Ajax - die Talentschmiede funktioniert wieder

Ajax jubelt, Kobel sitzt frustriert auf dem Hosenboden

Nach 4:0 gegen Borussia Dortmund

Ajax - die Talentschmiede funktioniert wieder

Von Olaf Jansen

Immer wieder Ajax: Wie der niederländische Rekordmeister am Dienstagabend Borussia Dortmund auseinandernahm, war erstaunlich. Fest steht: Die Talentschmiede funktioniert wieder.

Die diffuse Sicht in der Johan-Cruyff-Arena hatte sich am späten Dienstagabend (19.10.2021) so langsam aufgeklart, da nahm das Debakel für Borussia Dortmund seinen Lauf.

Knapp zehn Minuten hatte es gedauert, bis sich die Nebelschwaden der zahllos von den einheimischen Fans gezündeten Bengalos in der proppenvoll besetzten Arena gesetzt hatten - und dann begann er: der Sturmlauf Ajax Amsterdams. Der letztlich in einem 4:0-Triumph über den BVB endete, der auch durchaus deutlicher hätte ausfallen können.

"Herrliches Ajax demütigte die Deutschen so wie Deutsche beinahe nie gedemütigt werden. Mit Fußball von einer erstaunlichen Überlegenheit walzte Ajax Borussia Dortmund nieder. Das Spiel in der höchsten Klasse Europas verdient das Prädikat herrlich." So urteilte die niederländische "Volkskrant" über die Partie, die Dortmunds - an diesem Abend bedauernswerter - Mittelfeldspieler Julian Brandt folgendermaßen beurteilte: "Es war für uns eine Lehrstunde. Wir haben unsere Grenzen aufgezeigt bekommen."

Atemberaubende Resultate in der Liga und der Champions League

Dass Ajax mal wieder eine gute Truppe beisammen hat, war schon vor der Partie bekannt. Schließlich hatten die Niederländer nicht nur in der nationalen Meisterschaft mit teilweise atemberaubenden Resultaten (9:0 gegen Cambuur, jeweils 5:0 gegen Nijmegen, Arnheim und Sittard) aufgewartet. Auch in den ersten beiden Champions-League-Spielen bei Sporting Lissabon (5:1) und gegen Besiktas (2:0) war das Team von Trainer Erik ten Haag unangefochten.

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Sportschau 19.10.2021 02:45 Min. Verfügbar bis 19.10.2022 ARD Von Jan Wochner


Aber dass Ajax mit dem BVB auch eine der beiden Top-Mannschaften der deutschen Bundesliga derart an die Wand spielen würde - das kam dann schon überraschend.

Nico Schulz - chancenlos gegen Antony

Offenbar auch für einige direkt beteiligte Dortmunder. Kaum anders ist zu erklären, dass Linksverteidiger Nico Schulz gegen seinen direkten Gegenspieler Antony regelrecht unterging. Der 21-jährige Brasilianer, der kürzlich in der "Selecao" debütierte, überspielte den erfahrenen Verteidiger nach Belieben. Mit Tempo und toller Technik zog er ein ums andere Mal mühelos an Schulz vorbei - es brannte daraufhin stets lichterloh im BVB-Strafraum.

Nach zehn Minuten konnte Mats Hummels Antonys Schuss gerade noch blocken, nach einer halben Stunde vergab Sébastien Haller freistehend aus elf Metern, nachdem Antony wieder mustergültig aufgelegt hatte. Da stand es aber schon 2:0, nachdem Reus zu einem Eigentor gezwungen worden war und Danny Blind aus 17 Metern getroffen hatte.

Mino Raiola hat schon seine Finger dran

Zur Pause erlöste BVB-Trainer Marco Rose seine linke Seite mit Schulz und dem ebenso überforderten Donyell Malen, der die Ajax-Power eigentlich hätte kennen müssen. Schließlich wurde er zwischen 2007 und 2015 in eben jener Jugendabteilung des Vereins ausgebildet. Danach hatte er den Verein verlassen, war über den FC Arsenal und PSV Eindhoven in Dortmund gelandet.

Bei Ajax spielen stattdessen nun neben Antony junge "Granaten" wie Ryan Gravenberch, Edson Alvarez und Noussair Mazraoui. Gravenberch ist erst 19, fegte aber durch das Mittelfeld wie ein alter Hase. Dem Ajax-Eigengewächs, das im Alter von neun Jahren in die Amsterdamer Jugendakademie einzog, wird eine große Karriere bevorstehen. Der junge Mann wird auch schon von Spielerberater-Legende Mino Raiola betreut.

Nationalspieler aus Mexiko und Marokko

Der 23-jährige Alvarez stammt aus Mexiko und spielt seit zwei Jahren für Amsterdam. Auf welch hohem Niveau der Mittelfeldmann agieren kann, wissen sie in seinem Heimatland schon lange - er wurde schon 2018 Nationalspieler und kann auf 32 Länderspieleinsätze für Mexiko verweisen.

Nationalspieler ist auch Mazraoui - in Marokko. Der 23-Jährige wurde zwar in den Niederlanden geboren und erlernte sein Fußballkönnen von Beginn an in der Ajax-Schule, doch international spielt er für das Land seiner Wurzeln. Marokko setzt in der laufenden WM-Quali und dem bevorstehenden Afrika-Cup in Kamerun im Januar 2022 schwer auf den flinken Techniker auf der rechten Außenbahn.

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Talente werden gewinnbringend verkauft

Das sind allesamt interessante Spieler noch ohne die ganz großen Namen - die auch noch entwicklungsfähig sind. Solche Leute zusammenzuführen mit erfahrenen Haudegen - mit diesem Konzept hat der Verein nun schon seit vielen Jahren auch international großen Erfolg.

Obwohl die einst Namenlosen den Verein oft verlassen, wenn die größeren Klubs anklopfen. Zuletzt war das so bei Hakim Ziyech (FC Chelsea), Donny van de Beek (Manchester United), Kasper Dolberg (OGC Nizza), Matthijs de Ligt (Juventus Turin), Frenkie de Jong (FC Barcelona) und Joel Veltman (Brighton).

Qualität bleibt erhalten - schon seit den 90er Jahren

Für derlei Arbeitsweise ist Ajax im Grunde schon seit vielen Jahren bekannt. In den 90er Jahren gewann man unter Louis van Gaal alle drei europäischen Klubwettbewerbe. Spieler wie Dennis Bergkamp, Wim Jonk, Frank Rijkaard und später Clarence Seedorf, Edgar Davids, Patrick Kluivert und Jari Litmanen prägten eine große Ära, bevor sie Ajax allesamt irgendwann in Richtung größere Klubs verließen.

Dass auch die jüngsten Abgänge die Qualität des Teams nicht entscheidend geschwächt haben, zeigt Ajax gerade wieder. Nach dem Einzug ins Champions-League-Halbfinale 2019 könnte die Saison 2021/22 in einem ähnlich großen Erfolg münden. Die Spieler von Borussia Dortmund würde es jedenfalls mutmaßlich kaum überraschen.

Stand: 20.10.2021, 12:51

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