Thilo Kehrer bei PSG - Verteidiger der Superstars

Stammspieler bei Paris Saint-Germain: Thilo Kehrer

Champions-League-Finale

Thilo Kehrer bei PSG - Verteidiger der Superstars

Paris Saint-Germain ist nicht nur Neymar und Kylian Mbappé, das ist eine Erkenntnis der letzten Wochen. Einer von denen, über die eher wenig berichtet wird, ist Thilo Kehrer. Das sollte sich ändern.

Es ist noch kein Jahr her, dass Thilo Kehrer dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ein außergewöhnliches Interview gegeben hat. "Sagen Sie jetzt nichts", so heißt die Interview-Reihe, in der Fragen nur mit Gesten beantwortet werden dürfen. Die Fotos, die dabei entstehen, sind manchmal amüsant, oft ganz wunderbar und mitunter auch skurril. Im Falle von Kehrer wird vor allem eines in Erinnerung bleiben, es ist das elfte und letzte.

Die Frage dazu war eine, die beim Erscheinen des Interviews im September 2019 noch einigermaßen abenteuerlich geklungen hatte: Und wenn Paris Saint-Germain dieses Jahr die Champions League gewinnt? Kehrer hat das offensichtlich nicht so empfunden. Er warf die Arme in die Luft, beide Hände zur Faust geballt, den Mund weit aufgerissen. Fast meinte man, ihn jubeln zu hören.

Als das Interview erschien, hatte sich Kehrer gerade am Fuß verletzt, er spielte erst vier Monate später wieder. Ende Februar, Kehrer hatte sich gerade wieder einen Stammplatz erkämpft, wurde die Saison in Frankreichs Ligue 1 zunächst unter- und dann auch abgebrochen. Profisport in Zeiten von Covid-19. Es hat also nicht unbedingt viel dafür gesprochen, dass dies noch eine Saison werden würde, an die sich Kehrer einmal gerne erinnern wird. Es kam anders.

Ein Verteidiger, wie Tuchel ihn mag

Am Sonntagabend (23.08.2020) findet in Lissabon das Finale der Champions League statt und es ist durchaus möglich, dass man dann auch Thilo Kehrer, 23, dabei zusehen kann, wie er seinen Job erledigt. Kehrer war bei seinem Verein Paris Saint-Germain zuletzt als Rechtsverteidiger gesetzt, er hat beim Finalturnier in Portugals Hauptstadt in beiden Spielen von der ersten bis zur letzten Minuten auf dem Platz gestanden. Wahrscheinlich wird ihm der Trainer Thomas Tuchel auch im Endspiel gegen die Bayern das Vertrauen auf dieser sensiblen Position schenken.

Überhaupt ist Kehrer ein Verteidiger, wie der Trainer Tuchel ihn mag. Neben vielfältigen fußballerischen Fähigkeiten bringt Kehrer auch die nötige Wettkampfhärte mit, er kann es als Rechtsverteidiger und auch im Zentrum, als Innenverteidiger und als Sechser. "Er ist ein sehr aggressiver Spieler", hat Tuchel einmal über Kehrer gesagt. "Mit seiner Geschwindigkeit und Zweikampfstärke kann er jedem Gegner den Zahn ziehen."

PSG ist mehr als nur Neymar und Mbappé

Und doch war es ja bislang immer so: Wenn PSG spielte, gehörte die Bühne den Superstars, das wird auch im Finale gegen die Bayern kaum anders sein. Neymar und Kylian Mbappé haben zusammen mehr als 360 Millionen Euro gekostet, ihre Tricks bringen Menschen auf der ganzen Welt zum Schwärmen, auch dank ihrer Tore träumen sie nun in Paris vom ganz großen Wurf. Doch es gehört, und das ist schon ein interessanter Gedanke, ganz offensichtlich auch zu den Stärken des Trainers Tuchel, dass er bei aller offensiver Qualität Wert auf die Balance legt.

"Wir sind beileibe keine Mannschaft, die sich nur auf die schönen Dinge konzentriert", sagte Tuchel, nachdem seine Mannschaft erstmals überhaupt das Finale der Champions League erreicht hatte. Tatsächlich hat PSG in den zehn Champions-League-Spielen dieser Saison nur fünf Gegentore hinnehmen müssen, kein Team verteidigt noch besser. Bei der Suche nach den Garanten für die Pariser Defensive landet man schnell bei Thiago Silva, 35, dem Kapitän, dessen Vertrag nach dem Turnier ausläuft und nicht mehr verlängert wird, oder bei dem so unorthodoxen wie guten Torhüter Keylor Navas. Oder eben bei Kehrer, der in Paris längst der Verteidiger der Superstars geworden ist.

Eine erstaunliche Wandlung

Als PSG vor zwei Jahren für Kehrer 37 Millionen Euro an Schalke 04 überwies, hat das in Frankreichs Hauptstadt nicht jeder Fußballfan verstanden. Kehrer war ein hoffnungsvolles Talent, doch in seinem Spiel gab es immer wieder Momente, die von Konzentrationsschwierigkeiten geprägt waren. Überragende Spiele reihte Kehrer an solche, in denen er vor allem durch Fehlpässe auffiel. Doch irgendwann in dieser Zeit hat Kehrer diese Schwächen abgelegt, man hat sie seitdem nicht mehr wahrgenommen.

Wenn es heute um Thilo Kehrer geht, dann ist manchmal die Nationalmannschaft das Thema und manchmal PSG. Mitunter geht es auch um die Thilo-Kehrer-Foundation, die jungen Menschen in Burundi, dem Heimatland von Kehrers Mutter, ein besseres Leben ermöglichen möchte. Oder darum, dass Kehrer seit einiger Zeit BWL studiert und dann ist da eben auch noch die Sache mit der Playstation. Früher, als er noch beim FC Schalke unter Vertrag stand, hat auch Kehrer manchmal an der Konsole gespielt, doch nach dem Umzug nach Paris hat er damit aufgehört. Die Playstation liegt nun irgendwo in seinem Keller in Paris.

Vor einigen Tagen hat Kehrer mal wieder ein Interview gegeben, diesmal hat er auch gesprochen. Es war der Abend des Finaleinzugs, der Schlusspfiff lag noch keine Stunde zurück, als Kehrer einige Sätze sagte, die man durchaus als Warnung an die Bayern verstehen kann. Er sagte: "Dieses Jahr sind wir als Mannschaft zusammengerückt. Wir haben viel als Mannschaft unternommen außerhalb des Platzes. Wir sind wirklich ein eingeschweißter Haufen. Wenn wir das auf den Platz bringen, dann kommt die individuelle Qualität noch mehr raus."

tbe/sid/dpa | Stand: 20.08.2020, 22:42

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