Liga spielt wieder

Frauen-Bundesliga - Zwiespältige Gefühle bei der Fortsetzung

Frank Hellmann und Dorian Aust

Bereits am Freitag (29.05.2020) rollt der Ball auch in der Frauen-Bundesliga wieder. Große Klubs wie der VfL Wolfsburg und FC Bayern sind voller Vorfreude, die Spielerinnen kleiner Vereine äußern Bedenken. Das Signal der Gleichberechtigung löst nicht ungeteilte Zustimmung aus.

Es könnte schlechtere Orte geben, als ein geräumiges Hotel am Allersee, um als Fußballerin des VfL Wolfsburg ein Quarantäne-Trainingslager zu beziehen. Die Annehmlichkeiten sind groß, die Wege kurz. "Wir fühlen uns wohl", sagte VfL-Trainer Stephan Lerch am Mittwoch auf einer Video-Pressekonferenz, auf der er davon erzählte, dass Alexandra Popp und ihre Mitspielerinnen rege die Tischtennisplatte nutzen.

VfL Wolfsburg ist gut vorbereitet

Nur mit einer Trainingseinheit am Elsterweg und der inhaltlichen Vorbereitung auf ein Bundesligaspiel gegen den Vorletzten 1. FC Köln am Freitag geht so ein Tag beim Meisterschaftsfavoriten ja nicht um. Lerch weiß, dass er im Werksverein für die Frauensparte vergleichsweise luxuriöse Bedingungen vorfindet, um für den Re-Start der Frauen-Bundesliga in der Corona-Krise gewappnet zu sein. Trotzdem fremdelt auch der Chefcoach bisweilen noch mit den rigorosen Auflagen, die das für die höchsten DFB-Spielklassen mitentwickelte Hygiene- und Sicherheitskonzept bedeutet, das für die Frauen nur in Nuancen gegenüber dem der Männer-Bundesligen abweicht.

"Wahnsinn, was wir für Rahmenbedingungen einhalten müssen. Völlig zu Recht, aber der Fußball tritt da in den Hintergrund", erzählte Lerch. Abstand einhalten, Mund-Nasen-Schutz aufsetzen. Erst mit dem Anpfiff im eigenen Stadion auf dem VfL-Gelände werde so etwas wie "fußballerische Normalität" einkehren, glaubt der 35-Jährige. Ihm ist es das alles wert, setze der deutsche Frauenfußball doch zu Pfingsten ein "ganz starkes Zeichen, ein Signal nach draußen über die Landesgrenzen."

Historischer Moment für den Frauenfußball

Siegfried Dietrich, der Manager des 1. FFC Frankfurt, dessen Team ebenfalls am Freitag die Partie gegen den SC Sand (19.15 Uhr) bestreitet, hat in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Ausschusses Frauen-Bundesligen erklärt: "Der Re-Start ist ein historischer Moment, als erste europäische Profiliga der Frauen wieder in den Spielbetrieb einsteigen zu können." Dietrich lobt die große Geschlossenheit, mit der die Frauen – im Gegensatz zur 3. Liga – ihre Saisonfortsetzung angehen. Sechs Spieltage stehen noch aus.

Eine gewisse Bewunderung aus dem Ausland ist sicher: Bevor Cristiano Ronaldo mit Juventus Turin, Lionel Messi mit dem FC Barcelona oder Mo Salah mit dem FC Liverpool am Ball sind, treten hierzulande Pernille Harder, Melanie Leupolz oder Klara Bühl an. International bringt das bereits jetzt Aufmerksamkeit: Die spanische Sportzeitung "Marca" hat Sara Björk Gunnarsdottir, isländische Nationalspielerin beim VfL Wolfsburg, interviewt.

Frauenfußball: Gleichberechtigte Zweiklassengesellschaft Sportschau 29.05.2020 02:35 Min. Verfügbar bis 29.05.2021 ARD Von Marc Eschweiler

Der Verweis auf Gleichberechtigung

Alle fünf Partien des 17. Spieltags sind in Live-Übertragungen oder per Live-Stream zu sehen. Vom Verfolgerduell des Tabellenzweiten FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim am Samstag laufen Ausschnitte in der Sportschau. Von einem starken Signal für "die Gleichbehandlung" spricht die DFB-Vizepräsidenten Hannelore Ratzeburg. Ihr Verweis ist nicht unwichtig im Jahre 2020: Bis 1970 hatte der DFB noch von höchster Stelle den Frauenfußball verboten.

