Coronakrise - der Fußball geht in Kurzarbeit

Die Eckfahne im Stadion des SV Meppen

SV Meppen stellt als erster Klub Antrag

Coronakrise - der Fußball geht in Kurzarbeit

Von Marcus Bark

Nahezu alle Fußballvereine stehen wegen der Corona-Pandemie vor dramatischen Einnahmeverlusten. Um die Ausgaben zu senken, wollen viele Klubs Kurzarbeit beantragen. Mit dem SV Meppen stellte wie zuvor Carl Zeiss Jena ein weiterer Klub aus der 3. Liga einen entsprechenden Antrag und schickte sämtliche Mitarbeiter in den "Coronaschlaf".*

Die Fußballvereine aus den drei deutschen Profiligen und den höheren Amateurklassen rechnen, konferieren, prüfen und debattieren. Es gilt, zunächst die Zeit zu überstehen, in der wegen der Coronavirus-Pandemie nicht gespielt werden kann und die Einnahmen daher verschwindend gering sein werden.

Naheliegendes Ziel ist es, die Ausgaben zu senken. Das kann über freiwilligen Gehaltsverzicht geschehen, aber auch über Kurzarbeit. Viele Klubs denken darüber nach, entsprechende Anträge für ihre Mitarbeiter und Profifußballer bei der Agentur für Arbeit zu stellen.

Meppen: "Alles von 100 auf Null gefahren"

Am frühen Mittwochnachmittag (18.03.2020), so Stefan Gette zur Sportschau, habe er den Antrag unterschrieben und an die Bundesagentur geschickt. Der Finanzvorstand des Drittligisten SV Meppen sagte: "Wir haben alles von 100 auf Null gefahren und haben damit quasi jetzt keine Personalkosten. Es war meine Pflicht den Mitarbeitern gegenüber, jetzt schnell zu handeln. Wir hoffen, dass wir so über die Runden kommen, eine Insolvenz vermeiden und das Märchen aufrechterhalten können."

Der SV Meppen ist aktuell Tabellenvierter der 3. Liga mit nur zwei Punkten Rückstand auf den zweiten Tabellenplatz. Gette stellte den Antrag für sämtliche 87 Angestellte, darunter die Vertragsspielerinnen. Die Frauenmannschaft des SVM ist in der 2. Bundesliga ebenfalls Vierter bei zwei Punkten weniger als der Zweite, der in die Bundesliga aufsteigen würde.

Um von den Personalkosten weitgehend befreit zu sein, ist es nötig, sämtliche Angestellte von der Arbeit freizustellen. Die Drittligaprofis durften daher auch keine Trainingspläne von Trainer Christian Neidhart mit in den "Coronaschlaf" bekommen, wie Gette sagte. Um die Post kümmere er sich nun als Ehrenamtler oder aber eine Auszubildende, "die wir ohnehin weiter bezahlen müssen".

Kurzarbeit im Profifußball? In den unteren Ligen schon Realität

Sportschau 19.03.2020 02:37 Min. Verfügbar bis 19.03.2021 Das Erste Von Marc Eschweiler

Keine Sonderregelung für den Sport

Professor Martin Schimke ist renommierter Arbeitsrechtler und Richter am internationalen Sportgerichtshof CAS. Schimke erläuterte der Sportschau, dass es bezüglich der Kurzarbeit keine Sonderregelung für den Sport gebe. Vereine und auch Verbände könnten Anträge für ihre gesamte Belegschaft, einzelne Abteilungen und auch einzelne Angestellte stellen.

Das gelte auch für Klubs aus dem Amateurbereich, etwa den Regionalligen, die Vertragsspieler bezahlen müssen. "Der Bundestag hat auf die Coronakrise reagiert und am Freitag (13.03.2020) neue Sonderregeln erlassen, die die Bewilligung vereinfachen“, so Schimke, "es gelten neue Bestimmungen, von denen auch die Sportvereine profitieren werden."

Einsparpotenzial bei kleinen Vereinen höher

Prozentual sei das Einsparpotenzial bei Vereinen wie Meppen oder Regionallisten aus Aachen, Altglienicke und Aalen deutlich höher. Das, so Schimke, liege an der festgelegten Bezugsgröße für die Berechnung des Kurzarbeitergeldes, die Gehaltssteigerungen ab einem monatlichen Bruttogehalt von 6.890 Euro (82.680 aufs Jahr gerechnet) nicht mehr berücksichtigt. Heißt: Die Arbeitsagentur zahlt für einen Drittligaprofi mit einem Jahresgehalt von 100.000 Euro genauso viel wie für einen Topverdiener, der schon monatlich mehr als eine Million Euro einstreicht.

60 bis 70 Prozent des ausgefallenen Nettolohns

Abhängig von Steuerklasse und Zahl der Kinder gilt: Das Kurzarbeitergeld, das die Agentur für Arbeit den Vereinen überweist, beträgt zwischen 60 und 67 Prozent des ausgefallenen Nettolohns. Wohlgemerkt: nur des ausgefallenen Lohns. Bei einem Profi, der keine geregelten Arbeitszeiten hat, ist das viel schwieriger zu bestimmen als bei einem Arbeitnehmer mit einer 40-Stunden-Woche, der auf 25 Stunden gesetzt wird. Ohnehin, so Schimke, ergäben sich aktuell juristische Fragen im Zusammenhang mit Verträgen von Sportlern, die es zu klären gelte, wenn die Coronakrise bewältigt sei.

Jörg Neblung kann aus eigener Erfahrung über Kurzarbeit berichten. Er beantragte sie für seine Spieleragentur vor etwa zehn Jahren. Damals seien ihm nach dem Tod seines Klienten Robert Enke, der eigenmächtigen Vertragsverlängerung von Hans-Jörg Butt beim FC Bayern und der Invalidität von Bastian Reinhardt "etwa 80 Prozent der Umsätze eingebrochen", berichtet Neblung der Sportschau. Es habe damals etwa acht Monate gedauert, bis die bewilligte Kurzarbeit für Mitarbeiter wieder aufgehoben werden konnte.

Neblung: "Da tut es dann schon richtig weh"

Aktuell, so Neblung am Mittwoch, sei noch für keinen seiner Klienten ein Antrag auf Kurzarbeit gestellt worden. Er wisse aber von vielen Absichtserklärungen. Die Auswirkungen wären nach Bewilligung sehr unterschiedlich. So habe er einen Stammspieler eines Drittligisten mit ordentlichem Gehalt als Klienten, der wird "Einbußen von etwa 40 Prozent eher vertragen können" als der Nachwuchstorhüter eines anderen Drittligisten, der 1.750 Euro monatlich verdiene und nebenher studiere: "Da tut es dann schon richtig weh."

*In einer früheren Version hatten wir geschrieben, dass der SV Meppen der erste Profiklub gewesen sei, der einen Kurzarbeitsantrag gestellt hatte. Carl Zeiss Jena hatte bereits einen Tag früher einen solchen Antrag gestellt. Wir haben den Bericht entsprechend korrigiert.

Stand: 18.03.2020, 15:53

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