Manchesters Harry Maguire: Kapitän neben der Spur

ManUnited-Kapitän Harry Maguire wischt sich die Haare aus dem Gesicht

Premier League

Manchesters Harry Maguire: Kapitän neben der Spur

Von Julian Tilders

Der einstige Abwehr-Shootingstar Englands durchlebt eine schwierige Phase - auf und neben dem Platz. Für die Nationalelf und auch Manchester United, das seinen Kapitän Harry Maguire gerade jetzt in Topform bräuchte, ist das ein Problem.

Kurzeinsätze für die Nationalelf sind eigentlich ein Grund zur Freude für Fußballprofis. Zumindest für junge Talente, die irgendwann einmal auf Augenhöhe mit den Größten der Welt spielen wollen. Harry Maguire ist allerdings mit 27 Jahren längst über den Status eines Talents hinaus - und auch war er am Mittwoch von Englands Trainer Gareth Southgate eigentlich für 90 Minuten eingeplant gewesen.

Doch beim enttäuschenden 0:1 der "Three Lions" gegen Dänemark in der Nations League wurde sein Einsatz sozusagen unfreiwillig verkürzt. Der unglücklich agierende Verteidiger sah bereits nach einer halben Stunde und zwei Fouls die Gelb-Rote Karte und verließ den Platz mit hängenden Schultern.

Maguire eine "Belastung für Klub und Nationalelf"?

Eine Szene mit Symbolgehalt. "Maguires Selbstvertrauen ist momentan einfach in Stücke gerissen", analysierte der ehemalige Premier-League-Profi Chris Sutton bei der BBC und erklärte: "Es ist schrecklich mitanzusehen, denn ich denke, dass er ein guter Fußballer ist." Maguire müsse nun "Charakter zeigen", um wieder an alte Leistungen anzuknüpfen. Die BBC urteilte hart: Maguire sei "leider eine Belastung für Klub und Nationalelf".

Nationaltrainer Southgate fand indes tröstende Worte und wollte ihm nicht die Schuld für die Niederlage zuschieben: "Er macht eine harte Zeit durch, in solchen Phasen lernst du viel über dich selbst. Er wird da durchkommen, ein besserer Spieler und auch ein stärkerer Mensch werden."

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Aus der Bahn geworfen: Rechtsstreit in Griechenland mit Folgen

Maguire hat einen medienwirksamen Sommer hinter sich. Im August gab es einen Vorfall während seines Urlaubs auf Mykonos, in dessen Nachgang er von der griechischen Justiz belangt wurde. Das Urteil lautete: 21 Monate und zehn Tage Bewährungsstrafe wegen Körperverletzung, versuchter Bestechung, Gewalt gegen Beamte und Beleidigung.

Der 27-jährige Brite, der gegen das Urteil umgehend Berufung einlegte, sah sich selbst bei einem Streit in einer Bar nicht als Täter, er habe nur seine Schwester vor zwei Männern verteidigt: "Wenn überhaupt, dann sind meine Familie, Freunde und ich die Opfer." Maguire schilderte später, er habe bei seiner Verhaftung durch die Polizei die Beamten nicht als solche erkannt und gedacht, er werde entführt: "Sie haben mir auf die Beine geschlagen und gesagt, meine Karriere wäre vorbei." Er habe um sein Leben gefürchtet. Auf die erneute Verhandlung vor einem höheren Gericht muss Maguire womöglich lange warten, einen Termin gibt es noch nicht.

Man United mit Fehlstart in die Saison

Den Kapitän von Manchester United scheint auch zwei Monate später besagter Vorfall noch zu beschäftigen, und er scheint ihn beim Gang auf den Platz mitzunehmen. Der Saisonstart für die "Red Devils" verlief enttäuschend, das Team von Trainer Ole Gunnar Solskjaer hat nach drei Partien lediglich drei Zähler auf dem Konto und verlor vor der Länderspielpause in kläglicher Art und Weise mit 1:6 gegen Tottenham.

Auch dort bekam Maguire kein Bein auf den Boden, riss vor dem zweiten Gegentor stattdessen seinen eigenen Mitspieler Luke Shaw nieder, der eigentlich gerade dabei war, die Situation zu bereinigen. Dafür prasselte auf Maguire in den sozialen Medien viel Spott ein. Nicht gerade zuträglich für das Selbstvertrauen eines Kapitäns, den das kriselnde Man United momentan eigentlich in Topform bräuchte.

Solskjaer hielt Rechtsstreit schon für mental abgehakt

Trainer Solskjaer hielt den Vorfall in Griechenland schon längst für mental abgehakt und betonte im September, der 27-Jährige bleibe trotz der Bewährungsstrafe Kapitän: "Harry hatte einen schwierigen Sommer. Er hat es wirklich gut verkraftet, und natürlich werde ich ihn unterstützen. Für mich ist er ein Spitzenmann, ein absoluter Spitzentyp."

Marktwertexplosion und Ablösesumme als Bürde?

Zu den Ereignissen im Sommer kommt allerdings auch, dass der Defensivmann immer noch an den 87 Millionen Euro gemessen wird, die United im Sommer des vergangenen Jahres für den 1,94 Meter großen Hünen auf den Tisch legte, um ihn von Leicester City loszueisen. Dieser exorbitanten Ablösesumme waren starke Auftritte bei den "Foxes" vorangegangen, auch seine Leistung bei der Weltmeisterschaft in Russland 2018, die die "Three Lions" auf Platz vier beendeten, trug zu einer Marktwertexplosion bei.

Im Januar vor der WM hatte das Portal "transfermarkt.de" Maguires Wert noch auf 15 Millionen Euro taxiert, im Dezember desselben Jahres dann auf 45 Millionen. Ein Preisschild, dass für ihn aktuell eher eine Bürde als förderlich für das Selbstvertrauen ist.

Solskjaer bei Maguire auch als Psychologe gefordert

Die schwachen Leistungen des normalerweise so selbstbewussten, kämpferischen Abwehrmannes deuten an: Verkraftet hat Maguire das alles noch lange nicht. Dass er am Samstag (17.10.2020, 21 Uhr) im Spiel gegen Newcastle United auflaufen wird, ist wahrscheinlich - auch, wenn die BBC vorschlug, ihm "ein bisschen Zeit an der Seitenlinie zu geben", damit er seine Gedanken ordnen kann. United-Trainer Solskjaer ist jedenfalls gefordert, den Klub möglichst schnell sportlich aus der Krise zu holen - und dabei seinen Kapitän mental wieder in die Spur zu kriegen.

Stand: 15.10.2020, 20:00

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