Ein halbes Jahrhundert später wird nicht mehr der "Damenfußball" verspottet, sondern die Frauen kurz nach den Männern mitten in der Pandemie in den Spielbetrieb überführt, wobei sämtliche Testungen bei den zwölf Frauen-Bundesligisten von jenen 7,5 Millionen Euro bezahlt werden, die die vier Champions-League-Teilnehmer über den Solidartopf der Deutschen Fußball Liga der 3. Liga und Frauen-Bundesliga zur Verfügung stellen. DFB-Präsident Fritz Keller sieht sich in seinem Gleichklang von Frauen und Männern, Amateuren und Profis bestätigt. Und auch der Fußballlehrer Lerch stimmt ins Loblied ein: "Dass wir Fußball anbieten, ist was Besonderes. Dafür tragen wir auch eine besondere Verantwortung."

1. FC Köln hatte sich bei der Abstimmung enthalten

Sein Gegner 1. FC Köln hatte sich bei der ersten Abstimmung als einziger Klub enthalten. Die Abteilungsleiterin für den Spielbetrieb, Monika Beckmann, hatte Sorgen vor gesundheitlichen Gefahren, weil viele Spielerinnen ohnehin durch Ausbildung oder Beruf belastet seien. Die Saison soll am 28. Juni enden, denn am 4. Juli soll in Köln das DFB-Pokalfinale der Frauen stattfinden. Viel Puffer hält der Spielplan nicht parat.

Lerch hält die Belastungssteuerung denn auch für elementar. Der Trainer der VfL-Titelsammlerinnen hat gegenüber den Kollegen den Vorteil, einen qualitativ und quantitativ ausreichenden Kader anzuleiten, der weitgehend unter Profi-Bedingungen arbeiten kann. Das allerdings ist nicht die Regel. Viele Spielerinnen studieren, gehen noch zur Schule oder arbeiten bereits. Schon ein Quarantäne-Trainingslager stellt dabei einen Einschnitt dar.

Spielerin des SC Freiburg übt scharfe Kritik

"Es sind viele Spielerinnen, die berufstätig sind, die sich dafür jetzt auch Urlaub nehmen müssen", sagte Sharon Beck vom SC Freiburg in einem SWR-Podcast. Die israelische Nationalspielerin betrachtet die Wiederaufnahme des Spielbetriebs bei den Frauen kritisch. "Da frage ich mich schon, wie stellt sich der DFB das vor? Im Endeffekt bleibt das alles an den Privatpersonen hängen und die verdienen nicht die Welt dafür."

Im Männerfußball sei dies kein Problem, erklärte die frühere deutsche Junioren-Nationalspielerin, bei den Frauen seien die Verhältnisse aber ganz andere. "Ich habe das Gefühl, dass die Gesundheit hinten angestellt wird." Insgesamt glaube sie nicht, dass "es das Richtige ist, weiterzuspielen". Aus Sicht der 25-Jährigen gehe es nur darum, dass "Sponsoren jetzt nicht abspringen".

Die Zuschauereinnahmen machen in der Regel nur zehn Prozent der Etats aus. Reine Frauenfußballvereine wie Turbine Potsdam oder der 1. FFC Frankfurt, der im Sommer unter das Dach von Eintracht Frankfurt schlüpft, bestreiten das Gros ihres Budgets von rund 1,5 Millionen Euro über lokale Partner und Sponsoren. Nach Informationen der Sportschau ist Sharon Beck mit ihrer Meinung nicht alleine, nur viele trauen sich nicht, sich kritisch zu äußern. Viele Spielerinnen leben in WGs. Sie glauben, dass die Hygieneregeln über mehrere Wochen für sie nur sehr schwer umsetzbar sind.

