Flick und Bayern-System beim DFB - ein schwieriges Scouting

Hansi Flick in München

Der neue Bundestrainer und die Besetzung des Angriffs

Flick und Bayern-System beim DFB - ein schwieriges Scouting

Von Marcus Bark

Das Rezept klingt einfach: Hansi Flick macht es beim DFB wie bei den Bayern - schwupps, ist auch die deutsche Nationalmannschaft wieder Weltklasse. Die Sache hat ganz vorne aber einen Haken.

Erst am 1. August tritt Hansi Flick seine Stelle als Bundestrainer beim Deutschen Fußball-Bund an. Aber die kommenden Tage wird er sicher ehrenamtlich die weiteren Spiele der EURO 2020 verfolgen. Vielleicht sitzt er sogar am Freitag (02.07.2021) im Münchner Stadion, wenn Italien und Belgien ein Viertelfinale bestreiten. Auf der einen Seite stürmt dann Ciro Immobile, auf der anderen Romelu Lukaku.

Drei Stunden zuvor stoßen Spanien und die Schweiz an, und sollten die Trainer auf Überraschungen in der Startelf verzichten, werden mit Álvaro Morata bei den Spaniern und Haris Seferović bei den Schweizern zwei Spieler auflaufen, die auf die Positionsbeschreibung Mittelstürmer hören. Am Samstag laufen dann vermutlich Patrik Schick für Tschechien, Yussuf Poulsen oder Kasper Dolberg für Dänemark, Roman Yaremchuk für die Ukrainer und Harry Kane für England auf.

Hansi Flick wird schon längst wissen, dass er diesen Typus Mittelstürmer nur mit Einschränkungen im deutschen Kader für die Europameisterschaft findet, aber bei den Spielen der besten acht Mannschaften dürfte es ihm nochmal besonders auffallen.

Ein wichtiges Element fehlt

Auch all diejenigen, die glauben, dass Flick der deutschen Nationalmannschaft nur sein beim FC Bayern eingesetztes 4-2-3-1-System und die mutige Taktik des aggressiven und hohen Pressings überstülpen muss, um der Weltspitze wieder nahezurücken, werden merken, dass da ein wichtiges Element fehlt.

Flick, so sagte es der beim DFB für die Nationalmannschaften zuständige Direktor Oliver Bierhoff bei der Abschiedspressekonferenz von Joachim Löw, müsse als Verbandstrainer mit keinem Sportdirektor über Transfers verhandeln, er könne sich einfach bedienen.

Das war eine ganz nette Spitze, die auf das angespannte Verhältnis zwischen Flick und Bayerns Hasan Salihamidžić zielte, aber auch eine kleine Gemeinheit.

Deutschland hat keinen Lewandowski

Die freie Auswahl ist so frei ja nun gar nicht, schließlich müssen Flicks Wunschkandidaten für Deutschland spielberechtigt sein. Das ist Robert Lewandowski nicht, und auch Eric Maxim Choupo-Moting nicht, der den polnischen Weltklassestürmer jeweils ersetzte, als der in der vergangenen Saison fünf Bundesligaspiele verpasste. In diesen Partien schoss der FC Bayern im Schnitt 1,8 Tore, mit Lewandowski waren es 3,1.

Es gäbe noch etliche weitere Statistiken, die belegen, welch enorm hohen Anteil Robert Lewandowski an den Titeln hat, die Flick beim FC Bayern gewann.

Was Belgien, England und Co. der DFB-Elf voraus haben Sportschau 01.07.2021 01:44 Min. Verfügbar bis 01.07.2022 Das Erste

Keine klassischen Mittelstürmer

Aber auch ohne diese Belege wird klar, dass dem neuen Bundestrainer nur zwei Optionen bleiben, wenn er sein bevorzugtes System auch mit der Eliteauswahl des DFB spielen möchte. Er kann Timo Werner, Kai Havertz, Serge Gnabry, Thomas Müller oder auch Kevin Volland in die zentrale Spitze stellen, die aber alle nicht von sich behaupten würden, klassische Mittelstürmer zu sein.

Option Lukas Nmecha

Oder er kann einen Mittelstürmer suchen, der für die deutsche Nationalmannschaft spielberechtigt ist. Lukas Nmecha wäre so einer. Er wurde mit der U21 vor ein paar Wochen Europameister, trug mit vier Treffern zum Erfolg der Mannschaft von Trainer Stefan Kuntz bei und wurde Torschützenkönig.

Nmecha steht bei Manchester City unter Vertrag, war in den vergangenen Saison an den RSC Anderlecht in Belgien ausgeliehen. Seine Zukunft ist offen. Angeblich hat RB Leipzig Interesse an einer Verpflichtung, dort würde er dann in Konkurrenz zu Poulsen und dem gerade von Eintracht verpflichteten Portugiesen André Silva stehen, der in der vergangenen Bundesligasaison 28 Tore schoss. Möglicherweise bleibt auch Alexander Sörloth in Leipzig, der Norweger soll aber verliehen werden.  

Kein Killerinstinkt im Strafraum

"Wir haben keinen Killerinstinkt mehr, keinen Strafraumspieler", klagte Bierhoff am Mittwoch (30.06.2021), und wenn Flick die Bundesligisten durchgeht, wird er nach dem Casting ernüchtert sein. Lewandowski bei den Bayern, Silva nun bei Leipzig, Erling Haaland in Dortmund, Wout Weghorst beim VfL Wolfsburg, Schick und Lucas Alario bei Bayer Leverkusen, die Liste könnte erweitert werden mit Saša Kalajdžić vom VfB Stuttgart, Sebastian Andersson vom 1. FC Köln und so weiter.

Zucken würde Flick eventuell bei Nils Petersen vom SC Freiburg, Florian Niederlechner vom FC Augsburg und Fabian Klos von Arminia Bielefeld. Aber die sind zu alt und/oder für das geforderte Topniveau zu schwach, Youssoufa Moukoko vom BVB wird erst im November 17 und ist daher vermutlich noch ein bisschen zu jung.

Bierhoff: "Aufgabe des gesamten deutschen Fußballs" Sportschau 30.06.2021 02:05 Min. Verfügbar bis 31.12.2022 Das Erste

Kimmich dürfte in die Mitte rücken

Es gibt Positionen, die wird Hansi Flick wesentlich leichter besetzen können, falls er Personal sucht, das in sein 4-2-3-1 passt. Da Joshua Kimmich bei ihm wieder ins zentrale Mittelfeld rücken dürfte, sieht es beim rechten Verteidiger nach Ridle Baku aus, der ebenfalls mit der U21 Europameister wurde. Für die Innenverteidigung bieten sich genügend Spieler an, selbst bei einem möglichen Rücktritt von Mats Hummels.

Links hinten fühlt sich Robin Gosens nicht ganz so wohl wie als sogenannter Schienenspieler im Mittelfeld, aber er kann es auch spielen. Auf der "Doppelsechs" neben Kimmich und in der Dreierreihe davor ist die Auswahl üppig, vorne hingegen ist sie das Gegenteil davon. Das dürfte in den Viertelfinalspielen der EURO 2020 eindrücklich belegt werden.

Stand: 01.07.2021, 12:17

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