cleveland Browns zu und zahlen nicht nur viele Draft-Picks an die Texans, sondern Watson auch über die kommenden fünf Jahre 230 Millionen Dollar. Die sind auch noch so strukturiert, dass eine Sperre ihm kaum finanzielle Einbußen beschert.

Eine unabhängige Vermittlerin zwischen Liga und Spielergewerkschaft, eine ehemalige Bundesrichterin, hatte den heute 26-Jährigen vor wenigen Wochen noch zu einer Sperre von sechs Spielen verurteilt. Die Liga hat aber Berufung eingelegt. Letztendlich wurde Watson nun für elf Spiele gesperrt. Das Wort "Beigeschmack" ist noch zu harmlos.

Baker Mayfield: Die frühe Chance auf Genugtuung

Gar nicht gut fand die Watson-Verpflichtung wohl auch Baker Mayfield. Der ehemalige Nummer-Eins-Pick im Draft war in den vergangenen Jahren eines der Gesichter des Aufschwungs der Browns und mitverantwortlich dafür, dass eine 17-jährige Playoff-Abstinenz schließlich endete. Mayfield hatte zwar zuletzt schwankende Leistungen gezeigt, aber auch lange Zeit verletzt gespielt, um sein Team als Anführer zu unterstützen. Dass dieser Einsatz nicht honoriert, sondern Watson verpflichtet wurde, hat den ehrgeizigen Mayfield gewurmt, das Tischtuch war zerschnitten und so war es nur eine Frage der Zeit, bis die Browns ihn gehen lassen würden.

Dass die Carolina Panthers im Juli schließlich nur einen Fünftrundenpick bezahlen mussten, darf als Schnäppchen gewertet werden. In der abgelaufenen Spielzeit waren die Leistungen der Panthers-Quarterbacks Sam Darnold und Co. größtenteils schwach und überhaupt gelangen in den jüngsten drei Saisons nur jeweils fünf Siege - viel zu wenig. Mayfield soll nun das lang ersehnte Upgrade sein - und der dürfte sich ein Datum besonders dick im Kalender markiert haben: Direkt im ersten Saisonspiel am 11. September treffen die Panthers auf die Browns.

Carson Wentz: Letzte Chance für das einstige Supertalent

Bei Carson Wentz sah alles nach ganz großer NFL-Karriere aus. Mit den Philadelphia Eagles war er 2017 auf MVP-Kurs, verletzte sich dann kurz vor Ende der regulären Saison und gewann somit nur als Zuschauer schließlich den Super Bowl. An diese Leistungen kam er in den folgenden Spielzeiten nicht mehr heran und wechselte schließlich 2021 zu den Indianapolis Colts. Auch dort blieb er aber hinter den Erwartungen zurück. Früh war klar, dass man bei den Colts kein Interesse daran haben würde, das hohe Gehalt für Wentz weiter zu bezahlen.

In den Washington Commanders fand man einen Abnehmer, der den Colts immerhin einen Zweit- und Siebtrundenpickverschaffte. Bei den Commanders hat Wentz nun in einer insgesamt schwächeren Offense als in Indianapolis wohl seine letzte Chance, sich nochmal als Starter in der NFL zu beweisen. Das hätte 2017 wohl auch niemand vorhergesehen.

Matt Ryan: Der Routinier greift nochmal an

Matt Ryan ist mittlerweile 37 Jahre alt. Ein Alter, in dem man, wenn man nicht Tom Brady heißt, als Quarterback bestenfalls noch ein bis zwei gute Jahre auf NFL-Niveau haben kann. Bei den Atlanta Falcons, für die Ryan seit 2008 spielte, wäre er in diesen letzten zwei Jahren, denn genau so lange dauert auch sein aktueller Vertrag noch, wohl nicht mehr in die Playoffs gekommen. Atlanta befindet sich, seit es im Werben um Deshaun Watson gegenüber Cleveland den Kürzeren zog, im Umbruch. Der Kader gehört zu den schwächeren der Liga.

Quarterback Matt Ryan im Trikot von Indianapolis Colts

Als öffentlich bekannt wurde, dass man sich um Watson bemüht, war auch schnell klar, dass Ryan die Franchise doch noch mal verlassen würde. Und auch wenn man Ryan vergangene Saison das ein oder andere Mal doch das fortschreitende Alter ansah: Die Bedingungen in Indianapolis sind sportlich vielfach besser als in Atlanta. Bei den Colts hatte auch Philip Rivers 2020 nach 15 Jahren bei den Los Angeles Chargers noch einmal eine wirklich starke letzte Karriere-Saison, die zumindest mit der Playoff-Teilnahme belohnt wurde. Mit einem womöglich noch etwas besseren Kader als damals soll mit dem MVP von 2016 nun sogar noch etwas mehr möglich sein.

Trey Lance: Jetzt aber!

Die San Francisco 49ers waren im Draft 2021 extra an eine bessere Position gewechselt und hatten diesen Wechsel teuer bezahlt, um Trey Lance als neuen Quarterback zu verpflichten. Nur um dann festzustellen, dass dieser zwar in Sachen Athletik und Laufspiel zu dem besten gehören kann, was es auf dieser Position in der NFL gibt, im Passspiel aber noch zu große Defizite hat. Das Ergebnis: Routinier Jimmy Garoppolo blieb der Starter.

Lance durfte nur partiell ran und zeigte auch genau das: Starke Runs, aber teilweise wilde Pässe. Mit einer Saison Erfahrung soll der Youngster nun aber den Staffelstab übernehmen und die 49ers direkt in die Playoffs führen. Die Bedingungen, die der Kader und Coaching-Mastermind Kyle Shanahan ihm dafür bereitstellen, sind hervorragend - jetzt muss Lance liefern.

Außerdem neu: Mariota, Trubisky und Lock (?)

Bei den Atlanta Falcons dürfte Marcus Mariota zunächst die offensiven Geschicke leiten. Der Nummer-Zwei-Pick aus dem Jahr 2015 ist immer noch ziemlich beweglich, konnte aber als Passer nie das zeigen, was man von ihm erwartet hatte. In den vergangenen zwei Jahren war er Backup-Quarterback bei den Las Vegas Raiders und dürfte in Atlanta nur eine Übergangslösung darstellen.

Zwei Jahre nach Mariota war Mitch Trubisky der zweite Pick im NFL-Draft und auch bei ihm war trotz zwischenzeitlicher Hochs nach einigen Jahren klar: Die Erwartungen waren zu hoch. Bei den Pittsburgh Steelers muss Trubisky mit Rookie Kenny Pickett um die Nachfolge von Ben Roethlisberger kämpfen. Immerhin: In Pittsburgh stehen dem jeweiligen Quarterback zumindest viele gute Passempfänger zur Verfügung. Bei den Seattle Seahawks duellieren sich der langjährige Backup Geno Smith und Neuzugang Drew Lock um die Position als Starter. Für Smith wäre es seit seiner mäßig erfolgreichen Zeit 2013 und 2014 bei den New York Jets die erste richtige Chance als Starter, für den deutlich jüngeren Lock ist es nach drei schwachen Spielzeiten in Denver vielleicht schon die letzte.