Jugendarbeit in Deutschland - wie viele Talente schaffen den Durchbruch?

Die Bundesligisten wie Eintracht Frankfurt und VfB Stuttgart wollen mehr Talente zu Bundesligaspielern entwickeln

DFB kritisiert Durchlässigkeit

Jugendarbeit in Deutschland - wie viele Talente schaffen den Durchbruch?

Von Sebastian Hochrainer

Der Sprung in die Bundesliga wird für die Talente in den deutschen Profiklubs immer schwieriger. Der DFB kritisiert die Durchlässigkeit, der VfB Stuttgart geht als Vorbild voran.

Beim FC Schalke 04 trauert man noch heute vielen Spielern hinterher, die in der eigenen Knappenschmiede ausgebildet wurden. Eine beliebte Spielerei ist schon seit Jahren, die Top-Elf aus Schalke-Talenten zu bilden. Mit Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Mesut Özil und Julian Draxler stammen vier 2014-Weltmeister aus der S04-Jugend, dazu Stars wie Leroy Sané, Joel Matip oder Thilo Kehrer. Trotz dieser Hochkaräter ist die Knappenschmiede jedoch nicht die Nummer eins in Deutschland.

Ein Klub übertrifft Schalke

Seit dem Jahr 2000 hat Schalke 25 Jugendspieler hervorgebracht, die sich in der Bundesliga oder einer ausländischen Top-Liga etabliert haben. Gezählt wurden in der Sportschau-Untersuchung der Nachwuchsabteilungen der deutschen Profiklubs Akteure, die in der U17 und U19 gespielt haben. Außerdem müssen sie mindestens 50 Bundesligaspiele bestritten haben oder aktuell eine wichtige Rolle spielen.

Wechselte ein Talent in der U19 zu einem Klub, wurde er dem vorherigen Verein, sofern er mehrere Jahre dort war, zugeschrieben. Ein Beispiel ist Florian Wirtz, der beim 1. FC Köln ausgebildet wurde und in der U19 zu Bayer Leverkusen wechselte.

Schalke wird bei dieser Untersuchung noch von einem Klub übertroffen: dem VfB Stuttgart. Die Schwaben haben mit 30 Spielern die meisten Bundesligaspieler ausgebildet. Und die Liste der Top-Spieler ist ebenfalls länger als auf Schalke. Unter anderem wurden Bernd Leno, Mario Gomez, Joshua Kimmich, Sami Khedira, Timo Werner, Kevin Kuranyi und Serge Gnabry beim VfB ausgebildet.

Deutschlands erfolgreichste Jugendabteilungen
VereinSpieler
VfB Stuttgart30 Spieleru.a. Joshua Kimmich, Timo Werner, Serge Gnabry
FC Schalke 0425 Spieleru.a. Leroy Sané, Manuel Neuer, Mesut Özil
1. FC Köln24 Spieleru.a. Florian Wirtz, Lukas Podolski
FC Bayern München23 Spieleru.a. Bastian Schweinsteiger, Thomas Müller, Philipp Lahm, Mats Hummels
Borussia Dortmund21 Spieleru.a. Antonio Rüdiger, Christian Pulisic, Mario Götze

Thomas Krücken ist seit 2019 der Verantwortliche des erfolgreichsten Nachwuchsleistungszentrums dieses Jahrtausends in Deutschland. "Das Grundprinzip über allen konkreten Maßnahmen ist die Tatsache, dass wir den Spieler in den Fokus rücken", sagt er. Stuttgart setzt dabei auf ein Vier-Säulen-Modell, das sowohl die theoretische als auch praktische fußballerische Ausbildung der Talente sowie die Erziehung und schulische Bildung beinhaltet, aber auch die Formung von Jugendtrainern auf höchstem Niveau.

Durchschnittlich 20 Spieler im Jahr erfüllen sich den Traum von der Bundesliga

In 20 Jahren hat der VfB 30 Spieler hervorgebracht - durchschnittlich 1,5 Akteure pro Jahr -, die den Sprung geschafft haben. Alle 56 Profivereine haben etwa 400 Talente zu Bundesligaspielern geformt, jährlich im Schnitt also nur 20 Spieler. Eine sehr geringe Ausbeute, die auch die Verantwortlichen beim DFB kritisch sehen.

"Natürlich wünschen wir uns, dass mehr Spieler den Sprung in ihrem Klub zum Bundesligaspieler schaffen", sagt DFB-Nachwuchschef Joti Chatzialexiou auf Sportschau-Anfrage. Er kritisiert zudem, dass lediglich "sechs Prozent der eingesetzten Spieler in der Bundesliga deutsche U23-Spieler sind." Das sei "kein zufriedenstellender Wert."

