FC Bayern München

"Don" Hansi "Jupp" Flick - von Bayerns Co- zum Meistertrainer

Bernd Schmelzer

Hansi Flick galt schon als ewiger Co-Trainer. Er war einer der Architekten des WM-Titels 2014, prägte neben Joachim Löw jahrelang die Nationalmannschaft und auch in München assistierte er zunächst Niko Kovac. Nach dessen Entlassung übernahm Flick beim Rekordmeister zum ersten Mal Verantwortung als Cheftrainer - mit beachtlichem Erfolg.

In der dritten Minute der Nachspielzeit des Spitzenspiels passiert es. Tatsächlich. Er schreit. Zürnt. Schäumt geradezu vor Wut. Naja, für seine Verhältnisse halt. Bayern-Trainer Hansi Flick fuchtelt an der Seitenlinie der leeren Dortmunder Arena. Er ruft etwas auf den Platz Richtung Schiedsrichter Tobias Stieler. Der kann ihn jedoch schnell beruhigen. Hansi Flick, so, wie man ihn prinzipiell gar nicht kennt. Den netten Herrn Flick von nebenan. Den "Jupp" Flick, wie ihn die DPA inzwischen nennt.

Seit November vergangenen Jahres hat sich viel verändert beim FC Bayern. Und zwar nicht nur der Tabellenplatz. Mit der zunächst übergangsweisen Inthronisierung des ehemaligen Assistenten von Niko Kovac haben die Münchner einen Glücksgriff getan. Hans-Dieter, genannt "Hansi" Flick hat die Mannschaft kurzerhand auf links gedreht. Aus vier Punkten Rückstand auf Platz eins sind sieben Zähler Vorsprung geworden. Der achte Meistertitel in Folge scheint nur noch Formsache zu sein. Und Flick ist der Architekt des Erfolges.

Flick adelt Heynckes

Den Tiefpunkt, dieses 1:5 in Frankfurt, haben sie längst vergessen, die großen Bayern. Weil ihn Flick vergessen gemacht hat. Konstanz ist das Zauberwort, Stabilität genau wie Sensibilität. Was nach außen manchmal ein wenig holprig erscheint, funktioniert intern offensichtlich perfekt.

Bayern-Trainer Jupp Heynckes und Spieler Hansi Flick feiern sich im Sommer 1989 als deutschen Meister | Bildquelle: imago images/Fred Joch

Flick kommuniziert, wie er es von seinem Lehr-Meister offenbar gelernt hat. In den 1980er Jahren war er als Spieler unter Jupp Heynckes bei den Bayern aktiv - und adelte seinen Förderer kürzlich zum 75. Geburtstag. "Er war für mich mit Abstand der beste Trainer, den ich in meiner Profikarriere hatte", sagt Flick vor Wochen. "Er war mit seiner Art und Weise schon damals besonders."

"Triplen" hat einen gewissen Charme

Jetzt ist es der 55-Jährige selbst. Jemand Besonderes. Taktisch wie menschlich. Klare Vorgaben auf dem Platz, bemerkenswerte Moderation mit den bankdrückenden Stars, von denen kein, auch noch so klitzekleines, Aufmucken öffentlich zu hören ist. Und die sportliche Bilanz? Grandios. 18 Bundesliga-Spiele, 46 Punkte, dazu 81 Tore. Halbfinale im DFB-Pokal, die Runde der letzten acht in der Champions League so gut wie gesichert. Flick zwischen dribbeln und triplen - das hat einen gewissen Charme.

Schweinsteiger: Flick erinnert mich an Heynckes Sportschau 26.05.2020 00:20 Min. Verfügbar bis 26.05.2021 Das Erste

Müller müllert wieder

So ganz nebenbei hat er fast brach liegendes Potenzial wieder salonfähig gemacht. Thomas Müller ist ein Beispiel. Wahrscheinlich das Beste.

