"Keine Quarantäne?" - Fußballprofi Verstraete zeigt sich besorgt, 1. FC Köln reagiert

Birger Verstraete im Training des 1. FC Köln am 24. April 2020

Bundesliga: Positive Corona-Tests beim 1. FC Köln

"Keine Quarantäne?" - Fußballprofi Verstraete zeigt sich besorgt, 1. FC Köln reagiert

Von Chaled Nahar

Beim 1. FC Köln sind drei Personen positiv auf Covid-19 getestet worden. Der negativ getestete FC-Spieler Birger Verstraete äußert sich in einem Interview in Belgien: Er habe vor den Tests mit zwei Infizierten gemeinsam trainiert, auch zu der dritten Person habe er Kontakt gehabt. Nun mache er sich Sorgen um sich selbst und sein Umfeld. Später veröffentlichte der Verein eine Erklärung dazu.

FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle bestätigte, dass es sich bei den drei Infizierten um zwei Spieler und einen Mitarbeiter handele. Verstraete hatte nach eigener Darstellung zu allen drei positiv Getesteten Kontakt. "Der Physiotherapeut hat mich und andere Spieler wochenlang behandelt. Und mit einem der beiden fraglichen Spieler habe ich am Donnerstag im Kraftraum ein Duo gebildet", sagte Verstraete am Samstag (02.05.2020) im Gespräch mit dem flämischen Fernsehsender "VTM". Beide Spieler seien zudem in seiner Trainingsgruppe gewesen.

Verstraete: "Der Sinn steht mir nicht nach Fußball"

Verstraete sagte, dass er mit weiteren positiven Tests rechne, möglicherweise auch bei sich selbst. "Wir trainieren in zwei Gruppen und du weißt, dass die Jungs dir dabei extrem nah gekommen sind. Der Test wurde am Donnerstag um 16 Uhr gemacht, davor waren wir von 9 bis 15 Uhr konstant zusammen. Wir haben uns zusammen fit gehalten, zusammen trainiert. Dieser Test von Donnerstag kann nicht nachweisen, ob ich selbst positiv bin. Und deshalb werden morgen alle erneut getestet", sagte Verstraete am Samstag der Zeitung "Het Laatste Nieuws" zufolge, die das Interview dokumentierte.

"Das Virus zeigt einmal mehr, dass man es ernst nehmen muss. Es liegt nicht an mir, zu entscheiden, was mit der Bundesliga geschehen soll. Aber ich kann sagen, dass mir der Sinn nicht nach Fußball steht", sagte der 26-Jährige, der im Sommer von KAA Gent zum 1. FC Köln gewechselt war.

Er verwies auf seine Freundin, die wegen einer Vorerkrankung zu einer Risikogruppe gehöre. "Das ist mir viel wichtiger. Ich möchte, dass alle gesund sind, bevor wir wieder Fußball spielen." Verstraete bestätigte die Darstellung der Kölner, dass die Infizierten keinerlei Symptome gezeigt hätten. "Nicht einmal ein Husten", sagte er.

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Kölner Gesundheitsamt verordnet keine Quarantäne

Das Gesundheitsamt der Stadt Köln ist zuständig für die Fälle. Die Behörde teilte auf Anfrage von sportschau.de am 3. Mai mit: "Die infektionshygienischen Ermittlungen haben keine Kontaktpersonen der Kategorie 1 ergeben.  [...] Die beiden positiv getesteten FC Spieler und der Physiotherapeut sind in eine 14-tägige Quarantäne versetzt worden. Die übrigen Spieler, die an den Trainings teilnehmen, sind aufgrund des umgesetzten Hygienekonzeptes lediglich als Kontaktpersonen 2. und 3. Grades einzustufen. Die Mannschaft und die Personen, die unmittelbar mit den Spielern arbeiten, werden eng getaktet durch einen hygienebeauftragten Arzt getestet."

Personen, die mit infizierten Menschen in Kontakt waren, sind sogenannte Kontaktpersonen. Diese werden vom Robert Koch-Institut (RKI) in drei Kategorien eingeteilt.

Das bedeuten die Kategorien bei Kontaktpersonen

Eine Kontaktperson der Kategorie 1 müsste wie der infizierte Mensch selbst in Quarantäne. Gemeint sind Menschen, die laut RKI "kumulativ mindestens 15-minütigen Gesichtskontakt" hatten, beispielsweise in einem persönlichen Gespräch ohne Distanz.

Eine Kontaktperson der Kategorie 2 (mit einem geringeren Infektionsrisiko) muss selbst nicht in Quarantäne. Und dort verortet das Amt die restlichen Kölner Spieler, die nun weiter trainieren sollen. So auch Verstraete, der sich darüber wundert: "Wir müssen vorläufig nicht in Quarantäne, das ist schon ein bisschen bizarr."

