Antonio Ruediger, Jonathan Tah, Maximilian Mittelstaedt, Jamal Musiala, Ilkay Guendogan, Florian Wirtz, Joshua Kimmich

Fußball | Nationalmannschaft Zu wenig Ostdeutsche in der Nationalmannschaft?

Stand: 29.05.2024 15:07 Uhr

Anfang der 2000er Jahre waren sieben Spieler aus Ostdeutschland im EM- bzw. WM- Kader. Seither ist die Zahl kontinuierlich gesunken. Nach 2008 endete die Ära der Spieler, die das Fußballspielen in der DDR gelernt haben. Aber selbst wenn man den gesamten Nordostdeutschen Fußballverband (also inklusive West-Berlin) betrachtet: Bei den großen Turnieren waren nur ein bis drei Spieler aus dieser Region im Nationalkader. Aktuell sind es fünf. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Woran liegt das?

Von Peer Vorderwülbecke, David Wünschel

Deutschland holt 1990 den WM-Titel. Genau genommen: West-Deutschland, die BRD. Mit der Wiedervereinigung standen dem Teamchef Franz Beckenbauer perspektivisch auch die DDR-Stars zur Verfügung, also Andreas Thom, Thomas Doll oder Ulf Kirsten. "Wir werden über Jahre hinaus unbesiegbar sein," war damals die unbescheidene Prophezeiung des Kaisers. 

Generation Ballack sorgt für Anstieg

Wirklich eingetroffen ist sie nicht. Auch weil die DDR-Spieler fremdelten in der gesamtdeutschen Nationalmannschaft, ihr Potential nie wirklich abrufen konnten. Mehr als drei schafften es nicht in den Kader bei den großen Turniere Anfang der 90er Jahre. Beim EM-Triumph 1996 war erstmals ein Ostfußballer einer der prägenden Spieler: der gebürtige Dresdner Matthias Sammer.

Und dann stieg der Anteil der Ost-Fußballer plötzlich rasant an. Die Generation Ballack kam. Ausgebildet im DDR-System, gereift in der gesamtdeutschen Bundesliga. 2002 bei der WM in Japan und Südkorea standen sieben Kicker aus der ehemaligen DDR im Kader: Neben Ballack noch Thomas Linke, Marko Rehmer, Jörg Böhme, Jens Jeremies, Bernd Schneider und Carsten Jancker.

Auswahl-Trainer Engel schwärmt von DDR-Ausbildung

Kein Zufall, glaubt Frank Engel. Der heutige Vorsitzende des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer war selbst Teil des DDR-Nachwuchs-Systems. Er hat Junioren-Nationalmannschaften in der DDR trainiert und später auch im DFB. "Die fußballerische Grundausbildung war in der DDR überragend," schwärmt der 72-Jährige noch heute. "Wir hatten hauptamtliche Trainer und 150 Einrichtungen für die Nachwuchs-Talente." Und das wirkt nach, da ist sich Engel sicher. "Die Spieler, die bis 2010 in der Nationalmannschaft gespielt haben, die haben von dem genialen Fördersystem in der DDR profitiert."

Tatsächlich ist die Ost-Fraktion in der Nationalmannschaft ab 2008 kontinuierlich geschrumpft. In den vergangenen 15 Jahren haben es nur der ewige Toni Kroos sowie Marcel Schmelzer, Jerome Boateng und Antonio Rüdiger zu einer Welt- oder Europameisterschaft geschafft. Dazu gesellen sich nun zumindest der aus Falkensee stammende Maximilian Mittelstädt, der in Brandeburg geborene und in Cottbus ausgebildete Maximilian Beier sowie jetzt noch der Spätstarter Robert Andrich.

Antonio Rüdiger und Toni Kroos

Mit Antonio Rüdiger (li.) und Toni Kroos sowie Robert Andrich stehen im aktuellen EM-Kader drei Spieler aus dem Osten.

Aufgewachsen sind alle im wiedervereinigten Deutschland. Aber warum haben es aus dieser Generation so wenige Fußballer aus Ostdeutschland in die Nationalmannschaft geschafft? "Mit der Wende haben 200 Nachwuchs-Trainer den Job verloren, weil das bisherige System nicht mehr finanziert wurde. Da ist die Qualität der Ausbildung deutlich zurückgegangen," erinnert sich Frank Engel.

Ostdeutscher Fußball in den 90ern im Krisenmodus

Auch Stefan Böger pflichtet ihm bei. Der heutige Sportdirektor von Carl Zeiss Jena hat selbst die Fußball-Ausbildung in Jena durchlaufen, ist Profi geworden und hat später Junioren-Nationalmannschaften des DFB trainiert. "Das war nach der Wende eine Umbruchphase, da hatten die Menschen andere Probleme." Das professionelle, extrem strukturierte Talentfördersystem ist auseinandergebrochen und das westdeutsche Vereinsleben mit ehrenamtlichen Trainern war im Osten nicht etabliert.

