Anna Schaffelhuber zu Gast im Sportschau-Winter-Podcast

Sportschau-Wintersport-Podcast Paralympics-Expertin Anna Schaffelhuber: "Bin geschockt und zwiegespalten"

Stand: 03.03.2022 12:00 Uhr

Die Paralympics starten am Freitag in Peking - mit dabei: Sportschau-Expertin Anna Schaffelhuber. Vorher blickt sie im Wintersport-Podcast der Sportschau mit Julia Kleine auf die Spiele und hat dabei eine reflektierte Meinung zu aktuellen Themen auch außerhalb des Sports.

Sportschau: Anna, es ist sportlich zwar gerade eine sehr große Zeit für den Parasport, doch der rückt aufgrund der aktuellen Lage in den Hintergrund – es herrscht Krieg in der Ukraine. Kannst du dich da überhaupt auf die Paralympics freuen?

Ich bin ehrlich gesagt schon ein bisschen zwiegespalten. Man ist geschockt und ich tue mich schwer, das in Worte zu fassen. Klar, die Paralympics finden statt, aber das erste, was ich mir am Morgen anschaue, sind nicht die Abfahrtsergebnisse aus dem Training sondern die Ereignisse in der Ukraine.

Sportschau: Die aktiven Sportlerinnen und Sportler sind ja schon nach Peking geflogen. Was sagen die Athletinnen und Athleten zu der Situation in der Ukraine?

Die sind auch total fassungslos. Wir haben es mit der Krim-Krise im kleineren Rahmen in Sotschi schon erlebt, aber jetzt hat es ein ganz anderes Ausmaß angenommen. Die sind total geschockt, aber sagen natürlich auch: Wir haben dieses Großereignis, auf das wir Jahre hingearbeitet haben und von dem man auch die nächsten Jahre lebt. Deshalb sind sie genauso zwiegespalten, wie wir es hier auch in Deutschland sind.

Anna Schaffelhuber: "Bin geschockt und zwiegespalten"

Sportschau-Wintersport-Podcast, 03.03.2022 12:00 Uhr

Sportschau: Du hast die Krimkrise 2014 schon angesprochen. Die Spiele in Sotschi waren für dich sehr erfolgreich. Wie hast du es damals geschafft, den Fokus auf dem Sport zu behalten?

Das war wahnsinnig schwierig, weil man an jeder Ecke darauf angesprochen wurde. Und irgendwann hat es mich nur noch genervt, weil ich überhaupt nicht mehr sportlich befragt wurde. Ich bin schon ein politisch interessierter Mensch, aber ich hatte vor Ort überhaupt nicht die Zeit, mich einzulesen und ein fundiertes Wissen zu haben. Ja, Sportler haben eine Vorbildfunktion und es ist wichtig, seine Meinung einzubringen. Aber ich habe mich insofern an die Wand gestellt gefühlt: Ich muss etwas dazu sagen, bin aber überhaupt nicht richtig informiert. Das war schwierig. Man möchte ja auch keine Halbwahrheiten verbreiten.

Sportschau: Wir haben noch die Bilder im Kopf, wie Eric Frenzel bei den Olympischen Spielen aus seinem Quarantänelager durch die Fensterscheibe mit Reportern telefoniert. Seine Verzweiflung hat man in seinen Augen gesehen. Wenn du jetzt noch aktive Athletin wärst: was würde das mit dir machen?

Ich hätte wahnsinnige Angst. Das wäre das, wo ich am meisten Respekt vor hätte. Irgendwo ist es ja schon eine Lotterie: Eric hat ja alles dafür gemacht, sich zu schützen und es hat ihn trotzdem erwischt. Als Sportler bist du es gewohnt, überall nochmal nachzuschauen und zu kontrollieren, ob alles passt. Das dabei nicht zu können, hasst jeder Sportler. Das ist wie, wenn du bei der Abfahrt eine Windböe bekommst. Man lernt als Sportler zwar damit umzugehen, aber trotzdem: das ist das Worst-Case-Szenario für jeden Sportler.

Sportschau: Bei Eric Frenzel war das Quarantänehotel schon kritisch zu betrachten. Bei den Paralympics werden an solch ein Quarantänehotel nochmal ganz andere Ansprüche gestellt, allein schon was die Barrierefreiheit angeht. Welche Infos hast du zum Quarantänehotel in Peking?

Ich habe schon gehört, dass es nicht unbedingt das barrierefreiste war. Man muss auch ganz klar sagen, dass eine Quarantäne dort für einen Parasportler nochmal etwas ganz anderes bedeutet. Klar, es kommt immer drauf an, welche Unterstützungsleistung man braucht, aber das darf man nicht vernachlässigen.

Sportschau: Kommen wir zum Sportlichen. Natürlich rückt das gerade in den Hintergrund, aber wie ist denn die Gefühlslage gerade unter den Athletinnen und Athleten?

Es ist ein Mix aus Vorfreude, dass es endlich losgeht, aber auch eine Anspannung. Es ist ja immer so, dass du und auch dein Umfeld etwas erwartet. Du möchtest dir deinen Traum erfüllen, eine Medaille holen. Da höre ich schon bei den Athletinnen und Athleten raus, dass die Anspannung gewachsen ist, weil die Spiele näher rücken. Die meisten sind aber einfach nur froh, wenn die Spiele dann endlich beginnen.

Sportschau: Was war dein größter paralympischer Moment?

Das war die Goldene in Pyeongchang. Nach meinen erfolgreichen Spielen in Sotschi hat sich die Erwartungshaltung sehr verändert. Alle Erfolge waren gefühlt nur noch die Bestätigung. Ich habe aber immer den Traum gehabt, nochmal Olympisches Gold zu holen und zu zeigen, dass es in Sotschi nicht einfach nur ganz gute zwei Wochen waren. Vor den Spielen in Pyeongchang war ich dann sehr angespannt und der glücklichste Mensch, als ich durchs Ziel gekommen bin und die Eins aufleuchten gesehen hab. Dann noch meine ganze Familie auf der Tribüne jubeln zu sehen, das war mein größter Moment meiner Karriere.

Sportschau: Was traust du den Sportlerinnen und Sportlern dieses Jahr in Peking zu?

Viele unserer nun mehr 18 statt 20 Athletinnen und Athleten sind zum ersten Mal dabei. Wir werden weniger Leaderfiguren in der deutschen Mannschaft haben als in Sotschi, als ich eine der Leaderfiguren war, und als in Pyeongchang, wo es schon mehr Leaderfirugen gab. Das werden wir hier nicht mehr so haben. Für viele wird es also – blöd gesagt – nicht um Medaillen gehen, sondern darum, Erfahrungen zu sammeln. Der Erfolg der deutschen Mannschaft wird stark davon abhängen, wie die Spiele beginnen. Wenn man von Anfang an in einen Flow reinkommt, werden die Aufgaben leichter. Es ist ein junges, frisches Team, aber wenn sie parat stehen, wenn es drum geht, dann traue ich ihnen auch einiges zu.