"Nicht wir, sondern das Gesundheitsamt bewertet, auf wen dies zutrifft", sagte der Kölner Mannschaftsarzt Dr. Paul Klein in einem vom Klub veröffentlichten Interview mit Blick auf die Kategorisierung der Kontaktpersonen. "Nach diesen eindeutigen Kriterien gehen wir davon aus, dass durch die Maßnahmen im Trainingsbetrieb in Gruppen kein Spieler eine Kontaktperson der Kategorie 1 zu einem anderen Spieler ist."

Kritik aus der Politik an der DFL

Ein Warnsignal bleibt der Vorgang für die DFL trotzdem. Derzeit wird in der Bundesliga noch meist in Kleingruppen trainiert. Offen ist bislang, welche Auswirkungen ein positiver Test während des Mannschaftstrainings hätte. Dann stünde die Quarantäne von kompletten Teams im Raum - und der Spielbetrieb der Liga in Frage. Derzeit hofft die DFL, die Saison ab 16. oder 23. Mai in leeren Stadien zu Ende spielen zu können.

Dazu gibt es viel Kritik aus der Politik. "Wer mit Covid-19 trainiert, riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren. Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen", twitterte der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Sein Parteifreund Kevin Kühnert sagte dem "Münchner Merkur" und der "tz", dass die Gesellschaft unter der Coronakrise leide und mit den Auswirkungen kämpfe. "In so einer Phase möchte der Profifußball den Spielbetrieb wieder aufnehmen - das hat eine ungeheure negative Symbolkraft." Am Mittwoch (06.05.2020) beraten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten auch über die Bundesliga.

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DFL sieht Konzept tragfähig und den Nutzen bestätigt

Dass die drei positiven Tests in Köln das Gesamtkonzept der DFL in Frage stellen, verneinen die Verantwortlichen. Tim Meyer, Vorsitzender der Medizinischen Kommission des DFB und maßgeblicher Autor des Konzepts, wertete die Testergebnisse in einem Interview mit der ARD "im Rahmen der Erwartungen". Er sei "überzeugt, dass wir den Spielern mit unserem Konzept die Ausübung ihres Berufs unter bestmöglichem Infektionsschutz ermöglichen können". Alexander Wehrle, Geschäftsführer des 1. FC Köln und Mitglied des DFL-Präsidiums, verwies in einem Interview mit der Sportschau darauf, dass das Gesundheitsamt Köln das Hygienekonzept als tragfähig erachte. Die Tests hätten Risiken minimiert.

DFB-Arzt Meyer über Tests beim 1. FC Köln: "Durchaus im Rahmen der Erwartungen" Sportschau 02.05.2020 00:41 Min. Verfügbar bis 02.05.2021 Das Erste

Bayer Leverkusen, Werder Bremen und Eintracht Frankfurt vermeldeten derweil, dass ihre Tests bei Spielern und Betreuern allesamt negativ ausgefallen seien. Auch bei Borussia Dortmund gibt es laut eigenen Angaben keinen positiven Befund auf Covid-19.

Verstraete: "Gesundheit an erster Stelle"

Mittelfeldspieler Verstraete vom FC fühlt sich mit dem Vorgang offensichtlich unwohl. "Es könnte ein bisschen seltsam sein, dass einfach alles weitergeht", sagte er in dem Interview mit Blick auf die Fortsetzung der Bundesliga. "Wenn jeder Spieler anonym entscheiden könnte - ohne, dass der Verein dir etwas übel nehmen könnte - wäre ich sehr gespannt, wie das Stimmungsbild aussehen würde. Alle sagen das Gleiche: Die Gesundheit der Familie steht an erster Stelle."

Die Folgen der positiven Coronatests beim 1. FC Köln

Sportschau 01.05.2020 02:19 Min. Verfügbar bis 01.05.2021 ARD Von Christian Schulze

Reaktionen vom Sonntag

Update vom 3. Mai: Am Tag nach dem Interview Verstraetes im belgischen Fernsehen, trafen sich die FC-Verantwortlichen mit Verstraete und dessen Freundin zum Gespräch am Geißbockheim. Am Mittag veröffentlichte der Klub eine Mitteilung. Darin beruft sich der Klub auf teilweise missverständliche Übersetzungen Verstraetes, wonach positiv getestete Spieler weiter mittrainieren dürften.

Für die Sportschau hat sich ein Muttersprachler das Video angeschaut und keine Zweifel an der in diesem Text veröffentlichten Übersetzung.

Der 1. FC Köln zitiert Verstraete in der schriftlichen Mitteilung mit den Worten, dass er in Köln die Saison zu Ende spielen möchte, sich falsch verhalten habe, die Übersetzungen missverständlich seien - und dass seine Lebensgefährtin bis auf Weiteres nach Belgien ziehe.

Köln zieht weitere Corona-Tests vor und ist um Klarheit bemüht Sportschau 03.05.2020 02:16 Min. Verfügbar bis 03.05.2021 Das Erste

Stand: 03.05.2020, 14:34

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