Hansi Flick und Thomas Müller | Bildquelle: imago images/Revierfoto

Seit Flick den Cheftrainer-Posten übernommen hat, müllert Müller wieder, ist er der Top-Scorer des FC Bayern, noch vor Robert Lewandowski. In den 18 Bundesliga-Partien der "neuen" Ära war der Ex-Nationalspieler an 20 Treffern beteiligt. An den ersten zehn Spieltagen unter Kovac gerade mal an vier.

Auch Jérôme Boateng wirkt unter Flick wie Boateng 2.0. Der Innenverteidiger sollte eigentlich verkauft werden, inzwischen ist er Stammspieler und fitter denn je.

Vom Co zum Chef

Pikanterweise musste Bayerns Chefetage lange von ihrem Glück überzeugt werden. Sieg um Sieg hangelten sich die Verantwortlichen mit Versprechungen hin und her. "Bis zur Winterpause" bleibe er sicher, "bis zum Saisonende", hieß es noch Ende Februar. Dann kommt Corona. Und plötzlich geht es ganz ganz schnell. Vertrag bis 2023 verlängert. Zwei Tage nach dem 1. April. Kein Scherz. Flick ist damit der erste Bayern-Trainer seit Pal Csernai (1979-1983), der es vom Co- zum "echten" Cheftrainer in Festanstellung gebracht hat. Schon wieder was für die Legenden-Bildung...

Flick: "Robert weiß um die Statistik" Sportschau 29.05.2020 00:28 Min. Verfügbar bis 29.05.2021 Das Erste

Arbeit im Unterholz

"Ein Verdienst der Mannschaft", oder: "das wollen wir jetzt nicht so hoch hängen". Irgendetwas in diesem Bereich würde Flick sicher antworten, käme es in einem Interview zu der Frage nach seinem persönlichen Anteil am aktuellen Erfolg der Bayern. Selbstdarstellung ist nämlich überhaupt nicht sein Ding.

Flick: "Können über Meisterschaft reden, wenn es sicher ist" Sportschau 26.05.2020 02:01 Min. Verfügbar bis 26.05.2021 Das Erste

Lieber "wuselt" er versteckt im Unterholz, stellt sein Team personell und taktisch schon für die kommende Saison auf. Weltmeister Miroslav Klose wird ab Sommer sein neuer Co, wichtige Spielerverträge sind langfristig verlängert worden, unter anderem der von Kapitän Manuel Neuer, der sich auch wegen Flick für den Verbleib in München entschieden hat. Leroy Sané kommt - wahrscheinlich. Einer mit Dampf, mit Perspektive, genau der Richtige für Flick.

Einer von ihnen

Hansi Flick (unten links) zusammen mit Trainer Heynckes beim Meisterfoto der Saison 1989/90 im Olympiastadion | Bildquelle: imago images/Fred Joch

Die Selbstverständlichkeit, mit der der gebürtige Heidelberger seinen Job beim "FC Hollywood" erledigt, beeindruckt inzwischen die gesamte Fußballszene. Cheftrainer-Erfahrung hatte Flick bis zu diesem Engagement schließlich nur im unterklassigen Bereich. Natürlich: Er war Assistent von Joachim Löw, acht Jahre, Weltmeister. Aber eigenverantwortlich in der Bundesliga? Oder anderswo in Europa? Fehlanzeige.

Dennoch kennt er das Geschäft. Er kennt Bayern. Flick ist einer von ihnen. Holte in seinen fünf Jahren als Bayern-Spieler sechs Titel (85-90). Hansi Flick ackerte im Mittelfeld. Fleißig, häufig unauffällig. Tugenden, die ihn auch heute noch charakterisieren. Vielleicht gar sein Erfolgsgeheimnis sind. Schon jetzt ist Flick ein großer Gewinner der Saison. Dass er mal richtig losbrodelt, wie jetzt in Dortmund, wird aber sicher weiter die Ausnahme bleiben.