Wie die Pandemie das Fußball-Scouting verändert

Bildschirme mit Live-Daten der Fußball-Bundesliga.

Verstärktes Daten- und Videoscouting in der Bundesliga

Wie die Pandemie das Fußball-Scouting verändert

Von Luise Kropff

Das Klischee eines Scouts in der Fußball-Bundesliga ist eher ein romantisches. Die Scouts legen mit Auto und Flugzeug Tausende von Kilometern zurück. Notizbuch in der linken, Fernglas in der rechten Hand. Alle haben das gleiche Ziel: den perfekten Spieler zu finden, den hoffentlich kein anderer Verein auf dem Zettel hat. In der Corona-Pandemie geht das nicht mehr so einfach.

Seit dem Frühjahr 2020 ist der Fußballscout mehr zum Schreibtischarbeiter geworden. "Wir müssen sicherlich auch darüber nachdenken, uns möglicherweise im Scouting ein bisschen breiter aufzustellen, was Videoscouting betrifft", sagt Uwe Klein, in der ersten Hochphase der Corona-Welle noch Chefscout, heute Sportvorstand von Fortuna Düsseldorf.

Er verrät, wie man es anstellt, mitten in einer Pandemie geeignete Spieler für den Kader zu finden. Video- und Datenscouting sind die Stichworte. Dabei ist diese Herangehensweise eigentlich nichts wirklich Neues.

Hochauflösende Kameras in allen Stadien

Schon seit Jahren arbeiten Bundesligisten mit Plattformen zusammen, die massenhaft Video-Material und Datenmengen über Spieler zur Verfügung stellen. Die Bundesliga unterhält eine eigene Datenbank. Hochauflösende Kameras in den Stadien erfassen die Positionen der Spieler und des Balles. Wie viele Pässe wurden gespielt? Wie viele davon sind angekommen? Wie viel ist ein Spieler gelaufen und vor allem: Wo war der Spieler in welcher Spielsituation auf dem Feld unterwegs?

Mit dem Transferfenster mitten in der Corona-Pandemie sind diese Videos und Daten viel wichtiger geworden. "Scouts haben viel mehr Videos gesichtet. Sie haben sich viel mehr mit Datenscouting auseinandergesetzt. Das sind natürlich alles Dinge, die einen viel größeren Stellenwert haben in der heutigen Zeit", erzählt Prof. Dr. Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule in Köln.

Erst die Daten, dann die Reise

Prof. Dr. Daniel Memmert von der Deutschen Sporthochschule in Köln

Spielanalyst Memmert: "Corona verändert Scouting grundlegend."

Memmert war selbst 15 Jahre bei der TSG Hoffenheim als Spielanalyst tätig. Seine Vermutung: Die Corona-Pandemie könnte den Workflow der Scouts in der Bundesliga nachhaltig verändern: "Ich glaube tatsächlich, dass diese Pandemie dazu geführt hat und auch dazu führen kann, dass sich das Scouting grundlegend verändert. Und natürlich auch ökonomischer wird."

Denn Vereine, die anhand von Daten eine kluge Vorauswahl treffen, bevor sich ihre Scouts ins Auto setzen, können Geld und Zeit sparen. So zumindest die Theorie. Denn noch sind nicht alle Vereine in der Bundesliga soweit, dass sie verstärkt auf das Daten- und Videoscouting setzen.

Mehr Druck auf der Datenleitung

Der Blick in die USA zeigt: Andere Sportarten und Ligen sind da schon deutlich weiter. "Im Eishockey ist es so, dass du anhand der Daten und Statistiken den Spieler schon holen kannst. Also du kriegst, was du kaufst. Er bringt es aufs Eis. Das ist im Fußball ein bisschen anders", erzählt Thomas Eichin, heute Leiter des Nachwuchszentrums von Bayer Leverkusen, früher Geschäftsführer des Eishockeyklubs Kölner Haie.

Auf dem Weg, den perfekten Spieler für den eigenen Kader zu finden, wirkt die Pandemie als Beschleuniger der digitalen Datenleitung. Und wenn man Scouting-Experte Memmert hört, dann kommt über die Leitung in Zukunft noch mehr. Denn Daten, die über das normale Passspiel hinausgehen, sind im Scouting besonders wertvoll.

Alogrithmen als Schlüssel beim Scouting

"Es wird immer mehr Algorithmen geben, immer mehr Möglichkeiten, tatsächlich auch aus den Spielen Daten zu gewinnen, an die wir heute noch gar nicht denken. Wir wissen, dass es eher darauf ankommt, was der Spieler wahrnimmt, wo seine Aufmerksamkeit ist. Kreativität ist ein wichtiger Faktor. Wie variabel ist ein Spieler? Kann er Dinge antizipieren? Die kognitiven Faktoren, also alles, was im Kopf passiert, das zeichnet einen richtig guten Spieler aus", führt Memmert aus.

In verschiedenen Projekten an der Deutschen Sporthochschule versucht Memmert, diese Indikatoren in Zukunft genau erfassen zu können. Sein Forscherteam kann zum Beispiel schon ermitteln, wer unter Druck die wirklich effizienten Pässe spielt. In Zukunft könnten Scouts auf dieser Grundlage in Sekundenschnelle zum Beispiel die besten Sechser der Welt herausfiltern.

Bis es aber so weit ist, sind Daten und Videos nur die halbe Wahrheit. Für die ganze Wahrheit muss der Bundesliga-Scout im Moment doch noch die dicke Jacke einpacken und ins Auto steigen.

Stand: 19.10.2020, 10:30

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