Was der Kahlschlag in der Europa League für die Bundesliga bedeutet

Niedergeschlagen: Niklas Lomb, Torhüter von Bayer Leverkusen

Aus in der Europa League

Was der Kahlschlag in der Europa League für die Bundesliga bedeutet

Von Frank Hellmann

Mit der Europa League steht die Bundesliga weiter auf Kriegsfuß. In diesem Jahr erreicht kein Verein die Runde der letzten 16. Das Versagen der deutschen Vertreter gefährdet auch die Wettbewerbsfähigkeiten der Nationalmannschaften.

Es gehörte vor Ausbruch der Pandemie fast schon zum guten Brauch im deutschen Profifußball, dass Christian Seifert auf einem recht pompös inszenierten Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga (DFL) die Zielvorgaben für die Bundesliga zusammenfasste.

Bei der letzten Zusammenkunft ließ der DFL-Geschäftsführer verlauten: "Es muss unser Anspruch sein, dass in den Viertelfinals der Champions League und Europa League mehr als ein deutscher Club regelmäßig auftaucht. Die besten 16 Mannschaften Europas sind ein legitimes Ziel für die Liga mit dem zweithöchsten Umsatz der Welt." Was im Januar 2020 in einer Offenbacher Eventlocation postuliert wurde, ist im Februar 2021 schon wieder in weiter Ferne.

Das Sammelsurium an Defiziten bedingt einen Imageschaden

Unter den letzten 16 Teams der Europa League befindet sich kein deutscher Vertreter mehr, nachdem die TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen in der Zwischenrunde kläglich gescheitert sind. Die Parallelen beim blamablen Aus gegen FK Molde und Young Boys Bern wirkten frappierend. Ein Sammelsurium an Defiziten hat der Liga einen Imageschaden zugeführt, was ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit angeht.

Das Scheitern des VfL Wolfsburg gegen AEK Athen noch in der Qualifikation mitgerechnet, gibt die Bundesliga in der Europa League nicht zum ersten Mal ein desaströses Bild ab. Wenn Klubs aus Griechenland, Norwegen und Schweiz die Stoppschilder aufstellen, ist Gefahr im Verzuge.

Nur zwei Teams seit 2020 im Halbfinale der Europa League

Zumal Deutschland mit diesem Wettbewerb länger auf Kriegsfuß steht. Werder Bremen zog 2009 in der letzten Auflage des ehemaligen UEFA-Cups noch ins Finale ein, scheiterte in der Verlängerung an Schachtjor Donezk. Frank Baumann spielte damals noch zusammen mit Mesut Özil, Diego saß in Istanbul gesperrt auf der Tribüne.

Mit der Umfirmierung in die Europa League kam der Hamburger SV ein Jahr später zwar ins Halbfinale, verfehlte aber das Endspiel im eigenen Stadion. Danach setzte eine lange Durststrecke ein, die sich aus vielfältigen Ursachen speiste: Angefangen von fehlender Wertschätzung bis hin zur übermäßigen Belastung jener Klubs, die sich sporadisch auf diese Bühne verirrten.

Nach dem letzten Endspiel des UEFA-Pokals: Enttäuschte Werder-Spieler 2009

Nach dem letzten Endspiel des UEFA-Pokals: Enttäuschte Werder-Spieler 2009

Dem FC Augsburg, SC Freiburg oder FSV Mainz 05 ist die schwache Ausbeute nicht anzulasten. Aber warum reüssierten nicht Borussia Dortmund, der FC Schalke 04 oder Bayer Leverkusen so wie die legendären Schalker Eurofighter 1997? Ende der 70er Jahre war der UEFA-Pokal sogar zeitweise ab dem Halbfinale fest in deutscher Hand. Davon ist nichts mehr geblieben.

Vorbild Eintracht Frankfurt

Ob es ein Zufall ist, dass jetzt mit Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen drei Klubs strauchelten, die als fremdfinanzierte Gebilde gelten? Fehlt da etwas von jener Leidenschaft, die etwa Eintracht Frankfurt zuletzt bei zwei Teilnahmen für die Europa League aufbrachten als Stadt, Verein und Fans hier wahre Festspiele inszenierten?

Der Lohn für die Frankfurter war die Halbfinalteilnahme 2019, als die Eintracht erst im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea ausschied und zuvor Benfica Lissabon, Inter Mailand oder Donezk auf die Bretter geschickt hatte. Noch nie kam eine deutsche Mannschaft bis ins Europa-League-Finale, portugiesische Klubs standen dagegen allein vier Mal im Endspiel, das in diesem Jahr am 26. Mai in Danzig geplant ist.

Auch Joti Chatzialexiou in Sorge

Mit Sorge betrachtet auch Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), die Abstinenz auf dieser Bühne. "Wir wollen zu den Topnationen gehören. Dann ist es traurig, insbesondere für die jungen Spieler, wenn sie den enormen Erfahrungsschatz aus den K.o.-Spielen nicht mitnehmen können", sagte Chatzialexiou am Freitag der Sportschau.

Alle großen Turniere wie EM oder WM, schließlich auch die Nachwuchswettbewerbe wie eine U21-EM oder ein Olympisches Fußballturnier würden im K.o.-System entschieden: "Da zum richtigen Zeitpunkt zu performen, ist für die Entwicklung eines Profis eine der wichtigsten Erfahrungen." In der Bundesliga sind einzelne Aussetzer auszubügeln, in den Europapokalwettbewerben nicht - und deshalb schauen die DFB-Verantwortlichen ja bei internationalen Vergleichen genau hin.

Chatzialexiou, rechte Hand von Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff: "Wir registrieren nicht nur auf der Ebene der Nationalmannschaften, dass sich andere Verbände positiv entwickeln. Auch die Klubs, zum Beispiel aus der Schweiz, heben das Niveau in einem Wettbewerb wie der Europa League. Trotzdem ist es enttäuschend, wenn sich kein deutsches Team für das Achtelfinale qualifiziert. Das sollte schon unser Anspruch sein."

Immerhin genug Vorsprung in der UEFA-Fünfjahreswertung

Die aktuelle UEFA-Fünfjahreswertung

Die aktuelle UEFA-Fünfjahreswertung

Denn schließlich zählen die Punkte für die UEFA-Fünfjahreswertung in der Europa League genauso wie in der Champions League. Vor allem Spanien, das seit 2009 allein sieben Mal den Sieger stellte, sackt über die Plattform reichlich Zähler ein. Immerhin: Das deutsche Desaster in dieser Spielzeit bleibt vorerst ohne Folgen, denn der Vorsprung vor dem Fünften Frankreich ist noch für die nächsten drei Jahre üppig - und die Top Vier in dem Ranking entsenden vier fixe Starter für die Königsklasse.

Dort übrigens haben bekanntlich der FC Bayern und Borussia Dortmund die Tür zum Viertelfinale weit aufgestoßen – es sieht aber danach aus, als seien die beiden Schwergewichte demnächst mal wieder die letzten deutschen Mohikaner im Europapokal. Dabei hatte Bundesliga-CEO Seifert eigentlich ein vielfältigeres Erscheinungsbild gewünscht.

Stand: 26.02.2021, 12:22

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