Rassismus-Skandal am FC Bayern Campus schwappt nach Nürnberg

Geschäftstelle 1. FC Nürnberg

Einstellung von Jugentrainer sorgt für Unruhe

Rassismus-Skandal am FC Bayern Campus schwappt nach Nürnberg

Von Matthias Wolf

Turbulenzen beim 1. FC Nürnberg: Ein Jugendtrainer wird erst verpflichtet, darf dann aber seinen Dienst gar nicht erst antreten. Hintergrund ist die Rassismus-Affäre am FC Bayern Campus, dem Nachwuchsleistungszentrum des Rekordmeisters – die nun ins benachbarte Frankenland geschwappt ist.

Am 21. April verkündete der 1. FC Nürnberg über die sozialen Medien die Verpflichtung eines neuen Jugendtrainers. Normalerweise interessiert so etwas nur eingefleischte Begleiter des Vereins. Doch diesmal erntete der Zweitligist einen Sturm der Entrüstung. In einigen Foren wurde hitzig diskutiert, es kursierten offene Briefe und Stellungnahmen von Mitgliedern, die sogar ihren Austritt erwogen. Die lokalen Medien berichteten über die wütenden Reaktionen auf die umstrittene Personalentscheidung.

"Club" rudert zurück

Auslöser der Entrüstung war, dass besagter Jugendtrainer erst im Oktober im Zuge des Rassismus-Skandals auf dem FC Bayern Campus entlassen worden war. Er galt als engster Mitarbeiter jenes anderen Jugendtrainers, der nach schwerwiegenden Rassismus-Vorwürfen bereits im August hatte gehen müssen – nur wenige Tage, nachdem das WDR-Hintergrundmagazin Sport inside (10.08.2020) zuerst über die Vorfälle im Nachwuchsleistungszentrum des FC Bayern berichtet hatte.

Am Sonntag (02.05.2021) ruderte der 1.FC Nürnberg dann zurück – der Trainer werde seine Tätigkeit beim "Club" nicht antreten. "Auch die Reaktionen und das Feedback von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Mitgliedern und Fans sind in diese schwierige Entscheidung eingeflossen", teilt der FCN mit.

Oberflächliche Beschäftigung mit der Rolle des Trainers

Nach Erkenntnissen von Sport inside hat der 1. FC Nürnberg sich allenfalls oberflächlich mit dem wahren Ausmaß der mutmaßlichen Vergehen des Trainers, der die U17-Bundesligamannschaft übernehmen sollte, beschäftigt – und kassierte dafür nun die Quittung. Der "Club" hatte sich offensichtlich auf Empfehlungen aus München verlassen. So soll der dortige Campus-Leiter Jochen Sauer den Trainer lediglich als "Bauernopfer" bezeichnet haben. Nur weil dieser so eng mit seinem Mentor zusammengearbeitet hatte, habe auch er gehen müssen. Sauer selbst ließ Fragen zur Causa unbeantwortet.

Wenig überzeugend klingt daher die Behauptung in der Mitteilung der Nürnberger, man habe sich mit der Personalie "im Vorfeld intensiv auseinandergesetzt". Der Mann habe "es zutiefst und von Herzen bereut, einen fremdenfeindlichen Beitrag mit Smileys kommentiert zu haben. Dem Verein waren somit die Hintergründe von Anfang an bekannt". Dieter Hecking, Vorstand Sport des 1. FC Nürnberg, wird mit den Worten zitiert: "Auch mit diesem Wissen wollten wir einem jungen Menschen, der einen Fehler eingestanden hat, eine Chance gewähren."

"Klima der Angst" auf dem Campus

Doch zur Wahrheit gehört auch: Es waren nicht nur die Lach-Smileys, mit denen der Trainer einen menschenverachtenden Kommentars seines Vorgesetzten in einer Chatgruppe des FC Bayern bedacht hatte. Ein jahrelang am Campus tätiger Bayern-Trainer betonte nun einmal mehr: "Er war genauso schlimm wie sein Chef. Wir alle, die unter seinem Mobbing sehr gelitten haben, sind empört, dass so einer wieder einen solchen Job bekommen sollte."

