Christian Pulisic und seine Teamkollegen beim Mannschaftstraining in Columbus.

WM-Qualifikation

USA in der WM-Qualifikation: Winter statt Wärme

Stand: 27.01.2022, 12:58 Uhr

Der Weg zur Wüsten-WM in Katar führt für die USA durch heimische Kältekammern. Für ihre Qualifikations-Heimspiele gegen El Salvador und Honduras gehen sie absichtlich in den tiefsten Winter. Warum nur?

Von Heiko Oldörp

"Was denken die sich nur?", schrieb das Online-Magazin "slate.com". Die Frage ist durchaus berechtigt. Die US-Fußball-Nationalmannschaft hätte für ihre beiden Heimspiele in der WM-Qualifikation gegen El Salvador (Nacht von Donnerstag auf Freitag, 1 Uhr MEZ) und Honduras (Mittwoch, 2. Feburar) in Florida oder Kalifornien antreten können. Oder auch in Arizona oder Texas. Irgendwo, wo es in dieser Jahreszeit sonnig und einigermaßen warm ist. Optionen gibt es genug.

Doch Nationaltrainer Gregg Berhalter hat sich für Columbus/Ohio und Minneapolis in Minnesota entschieden. Kälter geht’s kaum. In Columbus soll die Temperatur beim Anstoß knapp unter dem Gefrierpunkt liegen, die gefühlte Temperatur jedoch minus sechs Grad Celsius betragen. Und deshalb bestehe ein "hohes Risiko für kältebedingte Erkrankungen", teilte der US-Verband mit.


Minus 15 Grad in Minneapolis

In den sozialen Medien gibt es bereits einen Vorgeschmack auf die Kälte von Columbus. "Winter ist hier. WM-Qualifikation kommt", ist ein Video betitelt - und mit Geräuschen von Wind und knisterndem Eis unterlegt.

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Noch härter wird es kommende Woche in Minneapolis. Dort sind für Spielbeginn -15 Grad Celsius vorhergesagt. Flockenwirbel nicht ausgeschlossen. Doch Kälte, Schnee, eisiger Wind - für Berhalter alles nur eine Frage der Einstellung. "Ich erwarte, dass wir die äußeren Umstände annehmen und sie genießen", betont der 48-Jährige.


Berhalter baut auf wintererfahrene Europa-Legionäre

Er kennt kaltes Wetter aus seinen Jahren als Profi in Deutschland (1860 München, Cottbus) und den Niederlanden. Und er setzt darauf, dass 15 Akteure seines Kaders - darunter die Bundesliga-Spieler Tyler Adams (Leipzig), Chris Richards (Hoffenheim), Ricardo Pepi (Augsburg) - in Europa unter Vertrag stehen und daher ebenfalls winterliche Temperaturen gewöhnt sind.

Die Mehrheit der El Salvadorianer und Honduraner hingegen spielen in warmem Klima. "Die kommen vom Äquator. Und es wird sehr schwer für sie, mit diesen Bedingungen klarzukommen", so Berhalter. Er spricht von einer "Gelegenheit" für sein Team, "einen Vorteil gegenüber dem Gegner zu bekommen."

Schwache Auswärtsbilanz

Denn die USA brauchen auf dem Weg nach Katar jeden Punkt. Das Fiasko von vor vier Jahren soll sich auf keinen Fall wiederholen. Damals verpassten sie durch eine 1:2-Niederlage in Trinidad & Tobago die WM in Russland. Und auch diesmal gab es bereits Probleme. In El Salvador (0:0) und Jamaika (1:1) reichte es jeweils nur zu Unentschieden. In Panama wurde gar 0:1 verloren.

Zwar sind die Amerikaner nach acht Spielen Tabellenzweite und haben nur einen Zähler weniger als Spitzenreiter Kanada. Doch auf den Vierten, Panama, der nicht direkt zur WM fährt, sondern in die Relegation muss, ist es eben auch nur ein Punkt Vorsprung.

Pulisic: "Es ist kalt, aber wir werden bereit sein"

Die Ergebnisse daheim seien "grundlegend für die WM-Qualikation", schrieb der US-Verband am 24. November in einer Pressemitteilung. Und deshalb habe man "für die wichtigen Spiele gegen El Salvador und Honduras Columbus und Minnesota ausgewählt."

Zudem ist es von dort nicht weit bis nach Hamilton. Dort, unweit von Toronto, spielen die USA am Sonntag gegen Kanada. Auch die Nähe zum Nachbarstaat im Norden und die klimatisch ähnlichen Bedingungen zum Einspielen fürs Spitzenspiel spielten eine Rolle bei der Wahl der Spielorte.

Seit dem Wochenende sind die Amerikaner in Columbus. "Es ist kalt, aber wir werden bereit sein, bei diesen Temperaturen zu spielen", meinte Christian Pulisic. Er trug, wie seine Mitspieler, bei den Einheiten Handschuhe, lange Oberteile und lange Hosen. Die Trainer waren in dicke Winterjacken gepackt. Am Mittwoch lag die Tageshöchsttemperatur bei minus sieben Grad.

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Experte warnt: "Machst dir Heimvorteil kaputt"

Doch ist das alles eigentlich notwendig? Gegen den Tabellenvorletzten El Salvador und das Schlusslicht Honduras? Kämen Spiele im wärmeren Gefilden den technisch besseren Amerikanern nicht eher gelegen? "Werden die frostigen Temperaturen einen Heimvorteil ergeben?", fragte "ESPN.com" diese Woche.

Der ehemalige US-Nationalspieler und heutige ESPN-Experte Taylor Twellman hat Zweifel. "Ich weiß nicht, warum die sowas machen, und bin immer noch ein bisschen irritiert. Minus 15 Grad - da machst du dir deinen Heimvorteil kaputt", sagte Twellman. Er befürchtet, dass sich aufgrund der äußeren Umstände kein hochkarätiges, sondern eher ein umkämpftes Spiel entwickelt. Und das könnte den Gästen eher liegen.

Legendärer "Snow clásico"

Bislang haben die USA noch nie Qualifikationsspiele im Januar bestritten. Sie haben ohnehin erst vier Partien gehabt, bei denen die Temperaturen um den Gefrierpunkt lagen. Die bislang letzte war legendär und ging als "Snow clasico" in die Fußball-Geschichte ein. Am 22. März 2013 traf die damals noch von Jürgen Klinsmann trainierte US-Auswahl etwas nördlich von Denver im Schneesturm auf Costa Rica.

90 Minuten lang fielen dicke Flocken. Zu allem Überfluss wurde auch noch mit einem gelben Ball gespielt, der nur schwer zu erkennen war. In der zweiten Halbzeit unterbrach Schiedsrichter Joel Aguilar aus El Salvador in der 54. Minute die Partie und holte beide Mannschaften vom verschneiten Platz.

Ex-Trainer Klinsmann mit "schlechten Spanisch"

Klinsmann versuchte mit seinem "schlechten Spanisch", wie er selbst sagte, den Referee vom Weiterspielen zu überzeugen. Das Match wurde zu Ende gespielt. Die USA gewannen 1:0. CostaRicas Trainer Jorge Luis Pinto bezeichnete das Spiel als "Peinlichkeit für den Sport".


Walker Zimmerman hat die Partie damals im Fernsehen verfolgt. Neun Jahre später freut sich der Verteidiger, bei ähnlichen Bedingungen selbst dabei sein zu können. "Ich will den Frost. Ich will den Schnee. Ich will Teil von etwas Ikonischem sein."

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