IPC-Präsident Andrew Parsons nach der Pressekonferenz zu den Winter-Paralympics 2022

Paralympics | Krieg in der Ukraine

Paralympics: IPC schließt Russen und Belarussen nun doch aus

Stand: 03.03.2022, 15:27 Uhr

Das Internationale Paralympische Komitee schwenkt um und schließt Athletinnen und Athleten aus Russland nun doch von den Paralympics aus. Es ist auch eine Reaktion auf Boykott-Drohungen.

"Wir vom IPC sind der festen Überzeugung, dass Sport und Politik sich nicht vermischen sollten", sagte Präsident Andrew Parsons am Donnerstag (03.03.2022) . "Der Krieg ist jedoch ohne unser eigenes Verschulden zu diesen Spielen gekommen, und hinter den Kulissen nehmen viele Regierungen Einfluss auf unsere geschätzte Veranstaltung." Die eskalierende Situation habe das IPC "in eine einzigartige und unmögliche Lage gebracht".

Schließlich sei der Druck der Mitgliedsverbände zu groß geworden. "Mehrere Nationale Paralympische Komitees, von denen einige von ihren Regierungen, Teams und Athleten kontaktiert wurden, drohen damit, nicht anzutreten", führte Parsons aus: "Sie haben uns gesagt, dass es schwerwiegende Folgen für die Paralympischen Winterspiele 2022 in Peking haben könnte, wenn wir unsere Entscheidung nicht überdenken."

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Erleichterung bei den deutschen Verbänden

"Es ist eine wunderbare Kehrtwende", sagte DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: "Uns, den Athletinnen und Athleten, aber auch den meisten Nationalen Paralympischen Komitees ist eine unwahrscheinliche Last abgefallen."

DBS glücklich über IPC-Entscheidung: "Wunderbare Kehrtwende"

Sportschau 03.03.2022 02:21 Min. Verfügbar bis 03.03.2023 Das Erste

"Die Kehrtwende des Internationalen Paralympischen Komitees war die einzig mögliche Reaktion auf die weltweiten Proteste", sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert am Donnerstag. "Die Weltgemeinschaft sendet klare Botschaften in Richtung der russischen und weißrussischen Aggressoren."

Russland geht vor Gericht

Russland hat sich dagegen entschlossen, gegen den Ausschluss vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS zu ziehen. Sportminister Oleg Matyzin kündigte am Donnerstag laut der russischen Nachrichtenagentur TASS eine Klage an, über die der CAS "noch vor der Eröffnungsfeier" am Freitag befinden solle.

Der vom Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) auferlegte Bann sei "eine eklatante Verletzung der Athletenrechte", sagte Matyzin, überdies "eine Manipulation der Olympischen Charta und der Menschenrechte zur Verfolgung politischer Ziele". Die Klage solle sich "gegen die Diskriminierung von Sportlerinnen und Sportlern aufgrund ihrer Herkunft und gegen politischen Druck" richten.

Parsons: "Situation in Athletendörfern eskaliert"

Seit dem Beschluss zur Zulassung der russischen und belarussischen Sportler sei "die Situation in den Athletendörfern eskaliert und ist inzwischen unhaltbar geworden", begründete Parsons die Kehrtwende. Bei den Athleten aus Russland und Belarus entschuldigte sich Parsons. "Sie sind Opfer der Handlungen ihrer Regierungen", sagte der Brasilianer. Insgesamt sind 83 Athleten vom Ausschluss betroffen. 

Quade: "Ich schäme mich zutiefst"

Für seine ursprügliche Entscheidung vom Vortag, Athleten aus Russland und Belarus unter neutraler Flagge teilnehmen zu lassen, hatte das IPC viel Kritik geerntet, auch vom Deutschen Behindertensportverband (DBS). Es sei "nicht nachvollziehbar", betonte Chef de Mission Karl Quade, "dass das IPC eine völlig andere Entscheidung trifft als der absolute Großteil der Sportwelt. Seit der Gründung des IPC 1989 bin ich Mitglied der paralympischen Bewegung, doch für diese Entscheidung schäme ich mich zutiefst."

Kritik aus der Ukraine auch am IOC

Besonders Sportler aus der Ukraine regierten mit großem Unverständnis auf die Teilnahme russischer und belarussischer Sportler. "Während russische und belarussische Bomben auf Bürger der Ukraine regnen, hat das Internationale Paralympische Komitee heute jedem ukrainischen Athleten einen weiteren Schlag versetzt", hieß es in einem gemeinsamen Statement der "Athleten der Ukraine" und dem Sport-Bündnis Global Athlete. "Die autoritären Regime werden jedes Quäntchen der Erfolges ihrer Athleten nutzen, um von ihrem brutalen Krieg abzulenken", hieß es.

Kurz nach der Entscheidung am Donnerstag hielt Valerii Suskhevych, der Präsident des Paralympischen Verbandes der Ukraine, einen flammenden Appell. Er sprach von einer Supermacht, die sein Land zerstören wolle. Von Kindern, die nur leben wollen, jetzt aber umgebracht werden. Von seinen ukrainischen Mannschaftskameraden, die es in einer Odyssee irgendwie aus der umkämpften Heimat nach China geschafft haben, die nicht mehr schlafen können angesichts der Nachrichten aus ihrer Heimat, und die jetzt trotzdem an Wettkämpfen teilnehmen wollen – irgendwie.

"Profit über Prinzipien"

Die Ukraine-Athleten und Global Athlete gingen zuvor das Internationale Olympische Komitee (IOC) scharf an. "Die heutige Entscheidung ist ein weiteres Beispiel für den Würgegriff, in dem das IOC das IPC hat. Es hat diese Entscheidung beeinflusst", hieß es. Die Funktionäre hätten "Blutvergießen und Profit über Prinzipien und Interessensgruppen" gestellt.

Das IOC hatte die umstrittene Entscheidung des IPC unterstützt. "Dieser Beschluss ist im Einklang mit den übergreifenden Empfehlungen. Wir haben vollen Respekt für diese Entscheidung", sagte IOC-Präsident Thomas Bach in einer Medienrunde.

DBS-Präsident Beucher: "Paralympics beginnen mit einem Tiefschlag"

Sportschau 02.03.2022 02:24 Min. Verfügbar bis 02.03.2023 Das Erste

Quelle: red/sid/dpa

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