Gianni Infantino, Präsident der FIFA, kritisiert die Haltung Europas zur WM im Zwei-Jahres-Rhythmus.

FIFA-Boss vor dem Europarat

Infantino relativiert seinen Afrika-Vergleich

Stand: 27.01.2022, 08:44 Uhr

In der Debatte um eine Fußball-WM im Zwei-Jahres-Rhythmus hat FIFA-Boss Gianni Infantino die Haltung Europas kritisiert und dazu einen abstrusen Vergleich gezogen. Am Tag darauf fühlte er sich falsch interpretiert. Auch die UEFA reagierte mit Kritik.

Infantino hielt am Mittwoch (26.01.2022) seine Rede vor dem Europarat in Straßburg, wo es um den Kommissionsbericht "Fußballverwaltung: Wirtschaft und Werte" ging. Der umstrittene Präsident des Fußball-Weltverbandes sagte: "Wir sehen, dass Fußball sich in eine Richtung entwickelt, wo wenige alles haben und die Mehrheit hat nichts. In Europa findet die WM zweimal pro Woche statt, weil die besten Spieler in Europa spielen." Sogar innerhalb Europas gebe es ein großes Ungleichgewicht. Die große Mehrheit Europas sehe nicht die besten Spieler und nehme nicht an den Top-Wettbewerben teil.

Viele Fragen stehen im Raum

Die Änderung des WM-Rhythmus ist seit Monaten großes Streitthema im Fußball - die Europäische Fußball-Union und die südamerikanische Konföderation CONMEBOL sind dagegen. Bislang werden die Weltmeisterschaften alle vier Jahre ausgerichtet, Infantinos großes Ziel ist es, den Rhythmus zu halbieren.

Um dieses Ziel zu unterstreichen, erklärte der FIFA-Präsident wörtlich: "Wir müssen die gesamte Welt miteinbeziehen. Wir müssen den Afrikanern Hoffnung geben, dass sie nicht über das Mittelmeer kommen müssen, um hier vielleicht ein besseres Leben führen zu können oder, wahrscheinlicher, den Tod im Meer. Wir müssen ihnen Möglichkeiten und Würde geben."

Auf Stimmen aus Afrika angewiesen

Diese Äußerung sorgte vielfach für Empörung. Viele Menschen verstanden die Worte so, als würde Infantino das Leben in Afrika gegenüber dem in Europa abwerten. Auch die Frage, was ein verkürzter WM-Rhythmus mit einer lebensgefährlichen Flucht über das Mittelmeer zu tun haben soll, stand ungelöst im Raum.

Später dämmerte dem Fifa-Boss, dass er übers Ziel hinausgeschossen war. "Bestimmte Bemerkungen" schienen "falsch interpretiert" und "aus dem Zusammenhang gerissen" zu sein, hieß es in einem Statement, das der Fußball-Weltverband nach der Rede des Schweizers veröffentlichte. Er wolle "klarstellen, dass die allgemeinere Botschaft in meiner Rede war, dass jeder in einer Entscheidungsposition in der Verantwortung steht, zur Verbesserung der Situation der Menschen auf der ganzen Welt beizutragen", sagte Infantino in der Mitteilung.

Es sei "ein allgemeiner Kommentar" gewesen, der nicht direkt mit den Plänen einer Verkürzung des WM-Rhythmus auf zwei Jahre in Verbindung gestanden habe. Rätselhaft wirkte der Ansatz, das Befolgen seiner Vorschläge würde der afrikanischen Bevölkerung Möglichkeiten und Würde geben.

Am Donnerstag (28.01.2022) äußerte sich auch die UEFA und nahm die Unterstützung der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) wohlwollend auf, um darin eine Replik an Infantino zu verpacken. "Die europäischen Institutionen und der europäische Fußball sowie die europäische Sportbewegung stehen fest hinter unseren Werten und unserem solidarischen Modell", sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin. Die PACE hatte unter Führung von George Foulkes am Mittwoch eine Resolution verabschiedet und bezeichnet darin unter anderem die Verkürzung des WM-Rhythmus als "katastrophal".

Die Resolution lasse "keinerlei Interpretationsspielraum", führte Ceferin aus: "Sie enthält ein klares Nein zu egoistischen Superligen und ein klares Nein zu extravaganten WM-Vorschlägen, hingegen ein kategorisches Ja zur Zusammenarbeit im Hinblick auf den Schutz und die Stärkung unseres Modells, das im Interesse des europäischen Fußballs und der europäischen Gesellschaft ist."

Verteidigungsrede pro Katar

Tatsache ist, dass der FIFA-Präsident sowohl für all seine Pläne als auch für seine Wahl auf die Stimmen aus Afrika angewiesen ist. Genau in diesem Kontext kann auch das auffällige Inschutznehmen des nächsten WM-Gastgebers zu sehen sein.

Dieses Element beinhaltet Daten von Twitter. Sie können die Einbettung auf unserer Datenschutzseite deaktivieren.

Infantino verteidigte Katar vor der anhaltenden Kritik vor allem in Sachen Menschenrechte. "Ein Wandel erfolgt nicht schnell. In Europa dauerte es Jahrhunderte und Jahrzehnte. Dank der WM und dank des Schlaglichts hat sich das System in Rekordzeit in nur wenigen Jahren entwickelt", behauptet Infantino.

Darüber hinaus wolle er noch "einige Dinge gerade rücken." Infantino bezweifelt die Zahl der toten Arbeiter, die laut Guardian auf den Baustellen in Katar gestorben seien. Es sei "einfach nicht wahr", wenn von 6.500 toten Arbeitern berichtet würde, "es sind drei. Drei sind immer noch zu viel, aber zwischen drei und 6.500 ist ein großer Unterschied." Geradezu absurd klingt auch diese Einschätzung Infantinos: "Die Arbeitsbedingungen in Katar sind vergleichbar mit denen in Europa."

WM 2022 in Katar: Schein und Sein

Sportschau 22.12.2021 17:30 Min. Verfügbar bis 22.12.2022 Das Erste

Sprüche über "Weltpolizei" und "Paradies"

Außerdem sei die Fifa keine Weltpolizei, meinte Infantino, gestand aber immerhin ein: "Katar ist kein Paradies." Es müsse sich "noch viel ändern und viel getan werden. Wir müssen den Fokus und den Druck aufrecht erhalten, aber anerkennen, dass der Wandel stattfindet." Dieser Wandel, bilanziert Infantino offenbar sehr mit sich selbst zufrieden, sei ein "Verdienst des Fußballs."

Dass Infantino Katar so sehr verteidigt, verwundert auch aus einem anderen Grund nicht: Im Oktober 2021 hat der FIFA-Boss ein Haus in Doha bezogen, um laut Weltverband seine "präsidialen Pflichten vor der WM besser wahrnehmen zu können." Doha ist die Hauptstadt des Emirats Katar.

Quelle: dpa/ch

Darstellung: