Englands Fans entdecken den Protest: Was können sie bewegen?

Manchester United Fans protestieren

Revolte im englischen Fußball

Englands Fans entdecken den Protest: Was können sie bewegen?

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Im Windschatten der gescheiterten Super League gehen englische Fans auf die Straße gegen Klub-Eigentümer und für mehr Teilhabe. Was sie verändern können, ist ungewiss.

Der Rauch in den ursprünglichen Vereinsfarben Grün und Gold war gerade erst verzogen, als die Fans von Manchester United schriftliche Forderungen übermittelten. Am Sonntag (02.05.2021) hatten Tausende Anhänger des englischen Rekordmeisters vor dem Old Trafford demonstriert, inklusive Stadion- und Platzsturm, und damit die Verschiebung des Premier-League-Blockbusters gegen den FC Liverpool erzwungen.

Beispiellose Fan-Proteste in Manchester sorgen für Spielabsage Sportschau 02.05.2021 00:51 Min. Verfügbar bis 02.05.2022 Das Erste

Am Montag veröffentlichte der "Supporters Trust" des Klubs einen offenen Brief an Joel Glazer, einen der verhassten Klubbesitzer. In dem Schreiben forderten die Fans unter anderem mehr Mitspracherecht und einen Dialog mit den in Florida ansässigen Eigentümern. Andernfalls könnten weitere Spielabsagen provoziert werden, lässt sich "zwischen den Zeilen" erkennen.

Fanproteste wegen Super League

Englands Fußballfans entdecken gerade die Revolte. Der Super-League-Versuch mit sechs englischen Top-Klubs hat eine Welle des Protests ausgelöst. Diese rollt ungeachtet der Tatsache weiter, dass der neue Wettbewerb nach nur 48 Stunden schon wieder Geschichte war.

Fans von Chelsea, Arsenal, Tottenham und am eindrücklichsten von Manchester United am vergangenen Sonntag sind zuletzt unter Missachtung britischer Zurückhaltung auf die Straße gegangen, um gegen den Ausverkauf des Fußballs an Investoren aus Übersee und für mehr Teilhabe zu demonstrieren.

Regierung ist auf der Seite der Revolutionäre

Unterstützung bekommen sie aus der Öffentlichkeit. Die englische Presse und Ex-Profis wie Gary Neville und Jamie Carragher teilen die Anliegen die Fans. Verbunden mit dem Hinweis, dass das frustrierte Publikum seinen Frust bitte friedlich äußern soll.

Selbst die konservative Regierung um Boris Johnson stellt sich auf die Seite der Revolutionäre. Mit dem Versprechen, alles für den Schutz des Nationalheiligtums Fußball zu tun.

Die Totengräber des Fairplays - Fußball zwischen Gier und Geisterspielen sport inside 25.04.2021 30:05 Min. Verfügbar bis 27.04.2022 WDR Von Matthias Wolf

Nachdem die englische Kundschaft dem Turbokapitalismus der Premier League lange weitgehend unkritisch gegenüberstand, hat sich eine Protestbewegung gebildet, wie man sie bis vor ein paar Wochen für unmöglich gehalten hätte. Fraglich ist, was sie erreichen kann. Ist der Aufstand tatsächlich in der Lage, den englischen Profifußball grundsätzlich zu verändern?

50+1-Regel in England kaum möglich

Fachleute sind skeptisch. Da ist zum Beispiel die 50+1-Regel nach deutschem Vorbild, die sich viele Fans auch in England wünschen, um Klubs zurück in die Hände der Mitglieder zu geben.

"Ich denke nicht, dass das eine praktikable Lösung ist", sagt Kieran Maguire, Fußball-Finanzexperte von der University of Liverpool, im Gespräch mit der Sportschau. Seinen Berechnungen zufolge sind die 20 Vereine der Premier League rund 17 Milliarden Pfund wert, also knapp 20 Milliarden Euro.

"Wenn die Besitzer 50 Prozent ihrer Anteile abgeben, müsste dieser Betrag irgendwie kompensiert werden. Das wird nicht passieren", sagt er. Außerdem würde die Einführung der 50+1-Regel praktisch eine Enteignung der Klubbesitzer bedeuten. Juristisch ist das kaum machbar.

Fußball unter Aufsicht einer Wettbewerbsbehörde?

Große Hoffnung haben viele Anhänger in eine sogenannte Fan-geführte Prüfung des englischen Profifußballs, die die Regierung auf den Weg gebracht hat, umgehend nach Bekanntwerden der Super-League-Pläne. Unter der Leitung der einstigen Sportministerin Tracey Crouch sollen Strukturen, Eigentumsverhältnisse und Finanzflüsse untersucht werden.

Zur Debatte steht auch, den Profifußball unter Aufsicht einer unabhängigen Wettbewerbsbehörde zu stellen. "Den Verbänden und Ligen kann man nicht trauen. Es braucht Eingriffe von außen, um Fans und anderen Beteiligten mehr Einfluss zu geben", sagte kürzlich Kevin Miles, Geschäftsführer des englischen Fan-Dachverbands FSA, im Fußball-Podcast des "Guardian".

Fachmann Maguire warnt auch hier vor Euphorie: "Es gibt wahnsinnig viele Faktoren, die das Potenzial dieser Untersuchung verwässern können."

Fans zur Super League: "Wir haben den Fußball gerettet" Sportschau 21.04.2021 02:23 Min. Verfügbar bis 21.04.2022 Das Erste

Fanproteste in sozialen Medien

Was aus Maguires Sicht wirksam ist, um unbeliebte Klubbesitzer zu treffen: langfristig angelegte Aktionen, die den Vereinen finanziell schaden. Ein Versuch davon ist bei Manchester United zu besichtigen. In den sozialen Medien rufen Fans unter dem Motto #NotAPennyMore dazu auf, die Sponsoren des Rekordmeisters zu boykottieren, also zum Beispiel den Sportartikel-Hersteller Adidas.

Die Logik dahinter ist diese: Mit dem Boykott will der Anhang die Unternehmen zwingen, ihr Engagement bei dem Klub zu beenden. Das würde die wichtigen Marketingeinnahmen beeinträchtigen und hätte eine geringere Dividende für die Besitzer zur Folge.

"Die Glazers wollen mit dem Verein Geld verdienen. Eine gut organisierte Kampagne würde sie treffen. Sie könnten zu dem Schluss kommen, dass es besser wäre, den Klub zu einem ordentlichen Preis zu verkaufen", sagt Maguire. Ein ordentlicher Preis für Manchester United, das hat der "Mirror" kürzlich berichtet, liegt nach Vorstellung der Eigner übrigens bei rund vier Milliarden Pfund.

Stand: 07.05.2021, 16:00

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