Die erfolgreichsten Nicht-Bundesligisten
VereinSpieler
TSV 1860 München20 Spieleru.a. Florian Neuhaus, Lars und Sven Bender
1. FC Kaiserslautern15 Spieleru.a. Kevin Trapp, Robin Koch, Willi Orban
Karlsruher SC15 Spieleru.a. Hakan Calhanoglu, Lars Stindl, Vincenzo Grifo

"Natürlich ist es unser aller Ziel, ob Vereine oder Verband, mehr junge deutsche Spieler in den höchsten deutschen Spielklassen zu sehen. Dafür langfristige Lösungen zu finden, ist ein Kernbestandteil des Projekts Zukunft", sagt Chatzialexiou weiter.

Mit dem Ziel "Dauerhaft in der Weltspitze" reformiert der DFB in Zusammenarbeit mit den Klubs unter dem Namen "Projekt Zukunft" aktuell die Jugendarbeit im Verband und in den Vereinen. "Wenn wir jetzt nicht handeln, verspielen wir die Zukunft des deutschen Fußballs", sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff.

Gekaufte Jungspieler laufen Talenten den Rang ab

Ein großes Problem sprach zuletzt Jordan Beyer von Borussia Mönchengladbach an. "Mittlerweile werden vermehrt Spieler aus dem Ausland eingekauft und dann in den Vereinen aufgebaut. Für den eigenen Nachwuchs macht das die Sache nicht unbedingt einfacher. Spieler, die aus der eigenen Jugend kommen, bekommen seltener die Chance, sich über mehrere Spiele zu beweisen", sagte der Verteidiger im Interview mit der "Rheinischen Post".

"Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn die Vereine mehr auf junge, deutsche Spieler setzen würden" denkt auch Chatzialexiou, er sagt aber auch: "Das ist eine Frage der Qualität, nicht der Nationalität. Und wenn diese bei den deutschen Spielern nicht ausreicht, werden ausländische gescoutet und eingesetzt. Also ist es unser Auftrag, gemeinsam bessere deutsche Spieler auszubilden."

RB Leipzig spielt ohne Eigengewächs

Das ist auch das Ziel von RB Leipzig. Der Bundesliga-Zweite hat seit seiner Gründung 2009 erst zwei Bundesligaspieler hervorgebracht - Emerdin Demirovic (SC Freiburg) und Kilian Ludewig (Schalke 04). Bei den eigenen Profis spielte noch kein Eigengewächs. "Das oberste Ziel ist es, nachhaltig eigens ausgebildete Spieler in unsere Profi-Mannschaft zu integrieren", sagt Sebastian Kegel, Leiter Sport Nachwuchs der Leipziger.

Die Bundesligisten mit der geringsten Durchlässigkeit
VereinSpieler
1. FC Union Berlin1 SpielerSteven Skrzybski
RB Leipzig2 SpielerEmerdin Demirovic, Kilian Ludewig
FC Augsburg3 SpielerErik Thommy, Marco Richter, Raphael Framberger

In den vergangenen Jahren verstärkte sich RB jedoch immer wieder mit jungen Spielern von anderen Vereinen, insbesondere von RB Salzburg. "Wir setzen aus unserer DNA heraus auf junge, entwicklungsfähige Spieler. Natürlich ist es unser Streben, so viele Talente wie möglich aus unserem eigenen Nachwuchs in unsere Profi-Mannschaft zu integrieren", sagt Sportdirektor Markus Krösche auf Sportschau-Anfrage. "Jedoch müssen wir realistisch sein: Auf dem Level, auf dem wir uns bewegen, ist es deutlich schwieriger, den Sprung direkt in einen Champions-League-Kader schaffen."

Kuntz: Spielpraxis wichtiger als das schnelle Geld

Stefan Kuntz, Deutschlands U21-Trainer, empfiehlt daher den Nachwuchsspielern, sich genau zu überlegen, bei welchem Verein sie spielen wollen. "Es ist unumstößlich, dass die Spieler im Erwachsenwerden Spielpraxis brauchen. Da geht es auch darum, dass sich das Talent und auch das Umfeld nicht sagt: ' Jetzt habe ich eine gewisse Stufe erreicht und nehme gleich vier Treppen auf einmal, weil dort bekomme ich den besseren Vertrag.' Ein Talent wird sich nur dann entfalten, wenn es kontinuierlich Spielzeit bekommt. In dem Alter ersetzt die Spielzeit das Geld", sagt Kuntz im Sportschau-Gespräch.

Ein großer Teil seines Kader für die Ende März anstehende U21-Europameisterschaft kommt daher aus der zweiten Liga. Weil dort die jungen Profis Spielpraxis bekommen, während talentiertere Spieler in der Bundesliga nicht zum Zuge kommen. In der Zukunft soll sich das ändern.

Stand: 17.03.2021, 09:27

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