Die Angst der Engländer vorm Elfmeter - Nur ein Mythos?

Der Engländer Gareth Southgate reagiert nach seinem verschossenen Elfemter im Halbfinale der EM 1996, der das Aus bei der Heim-EM bedeutete.

Studie der Sporthochschule Köln

Die Angst der Engländer vorm Elfmeter - Nur ein Mythos?

Von Lukas Stellmach

Unter Fußballfans ist bekannt: England und Elfmeter, das passt nicht zusammen. Oder etwa doch? Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln (DSHS) haben das allgegenwärtige Klischee untersucht.

Im Halbfinale der Europameisterschaft 1996 stehen sich Gastgeber England und Deutschland im altehrwürdigen Wembley-Stadion im Elfmeterschießen gegenüber. Die ersten fünf Schützen beider Mannschaften verwandeln. Gareth Southgate - heutiger Nationaltrainer der "Three Lions" - versagen die Nerven. Andreas Möller schießt die Deutschen ins Finale. Der Rest ist Geschichte.

Diese Niederlage vom Punkt ist die wohl schmerzhafteste unter vielen in der englischen Fußballgeschichte. Die englische Nervosität aus elf Metern hat sich in das kollektive Gedächtnis der Fußballwelt eingebrannt und gehört heute wie die brasilianische Spielfreude, die italienische Defensivstärke oder die deutsche Mentalität zu jeder gepflegten Stammtisch-Diskussion rund ums Leder.

Der englische Fußball kann aufatmen

Doch nun scheint das Mutterland des Fußballs aufatmen zu können. Ausgerechnet aus Deutschland kommen gute Nachrichten. Der Sportpsychologe Michel Brinkschulte hat das Klischee vom "Elfmeter-Fluch" gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Philip Furley und Prof. Dr. Daniel Memmert als Mythos entlarvt. Die Wissenschaftler der Deutschen Sporthochschule Köln haben die Erfolgsquoten von Elfmeterschützen im Männerfußball in Bezug auf ihre Nationalität untersucht.

Das Ergebnis: Englische Spieler schneiden statistisch nicht aussagekräftig schlechter ab als Spieler anderer Nationalitäten. Die Reaktionen von der Insel reichen von Interesse über Erleichterung bis hin zu Genugtuung. So titelte etwa die "Daily Mail" mit einer eigenen Interpretation der Studie: "Englands Fußballer sind die besten Elfmeterschützen der Welt." Eine dann doch eher gewagte These.

Was wurde untersucht?

Teil der Untersuchung waren alle im Spiel geschossenen Strafstöße, sowie die Elfmeter in den Elfmeterschießen bei Europa- und Weltmeisterschaften. In den 1970er Jahren hatten die UEFA und die FIFA die Entscheidung vom Punkt in ihren Turnieren eingeführt. Seither wurden so 48 Spiele bei Europa- und Weltmeisterschaften entschieden. Darunter das EM-Finale 1976 sowie die WM-Endspiele 1994 und 2006.

Zusätzlich zu den 696 Elfmetern bei Europa- und Weltmeisterschaften wurden alle Versuche in den höchsten Ligen Englands, Spaniens, Italiens, Deutschlands und den Niederlanden für zehn Spielzeiten von 2006/07 bis einschließlich 2015/16 analysiert. Über 4.700 Elfer flossen aus den nationalen Ligen in die Bewertung ein.

Engländer sicherere Schützen als angenommen

Auf alle Nationen gerechnet verwandelten die Schützen bei den Europa- und Weltmeisterschaften aus dem Spiel heraus 79 Prozent, bei den spielentscheidenden Elfmeterschießen dagegen 72 Prozent ihrer Versuche. In den nationalen Ligen lag die Trefferquote für die Spielelfmeter bei 71 Prozent.

Bei den im Spiel geschossenen Strafstößen liegen die Engländer knapp über, in Elfmeterschießen dafür unter dem Durchschnitt. Jedoch wichen die die Briten in keiner Kategorie - entgegen der öffentlichen Wahrnehmung und Vermutung - statistisch aussagekräftig von den Durchschnittswerten ab.

Für die Elfmeterschießen bedeutet das allerdings noch keine endgültige Ehrenrettung der englischen Schützen. "Die Stichprobe der Elfmeterschießen ist noch zu klein, um statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Nationalitäten festzumachen", erklärt Sportpsychologe Brinkschulte. Deshalb habe man auch die nationalen Ligen in die Studie einfließen lassen. 

"Three Lions" scheitern häufig

Aus wissenschaftlicher Sicht zeige das Ergebnis, dass "die negative Erfolgsquote der Engländer von sechs Niederlagen in neun Duellen nicht durch die Nationalität an sich zu erklären ist. Wir können allerdings nicht ausschließen, dass andere Einflussfaktoren eine Rolle spielen", erläutert Brinkschulte.

Einer dieser Einflussfaktoren könnte das Phänomen der "Self-fulfilling Prophecy" (selbsterfüllende Prophezeiung) sein. Diese ist - das haben andere Studien bereits belegt - leistungshemmend. Englische Schützen hätten darum womöglich das Scheitern als gegeben angenommen und dadurch ihre Erfolgschance minimiert. Darüber hinaus vermutet Brinkschulte, auch "die gnadenlose Boulevard-Presse Englands könnte den Druck auf die Spieler erhöht haben". So könnte das Klischee in der Vergangenheit sogar für eine Verschlechterung der Leistung der "Three Lions" gesorgt haben, vermuten die Wissenschaftler.

Vor allem entscheidende Fehlschüsse in den großen Turnieren bleiben als stark emotionales Ereignis besonders im Gedächtnis. Dagegen scheinen nicht nur der Fehlschuss, sondern auch der verwandelte Strafstoß während des Spiels schneller in Vergessenheit zu geraten. Laut den Wissenschaftlern könnte das einer der Gründe für das Entstehen des Mythos englischen Versagens aus den berüchtigten elf Metern sein.

Deutsche Nationalmannschaft eiskalt

Die Studie hält auch für deutsche Fußballfans erfreuliche Nachrichten bereit. Keine andere Nation schneidet derart gut bei Elfmeterschießen ab wie Deutschland. Satte 85 Prozent der Versuche landeten im Netz.

Von sieben Elfmeterschießen gewann die DFB-Elf ganze sechs mal. Das Stereotyp der eiskalten Mentalitätsmonster aus Deutschland darf sich also entgegen des entkräfteten englischen "Elfmeter-Fluchs" vorerst berechtigterweise halten.

Stand: 01.05.2020, 08:00

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