Der in Nürnberg vorgestellte Jugendtrainer ist in München ebenfalls durch – bisher von Vereinsseite unbestrittene - verbale Attacken gegenüber Trainerkollegen auffällig geworden. "Die beiden waren Teil eines Systems von unantastbarer Macht und Machtmissbrauch", so ein ehemaliger Bayern-Trainer: "Es war sehr schlimm. Du hast jahrelang kein Spiel verloren – und dann stehen die beiden neben deiner Trainerbank und lästern ab." Beide Trainer hätten ein "vergiftetes Klima der Angst" aufgebaut: "Das war wie eine eigene Sekte." Auch aus Elternkreisen werden harte Vorwürfe gegen beide Trainer erhoben: "Sie haben Angst verbreitet. Ein System, das Spieler, Eltern und Trainer einschüchterte." Oftmals ging es um Spieler mit Migrationshintergrund.

Anhängende Ermittlungen gegen den Trainer

Fakt ist: Es gab genügend Hinweise für den "Club", dass diese Personalie für Diskussionen sorgen würde. Die Führung des 1. FC Nürnberg wirkt nun genauso bloßgestellt wie der Trainer. Den Nürnbergern hätte bekannt gewesen sein können, dass dieser nicht nur Teil einer noch nicht abgeschlossenen staatsanwaltlichen Ermittlungen wegen Volksverhetzung ist - sondern dass auch der DFB-Kontrollausschuss gegen ihn ermittelt. Das wusste der Verein jedoch angeblich erst seit wenigen Tagen – nach der Einigung mit ihm, so wurde es jedenfalls Sport inside vermittelt. Am Donnerstag hieß es auch, der Vertrag sei noch nicht unterzeichnet.

Sport inside hatte den 1. FC Nürnberg am vergangenen Mittwoch zum ersten Mal um offizielle Stellungnahme zu dem Fall gebeten. Am Donnerstagabend berichtete dann die "Bild-Zeitung" über die Wellen der Empörung, die die Einstellung des Trainers schlug. Bei den Diskussionen in den Online-Foren ging es im Kern darum, ob ein junger Mann eine zweite Chance verdient habe, oder ob der Verein mit seiner Einstellung gegen sein Leitbild verstoße und das aus München bekannte Verhalten tolerierbar sei. Der Trainer selbst ging gegenüber der "Bild" nur auf die Smiley-Kommentierung ein. Diese sei "bedauernswert" und "unachtsam" gewesen.

Gegenüber dem Verein soll er sogar angegeben haben, früher ehrenamtlich Flüchtlinge trainiert zu haben. Wie dies allerdings zusammenpassen kann mit seinem mutmaßlichen massiven Mobbing gegen einen Mitarbeiter des FC Bayern mit Flüchtlingshintergrund, wird ungeklärt bleiben. Der betroffene Bayern-Angestellte soll vollumfänglich bei den Ermittlungsbehörden ausgesagt haben. Der FC Bayern war auf diese Vorwürfe nie eingegangen.

Andere Klubs lehnen Bewerbungen ab

Auch der FCN geht in seiner Stellungnahme auf solche Details, die dem Verein mittlerweile bekannt sind, nicht ein. Auch ein Fragenkatalog von Sport inside zu diesem Thema beantwortete der Verein nicht. Es scheint, als sei der "Club" in gewisser Weise auch Opfer der mangelhaften Aufarbeitung des Skandals durch den FC Bayern, der den Skandal allein auf die rassistischen Äußerungen in der internen Chatgruppe von Scouts und Trainern beschränken wollte.

Die zahlreichen Wortmeldungen von Trainern und betroffenen Eltern gegenüber Sport inside – auch die Briefe und Gespräche mit Eltern, die sich direkt an die Campus-Leiter Sauer und den inzwischen vom Campus abgezogenen Hermann Gerland gewandt hatten - blieben von Bayern stets unkommentiert. Auch diesmal ließ der FC Bayern Fragen zum Thema unbeantwortet.

Der 1. FC Nürnberg sagt nun: Man wisse, dass man künftig sorgsamer mit dem Thema Rassismus umgehen müsse. Andere Vereine haben das besser gelöst. Sie haben Bewerbungen der beiden Trainer vom Bayern-Campus rigoros abgelehnt.

Rassismus-Verdacht auf dem FC Bayern Campus Sportschau 23.08.2020 08:44 Min. Verfügbar bis 23.08.2021 Das Erste

Stand: 02.05.2021, 15:20

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