USV Jena steckt im Zwiespalt

Lerch hat derlei Bedenken wahrgenommen. In einer Video-Pressekonferenz erläuterte er am Mittwoch auf Nachfrage: "Es geht nicht jeder Mannschaft so gut wie uns. In dem Konzept sind aber alle Risiken abgewogen worden. Wenn es nicht zu vertreten wäre, wären wir nicht so weit gekommen. Das Konzept ist von hinten bis vorne gut überlegt. Die Mehrheit freut sich auf den Wiederbeginn." Was gewiss für den Tabellenführer aus dem östlichen Niedersachsen gilt, muss jedoch nicht für den Tabellenletzten aus Thüringen gelten.

Torsten Rödiger, Vorsitzender beim FF USV Jena, macht aus seinem Zwiespalt gar keinen Hehl. "Wir sind hin- und hergerissen." Mannschaftstraining kann erst ab 5. Juni stattfinden, vorher ist nur Training in Kleingruppen ohne Körperkontakt möglich. Die Stadt verweigert eine Spielgenehmigung für das Ernst-Abbe-Sportfeld in Jena, deshalb geht Rödiger davon aus, nur Auswärtsspiele zu bestreiten. Für die Partie am 7. Juni gegen den SC Freiburg wurde Jena bereits das Heimrecht entzogen - das Spiel geht jetzt im Schwarzwald über die Bühne. Danach stehen bis zum 28. Juni lauter Englische Wochen an, weil das Schlusslicht auch noch ein Nachholspiel hat.

Das Quarantäne-Trainingslager soll in der Sportschule Grünberg in Hessen durchgeführt werden. "Nicht alle Spielerinnen werden mitreisen können. Einige arbeiten im Kindergarten oder Krankenhaus. Sie sind ständig der Gefahr einer Ansteckung ausgesetzt", sagt Rödiger. Weiteres Problem: Eine Spielerin wie die Tschechin Jitka Chlastáková weilt in ihrer Heimat, wird vorerst nicht nach Deutschland kommen.

Die Kosten fressen den Zuschuss auf

Mehrere Spielerinnen haben in den sozialen Medien daher den DFB-Plan scharf kritisiert, machen auf den engen Zeitplan, die einhergehende Verletzungsgefahr und ihre persönliche Situation aufmerksam. Rödiger war über die Kampagne informiert - und hat sie bewusst erlaubt. Aus Sicht des USV-Vorstands stehen Nutzen und Aufwand nicht im richtigen Verhältnis zueinander: "Wir haben jetzt erhöhte Hotel- und Fahrtkosten. Allein das Trainingslager kostet uns 30.000 bis 40.000 Euro. Ich bin mir nicht sicher, ob von dem Geld vom DFB noch etwas übrig bleibt. Vielleicht wäre es für den Frauenfußball besser gewesen, damit die nächste Saison zu bestreiten."

Gleichwohl hat Jena auch für die Saisonfortsetzung gestimmt, allerdings unter Vorbehalt, wie Rödiger erläutert, "vielleicht hätten wir uns auch besser enthalten." Seine Furcht: "Nach ein, zwei Spieltagen haben wir mehrere Corona-Fälle - und dann war alles umsonst." Der FF USV Jena hat nur zwei Punkte, arbeitet mit einem schmalen Budget von 700.000 Euro. Nächste Saison kommt es zur Fusion mit dem Traditionsverein Carl Zeiss Jena. Doch ob sich damit die düsteren Perspektiven bessern? Auch der Männer-Drittligist ist vom Abstieg bedroht.

Wie schwierig es ist, die Anforderungen für die Frauen-Bundesliga unter einen Hut zu bringen, zeigt auch ein Fall bei der TSG Hoffenheim: Trainer Jürgen Ehrmann wird am Samstag beim Spitzenspiel in München fehlen. Der Coach ist Lehrer an einer Berufsschule in Karlsruhe und reiste nicht mit ins Quarantäne-Trainingslager. "Aus diesem Job kann ich nicht einfach eine Woche raus. Die Schüler stehen vor ihren Abschlussprüfungen, die Personaldecke an unserer Schule ist aufgrund der jetzigen Situation sowieso schon sehr dünn", sagte Ehrmann auf der Vereinshomepage. Seit mehr als zehn Jahren verpasst er erstmals ein Spiel seiner Frauen. Und dann gleich das erste in der Corona-Krise.