Ann-Katrin Berger vor DFB-Debüt: Wie sie den Krebs besiegte

Ann-Katrin Berger

Frauen-Nationalmannschaft

Ann-Katrin Berger vor DFB-Debüt: Wie sie den Krebs besiegte

Von Frank Hellmann

Die vergangenen Tage konnten für Ann-Katrin Berger gar nicht schnell genug vergehen. Wenn die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft nun in Dublin gegen Irland am Dienstag (01.12.2020) das letzte EM-Qualifikationsspiel bestreitet, erfüllt sich für die Torhüterin des FC Chelsea "ein Kindheitstraum".

Dass die 30-Jährige dem ersten Einsatz im DFB-Dress so wenig erwarten kann wie Kinder die Bescherung an Heiligabend, dafür gibt es einen einfachen Grund. "Ich bin einen anderen Weg gegangen, vielleicht der schwerere Weg", sagt sie. Als bei ihr vor fast genau drei Jahren Schilddrüsenkrebs festgestellt wurde, stand mehr als nur die Karriere auf dem Spiel.

Sie spielte damals noch für die Birmingham City Ladies, als die niederschmetternde Diagnose eintraf - doch vier Monate nach der Operation stand sie in der englischen Women's Super League (WSL) wieder zwischen den Pfosten. Anfangs habe sie, erzählte sie am Wochenende in einer digitalen Presserunde, natürlich Zweifel gehabt: "Viele Menschen sind schon am Krebs gescheitert". Aber nach der Konversation mit dem Arzt sei ihr bewusst geworden, dass alles wieder in Ordnung komme: "Und ich war schon immer ein Kämpfertyp, ich habe es immer auf die harte Weise lernen wollen."

Ein Teil vom Körper fühlte sich fremd an

Der halbe Hals war aufgeschnitten worden, zeitweise hatte sie das Gefühl, dass ihr Kopf kein Teil ihres Körpers mehr war, so fremd fühlten sich manche Bewegungen an. Nacken- und Schultermuskulatur musste sie ganz neu aufbauen. Aber die Kämpfernatur ließ nicht locker: "Jeder weiß ja, dass Torhüter auf ihre Art und Weise verrückt sind." Die schlimmste Erfahrung für einen "Kontrollfreak wie mich" sei eigentlich gewesen, sagt sie rückblickend, sich ganz auf die Mediziner verlassen zu müssen.

Ihre Ohnmacht schlug bald in Zuversicht um. Bällefangen verlernt der Mensch ebenso wenig wie Fahrradfahren, erläutert sie lapidar: "Danach habe ich mich noch stärker gefühlt. Ich habe den Fußball noch mehr aufgesogen. Ich bin für diesen Moment auf die Welt gekommen." Doch es hat viel Zeit gebraucht, alles mental zu verarbeiten. Erst kürzlich bei einem Gespräch mit der im Sommer an die Stamford Bridge gewechselten Nationalspielerin Melanie Leupolz wurde ihr klar, dass sie volle drei Jahre benötigte, um sich ins Bewusstsein zu rufen, was sie "geleistet habe". Zwischenzeitlich musste sie, gibt sie zu, "mein Gehirn ausschalten, einfach nur funktionieren."

"Das spiegelt ihren Lebensweg wider"

Nachdem sie im Januar 2019 zum Spitzenklub Chelsea wechselte, eroberte sie sich schnell einen Stammplatz. Die schwedische Nationaltorhüterin Hedwig Lindahl wechselte daraufhin nach der WM 2019 als Ersatz für die schwangere Almuth Schult zum VfL Wolfsburg. Ann-Katrin Berger war längst auch für die DFB-Frauen interessant geworden. "Seit Beginn meiner Tätigkeit als Bundestrainerin habe ich sie auf dem Schirm", verrät Martina Voss-Tecklenburg.

Die 52-Jährige lud die Stehauffrau zunächst zu den ersten Maßnahmen der DFB-Frauen ein, um sich gegenseitig kennenzulernen. "Ich erlebe sie als sehr spannenden, in sich ruhenden Typ. Sie trifft auf dem Platz mutige Entscheidungen - und das spiegelt ihren Lebensweg wider", findet die Bundestrainerin: "Die Schicksalsschläge haben sie geprägt: Sie weiß, was Lebensprioritäten sind. Wenn sie ihr erstes Länderspiel macht, kann sie sich noch mehr als Persönlichkeit einbringen. Es wird nicht die letzte Möglichkeit, sich zu präsentieren."

