Sebastian Coe - der laufende Lord der Leichtathletik

Sebastian Coe bei einer Pressekonferenz

Coe feiert 65. Geburtstag

Sebastian Coe - der laufende Lord der Leichtathletik

Von Hajo Seppelt

Seit 2015 hat der frühere Topläufer Sebastian Coe als Präsident den Leichtathletik-Weltverband vom Skandal-Image befreit. Kleinere Stockfehler schadeten nicht nachhaltig. Am 29. September wurde Coe 65 Jahre alt.

Nur gut eine Woche vor seinem 65. Geburtstag durfte Sebastian Coe mal wieder in der Rolle eines modernen Sportverbandspräsidenten auftreten. Ein zweites Mal veröffentlichte der Chef des Leichtathletik-Weltverbandes (World Athletics) den Jahresabschluss, um eine Transparenz zu schaffen, die viele Bosse im Weltsport für gewöhnlich fürchten.

Die Zahlen fielen passabel aus trotz der Corona-Krise, sodass unter dem Strich erstmals seit Jahren sogar wieder ein kleiner Gewinn von 2,1 Millionen Dollar verbucht werden konnte. Auch wenn der Gesamteindruck etwas leidet: World Athletics musste dafür nicht nur 7,5 Millionen Dollar vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) im Vorgriff auf Olympiaeinnahmen borgen, sondern benötigte auch Strafzahlungen des russischen Leichtathletikverbandes in Höhe von 6,8 Millionen Dollar.

Dennoch darf der Engländer Coe für sich in Anspruch nehmen, den Weltverband nach den Skandalen um seinen Vorgänger Lamine Diack aus dem Senegal konsolidiert zu haben. Das zurückliegende Jahr bilanzierte er: "Drei Worte definieren 2020 für mich: Widerstandsfähigkeit, Tapferkeit und Flexibilität."

Gespür für Macht und Netzwerke

Allein: Wollte man ihn selbst in eine ebenso knappe Formel pressen, ließe sich getrost derselbe Dreiklang verwenden. Dass er gewiss zudem nicht weniger ehrgeizig ist, liegt auf der Hand für einen früheren Ausnahmeläufer wie ihn, der bei den Olympischen Spielen in Moskau 1980 und Los Angeles 1984 jeweils Gold über 1.500 Meter und Silber über 800 Meter gewann. Und der dann, akademisch gebildet, rhetorisch gewappnet und mit natürlichem Charme gesegnet, scheinbar mit leichter Hand Erfolge im Berufsleben feierte.

Rückblickend war es kaum ein Zufall, dass Coe 1981 zu jenen acht Sportlern zählte, die die erste Athletenkommission des IOC bildeten – mit dem heutigen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Der ist mit einem ähnlichen Gespür für Macht und Netzwerke ausgestattet wie der Brite.

Nach dem aktiven Sport setzte Coe seinen Ruhm in der Politik ein. Für die Konservativen saß er ab 1992 fünf Jahre lang im britischen Unterhaus. Im klassenbewussten Großbritannien wurde er 2000 zum "Life Peer" erhoben und in das House of Lords aufgenommen. Seither darf er sich nennen, als spielte er eine Rolle in der Serie Game of Thrones: Baron Coe, of Ranmore in the County of Surrey.

Lobeshymnen auf Diack verfolgen ihn wie ein Fluch

Als sein Land einen suchte, der die ins Schlingern geratende Olympiakandidatur Londons für 2012 und dann die Spiele selbst zum Erfolg führen würde, durfte Coe Managerfähigkeiten beweisen. Anschließend übernahm er den Vorsitz des Nationalen Olympischen Komitees Großbritanniens und 2015 jenen von World Athletics.

Wie bei so vielen führenden Funktionären des Weltsports ließ er immer mal durchschimmern, dass ihm eine natürliche Sensibilität für die Trennung von privaten Interessen und beruflichen Pflichten nicht unbedingt in die Wiege gelegt worden ist. Wie ein Fluch verfolgen ihn etwa seine Lobpreisungen auf den Vorgänger Diack zur Amtsübernahme: "Er wird immer unser geistiger Präsident sein, und er wird sicherlich mein geistiger Präsident sein."

Er huldigte also ausgerechnet jenem Diack, der nach Ermittlungen, ausgelöst von einer ARD-Dokumentation 2014, in Paris 2020 zu vier Jahren Haft verurteilt wurde, weil er unter seiner Präsidentschaft ein System unterhielt, in dem korrumpiert und Doping vertuscht wurde. Coe gelang es, den Verband aus der Krise zu führen, indem er ihn nicht nur umbenannte, sondern auch inhaltlich neu aufstellte, etwa mit einer wirklich unabhängigen und wirklich ermittelnden Einheit, der 2017 gegründeten Athletics Integrity Unit (AIU). Auch Russland sanktionierten die Leichtathleten weitaus entschiedener als etwa das IOC.

Geheimsache Doping - Im Schattenreich der Leichtathletik die story 10.08.2015 55:38 Min. UT Verfügbar bis 30.12.2099 WDR

Coe, der Multimillionär

Seinen privaten Geschäftssinn hingegen korrigierte Coe bei potenziellen Interessenkollisionen zuweilen offenbar nur mit Widerwillen, etwa als er erst auf öffentlichen Druck einen mit angeblich 140.000 Euro dotierten Beratervertrag mit dem Sportausrüster Nike nach Amtsübernahme aufgab oder das Weiterführen der Geschäfte als Chef der Agentur Chime Sports Marketing. An die hatte er einst seine eigene Agentur Complete Leisure Association für einen Millionenpreis veräußert.

Umso erstaunlicher wirkte da ein kleiner Posten im ersten von World Athletics veröffentlichten Geschäftsbericht für 2019: "World Athletics hat einen Betrag in Höhe von 157.000 Dollar (130.310 €) an die Complete Leisure Association für Dienste und Arbeitsplatz eines leitenden Assistenten des Präsidenten während der Zeit, die er im Zusammenhang mit den Geschäften von World Athletics in London verbringt, verbucht."

Verbandsgeld also an seine Agentur. Während ihm die großen Dienstgeschäfte offenbar leicht von der Hand gehen, lässt der Lord bei solchen Kleinigkeiten das Fingerspitzengefühl vermissen. Bis zu seiner Wiederwahl 2023 für eine letzte mögliche Amtszeit hat Lord Coe nun die Möglichkeit, zu beweisen, dass er sein Amt auch frei von solcherlei Irritationen auszuüben versteht.

Stand: 28.09.2021, 16:00

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