Serie A

Antonios Werk und Contes Beitrag: Inter Mailand ist italienischer Meister

Von Jörg Seisselberg (Rom)

Ein überragender Romelu Lukaku mit seinem kongenialen Sturmpartner Lautaro Martinez, die beste Abwehr der Serie A, mit Nicola Barella auch den derzeit stärkster Mittelfeldspieler Italiens im Team. Gründe für Inter Mailands Scudetto gibt es einige. Aber nicht nur Italiens RAI-Reporterlegende Bruno Gentili findet: “80 bis 90 Prozent dieses Meistertitels sind das Werk des Trainers.“

Zwei Jahre hat Antonio Conte gebraucht, um Inter Mailand zu formen. Oder wie der 51jährige selbst formuliert: "Ich habe Inter meine Überzeugung vermittelt". Die laute: "Opfer, Schweiß, Anstrengung. Wer sich mit Mittelmäßigkeit zufriedengibt, hat keine Kopfschmerzen und schläft vielleicht besser" – habe aber keinen Erfolg. Die Conte-Mentalität, dem Mittelmaß den Mittelfinger zeigen.

"Ein Königreich zu stürzen"

Als Conte im Sommer 2019 anheuerte, stand Inter für genau das, Mittelmaß. Die Mission des früheren 20-fachen Nationalspielers: den Traditionsklub nach tristen Jahren wieder zum Titel führen. Der jetzige Erfolg, ließ Conte am Abend im RAI-Fernsehen wissen, sei einer der wichtigsten seiner Karriere. Bereits mit Juventus Turin und dem FC Chelsea ist er Meister geworden. Jetzt aber sei Historisches gelungen, die seit neun Jahren dauernde Dominanz Juves in Italien durchbrochen worden. Er und sein Team hätten es damit geschafft, Zitat Conte, "ein Königreich zu stürzen".

In Sachen Trainercharakter schließt sich bei Inter der Kreis. Vor elf Jahren gewannen die "Nerazzurri" mit José Mourinho ihren bisher letzten Meistertitel. Wie der selbsterklärte "Special One" stand Conte relativ weit hinten in der Reihe, als der liebe Gott die Bescheidenheit verteilte. Ähnlich dem Portugiesen setzt Conte auf einen Spielstil, der auf einer sicheren Defensive aufbaut. Kein schöner Fußball? Egal, strahlt Inter-Legende Alessandro Altobelli angesichts des Titelgewinns: "Wir haben von den letzten 15 Spielen 13 gewonnen und zweimal unentschieden gespielt, wir haben die beste Abwehr, den zweitbesten Sturm. Wenn das schlechter Fußball ist, dann möchte ich immer schlechten Fußball spielen."

Hinten dicht, vorne Hochgeschwindkeit

Contes Meistertaktik hat auf den ersten Blick etwas vom Mannschaftsbus, der vor dem eigenen Tor geparkt wird. Es stimmt, dass Inter sich häufig mit Fünfer- plus Dreierreihe in den eigenen Strafraum zurückzieht. Richtig ist aber auch, dass Inter bei seinen überfallartigen Umschaltaktionen mit einem Tempo spielt wie keine andere Mannschaft in Italien. Die technisch anspruchsvollen Hochgeschwindigkeitskombinationen, die sie Conte seinem Team lehrt, sind absolut sehenswert.

Und Conte lebt am Spielfeldrand mit. Weshalb es kein Vergnügen ist, unter Conte Außenbahnspieler zu sein. Der ehemalige Dortmunder Achraf Hakimi weiß das. Positionsbedingt muss er eine Halbzeit lang direkt an der Coaching-Zone vorbei. Einmal fing sich Hakimi bei einem Einwurf eine Ohrfeige von Conte, als dieser mal wieder in Rage war. Als es ein anderes Mal gut lief, riss Conte Hakimi an sich, um ihm einen Wangenkuss zu geben. Conte und sein Emotionsmanagement bekommen auch Journalisten zu spüren. Auf kritische Fragen in Interviews reagiert Conte verlässlich im Kampfhund-Modus.

Lukaku und Co. liefen monatelang für lau auf

Taktik, Fitness und nicht zuletzt Mentalität sind die Zutaten zu Inters Meistertitel. Weil der chinesische Besitzer Jindong Zhan klamm war, flossen bei Inter monatelang keine Gehälter. Lukaku und Co. liefen für lau auf. Auf dem Spielfeld war davon nichts zu sehen. Mittlerweile ist ein Großteil der Gehälter überwiesen. Dennoch geht Italiens neuer Meister finanziell am Stock, die Inter-Führung ist händeringend auf der Suche nach Investoren. Auch um den Trainer zu halten. Conte hat laut Medienberichten im Vertrag ein höheres Gehalt als alle seine Starspieler.

Inters Stärke und die Schwäche der Konkurrenz

Unter dem Strich bleibt: Inter war die mit Abstand beste Mannschaft der Saison. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sich die Konkurrenz so schwach wie selten präsentierte. Juventus dümpelt seit Wochen in der Krise. Atalanta Bergamo spielte mal wieder den attraktivsten Fußball, kam aber wie so häufig zu spät in der Saison in Schwung. Neapel zerfleischte sich durch interne Kämpfe, und die Römer Vereine spielen ebenfalls keine Rolle: Lazio trat zu wechselhaft auf, die AS Rom zerbröselte ohne Mentalität auf der Zielgeraden komplett.

Lokalkonkurrent AC Mailand dagegen ist überragend gestartet, konnte das Niveau aber nicht halten. Was den Meisterschaftstriumpf im Übrigen noch süßer macht. Mit Titel Nummer 19 hat Inter Mailand den Stadtrivalen überholt, Milan steht bei 18.