Die 90er waren für Ostdeutschland – und den ostdeutschen Fußball - ein Krisenjahrzehnt. Aber dann haben die Vereine sich konsolidiert, und ihre Tradition der Nachwuchsförderung wiederbelebt. Mittlerweile gibt es 12 Nachwuchsleistungszentren in Ostdeutschland, das ist im gesamtdeutschen Vergleich überdurchschnittlich viel. Trotzdem sind bei den letzten acht Turnieren nur ein bis drei ostdeutsche Spieler im Nationalkader gewesen.

Stefan Böger

Stefan Böger war Trainer der Junioren-Nationalmannschaften des DFB.

Traditionsvereine aus dem Osten spielen nicht hoch genug

"Es kann nicht an der Talentförderung liegen," sagte Markus Hirte, Leiter der Talentförderung beim DFB. "Die Leistungszentren im Osten arbeiten genauso gut wie die im Westen." Eine Auswertung des DFB belegt diese Aussage. Zwischen 2014 und 2023 kamen in den Junioren-Nationalmannschaften 880 Spieler zum Einsatz, 194 davon mit einem fußballerischen Wurzeln in Ostdeutschland. Das entspricht einem Anteil von 22 Prozent. Überdurchschnittlich viel.

Aber im Nordostdeutschen Fußballverband sind die Profivereine dünn gesät. Die Traditionsvereine wie Jena, Chemnitz oder Erfurt haben zwar Nachwuchsleistungszentren – die erste Mannschaft spielt aber in der Regionalliga. Also zieht es ambitionierte Talente schon im Teenageralter zu den großen Bundesligavereinen in Westdeutschland. Dort müssen die Teenager dann ohne in einem neuen Umfeld klarkommen, haben keine familiäre Unterstützung. Wissenschaftliche Auswertungen zeigen, dass häufige Vereinswechsel im Juniorenbereich der fußballerischen Entwicklung eher schaden, sagt Hirte.

Durchlässigkeit zu den Profis im Westen höher

Ein weiterer Knackpunkt: der Übergang von der Jugend zu den Profis. "Der Sprung aus der U19 in eine ambitionierte erste Mannschaft ist riesengroß”, weiß Hirte - und im Osten anscheinend noch größer als im Westen. Eine Auswertung von transfermarkt.de zeigt, bei welchen Bundesligavereinen wie viele Eigengewächse im Kader stehen. Ganz oben: TSG Hoffenheim und SC Freiburg mit elf beziehungsweise neun Profis aus der eigenen Jugend. Am unteren Ende der Rangliste: RB Leipzig und Union Berlin. Beide Vereine haben keinen einzigen selbst ausgebildeten Spieler im Kader, der schon einmal in der Bundesliga auf dem Platz stand.

Beide Vereine gehören auch zu den wenigen Bundesligisten, die keine U23-Mannschaft haben. Genauso wenig wie der Hallesche FC, Dynamo Dresden oder Erzgebirge Aue. Nur Hansa Rostock, der 1. FC Magdeburg und Hertha BSC haben so eine Talentschmiede, in der Nachwuchsspieler zum Profi reifen können.

Gründe liegen zum Teil im Unklaren

A-Jugend-Spieler stehen in Ostdeutschland also häufig vor der Wahl: Wechsel oder Tribüne. Trotzdem bleiben das alles nur Indizien. "Warum so wenigen Spieler aus Ostdeutschland der Sprung in die absolute Spitze nicht gelingt, ist pauschal nicht zu sagen," meint DFB-Talentexperte Hirte. Auch Stephan Böger erzählt, dass er über die Statistik im Kollegenkreis gesprochen hat und gesteht: "Es gibt für die Anzahl der ostdeutschen Fußballer in der Nationalmannschaft keine eindeutigen Gründe."

Wahrscheinlich muss man einen Blick auf die Statistik werfen. Ostdeutschland hat zwar einen Bevölkerungsanteil von rund 19 Prozent. Aber bei den Fußballspielern, die im DFB organisiert sind, liegt der Anteil nur bei 9,5 Prozent. Bei den Junioren nur geringfügig höher bei 11 Prozent. Es spielen also deutlich weniger Jugendliche und Erwachsene Fußball.

Zahl der Nationalspieler in den 2000ern überdurchschnittlich hoch

Gerade in der Ausbildung hat das Konsequenzen: "Wir haben weniger Spieler, weniger Vereine – ganz entscheidend – wir haben die Leistungsdichte nicht in diesem Alterssegment," sagt Stefan Böger. Wenn man also von zehn Prozent der gesamtdeutschen Fußballer ausgehe, dann sind zwei bis drei ostdeutsche Spieler im Nationalkader eigentlich ein normaler Schnitt.

Rückblickend ist es eher so, dass die Anzahl der ostdeutschen Nationalspieler Anfang der 2000er Jahre überdurchschnittlich hoch war. Die Zahlen der letzten 14 Jahre und damit auch die drei aktuellen Nationalspieler aus den neuen Bundesländern sind statistisch völlig in Ordnung. Und eigentlich hoffen die Fußball-Fans ja auf eine gute Leistung der Nationalmannschaft bei der EM. Aus welcher Ecke die Spieler kommen, ist den meisten wohl ziemlich egal.