Heimspiel auf der Insel

Die Partie in Dublin bezeichnet Ann-Katrin Berger als "Heimspiel", nicht zuletzt das ihr gut bekannte Wetter sorge doch für einen "Heimvorteil", sagt sie mit einem Augenzwinkern. Ihr Auftrag wird sein, die von Stammtorhüterin Merle Frohms in den bisherigen sieben EM-Qualifikationsspielen garantierte weiße Weste zu bewahren.

Aus Sicht der Debütantin soll es nicht bei einem Einsatz bleiben. Die EM 2022 findet schließlich in England statt, wo sie bereits seit viereinhalb Jahren spielt: "Ich fühle mich pudelwohl und bin hungrig auf mehr." Bei diesem Turnier dabei zu sein, sagt sie, stehe definitiv auf ihrer To-do-Liste.

Spannender Kampf unter der Latte

Folglich deutet sich in naher Zukunft ein spannender Mehrkampf zwischen völlig verschiedenen Charakteren unter der Latte an. "Der Kampf um die Plätze wird immer forciert - auf allen Positionen. Im Torhüterinnenbereich ist das extrem spannend", sagt Voss-Tecklenburg: "Wenn Almuth Schult es schaffen sollte, in alter Stärke zurückzukommen, haben wir vier Torhüterinnen, die für Deutschland bei einem Turnier spielen können." Laura Benkarth vom FC Bayern ist da mit eingerechnet.

Aktuell sei Merle Frohms von Eintracht Frankfurts "unsere Nummer eins und in der Pole Position, die anderen müssen sie überholen." Ann-Katrin Berger ist diejenige, die nur noch gewinnen kann, so sehr hat sie die Leidenszeit geprägt: "Ich lebe noch bewusster, empfinde nichts mehr als normal, bin noch dankbarer. Alles was ich mache und bekomme, schätze ich jetzt viel mehr."

Frauenfußball - Berger: "Musste auf andere Leute vertrauen"

Sportschau 30.11.2020 04:28 Min. Verfügbar bis 30.11.2021 ARD


Nicht nur einmal hat sie sich das Lebensmotto ihrer Großmutter zu Herzen genommen: "Alles passiert aus einem Sinn." Gerade steckt ihr Leben wieder voller Risiken: Speziell für krebskranke Menschen stellt das Corona-Virus eine gefährliche Bedrohung dar. Sie gehört zur Gruppe der Risikopatienten, "weil mir ja die Schilddrüse und zwei Lymphknoten fehlen".

Erst spät ins Tor gewechselt

Die Vita der aus Göppingen stammenden Sportlerin ist in jeder Hinsicht besonders. Für die DFB-Juniorinnenteams kam sie als Torhüterin nie zum Einsatz, weil sie zwar in ihrer schwäbischen Heimat mit vier Jahren, inspiriert vom Vater, mit dem Fußball begann, aber zunächst im Feld mitspielte. Erst als sie mit 16 Jahren aufs Laufen keine Lust mehr hatte, ging sie ins Tor.

Beherrscht ihren Strafraum:  Ann-Katrin Berger

Beherrscht ihren Strafraum: Ann-Katrin Berger

Sie stand bald beim Zweitligisten VfL Sindelfingen zwischen den Pfosten, wo sie in einem DFB-Pokalhalbfinale die Trainer-Legende Bernd Schröder derart beeindruckte, dass dieser die bis hin unbekannte Spätstarterin zu Turbine Potsdam lotste. 2014 ging es zu Paris Saint-Germain, wo sie auf der Bank eine schwierige Zeit durchmachte, weil sie eigentlich dachte, die bessere Torhüterin zu sein. Bis sie für sich erkannte: "Ich bin mein einziger Gegner."

Ihr Vorbild ist Edwin van der Sar

Als großes Vorbild nennt sie übrigens den niederländischen Weltklassekeeper Edwin van der Sar. "Für mich ist das eine Legende, ein richtiger Gentleman", sagt Berger. Von Manuel Neuer hat sie sich auch was abgeschaut, aber jeder Torwart habe seinen eigenen Stil, "und van der Sar ist mir lieber". Auch der 1,80 Meter großen Deutschen wird eine enorme Ausstrahlung mitsamt guter Strafraumbeherrschung nachgesagt. "Ich weiß, wo mein Sechszehner steht", betont sie.

Aktuell hat die FIFA sie nach ihren starken Leistungen im Verein zur Wahl als "Welttorhüterin des Jahres" nominiert: "Ich habe noch kein einziges Länderspiel gespielt. Schon unter diesen besten Sechs zu sein, fühlt sich für mich wie ein Sieg an". Ihre Mutter reagierte bei der Nachricht noch emotionaler: "Sie hat sich bei der Arbeit eine kleines Eck gesucht und vor Freude geheult. Für alles, was ich durchmachen musste."

Stand: 30.11.2020, 12:40

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