Der Kampf ums Überleben: Bremen besorgt, Frankfurt beruhigt

Adi Hütter und Florian Kohfeldt im Gespräch

Existenzsorgen in der Bundesliga

Der Kampf ums Überleben: Bremen besorgt, Frankfurt beruhigt

Von Frank Hellmann

Selbst die Deutsche Fußball Liga (DFL) gibt zu, dass die Coronakrise einige Bundesligisten sehr bald in den Ruin treiben könnte. Doch die Situation stellt sich sehr unterschiedlich dar: Ein Verein wie Werder Bremen ist akut bedroht, Eintracht Frankfurt dagegen gut abgesichert. sportschau.de schildert zwei Fallbeispiele.

Mit fast dramatisch anmutender Wortwahl hat Christian Seifert, Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), den Kampf ums Überleben ausgerufen. Sollten für den Rest der Saison wegen der Coronavirus-Krise die Einnahmen durch Medien, Sponsoren und Zuschauer für längere Zeit ausbleiben, dann gehe das nicht lange gut.

Der 50-Jährige ging in seiner Vorhersage nach der Mitgliederversammlung sogar so weit, dass bei der kategorischen Ablehnung von "Geisterspielen" sich keiner mehr Gedanken mehr machen müsse, "ob wir mit 18 oder 20 Profi-Klubs spielen, denn dann wird es keine 20 Profi-Klubs mehr geben". Aber wer ist wirklich von der Pleite bedroht?

Werder Bremen hatte nur ein schmales Polster

Bedroht sind jene Vereine, die wenig Eigenkapital besitzen. Die meisten Klubs, sagte Seifert, seien in diesem Bereich gut aufgestellt. Laut Wirtschaftsreport der DFL 2020 hatte allein die Bundesliga mit Stichtag 30. Juni 2019 das kumulierte Eigenkapital auf 1,8 Milliarden Euro gesteigert, die Eigenkapitalquote betrug 47,7 Prozent. Nur ist dieses Geld offenbar sehr ungleich verteilt. 

Zu den großen Sorgenkindern gehört jener Klub, der mit der DFL wegen der Polizeikosten für Bundesligaspiele im Clinch liegt: Werder Bremen. Kein Klub ist inzwischen länger in der Bundesliga (56 Jahre), die Grün-Weißen belegen Platz drei der Ewigen Tabelle, haben vier Mal in ihrer Bundesligazeit die Meisterschaft gewonnen. 

Geringer Gewinn

Und doch hat Werder nicht so gewirtschaftet, wie es sich für hanseatische Kaufleute gehört. Zwar kletterte der Konzernumsatz nach der erfolgreichen Saison 2018/2019 auf 157,1 Millionen Euro, aber trotz eines guten achten Platzes und dem Einzug ins DFB-Pokalhalbfinale blieb nach Steuern nur ein schmaler Gewinn von 3,5 Millionen Euro hängen. 

Das Eigenkapital betrug zum 30. Juni 2019 gerade einmal 13,6 Millionen, ist aber jetzt  deutlich geschmolzen. Der Vorstandsvorsitzende Klaus Filbry sagt: "Die wirtschaftliche Herausforderung ist sehr groß. Wir haben es mit vielen Variablen zu tun, wie wir bewerten müssen. Wir sind zuversichtlich, dass wir die Situation kurz- und mittelfristig bewältigen können." Der SV Werder stehe definitiv nicht am Abgrund – aber weit davon entfernt ist er offenbar auch nicht mehr. 

Eintracht Frankfurt hat Speck angesetzt

Ganz anders ist die Lage bei Eintracht Frankfurt. Die Hessen zählen zu jenen Klubs, die über eine ordentliche Eigenkapitalausstattung verfügen. In der offiziellen Stellungnahme der Eintracht zur Coronakrise ist denn auch von wirtschaftlichen Engpässen keine Rede. Wenn der Klub auf DFL-Aufforderung nun "alle möglichen Zukunftsszenarien hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit" durchspielen muss,  baut sich am Main nicht ansatzweise eine solche Drohkulisse wie an der Weser auf. 

Einfacher Grund: Manager Fredi Bobic hat 2016 aus fast denselben Voraussetzungen – beide Vereine standen sich damals am letzten Spieltag in einem Endspiel um die Relegation gegenüber – viel mehr gemacht. Sportlicher Erfolg führt zu wirtschaftlicher Stärke.

Aushängeschild der Mittelklasse

Die Eintracht erreichte zweimal das Pokalfinale, spielt das zweite Mal in der Europa League. Die internationale Bühne ist der große Wachstumstreiber, hat Vorstand Axel Hellmann oft genug betont. Der Klub sieht sich als Aushängeschild der Mittelklasse, kann sich vor Mitgliedern kaum retten, baut auf dem Gelände vor der Arena einen eigenen Campus für die Profis, vermarktet das Stadion bald in Eigenregie. 

Rekordsumme für "Büffelherde"

Der Verkauf der so genannten "Büffelherde" (Luka Jovic, Sébastien Haller, Ante Rebic) spülte im Sommer 2019 Rekordsummen in die Kassen. Als Finanzvorstand Oliver Frankenbach im September 2019 die Kennzahlen vorstellte, schlackerten viele mit den Ohren. Der Umsatz war bereits auf 201,4 Millionen Euro gewachsen. Diese Saison hätte der Klub – ohne die Coronakrise  - bereits an den 300 Millionen gekratzt. Das Eigenkapital war im vergangenen Sommer auf 34,6 Millionen gestiegen. Ein guter Puffer. Aber: Aus der letzten Fernsehrate stünden der Eintracht im Mai rund 20 Millionen zu. Fehlt dieses Geld, geht es an die Rücklagen.

Allofs schrieb immense Verluste

Trotzdem ist Frankfurt  beruhigt, wo Bremen besorgt ist. Wie konnte das bei einem Leuchtturm der Region und fast ewigen Bundesligisten mit nur einem Jahr Fehlzeit (1980/81) passieren? Dafür war die Phase als Dauergast der Champions League (2004 bis 2009) Fluch und Segen zugleich: Als die fetten Jahre in der Königsklasse abrupt endeten, fiel es schwer, den Kostenapparat anzupassen. Boss Klaus Allofs ging noch Jahre danach ins Risiko und schrieb immense Verluste. An anderen Stellen wurde und wird aus Überzeugung nicht gespart. 

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Von den Angestellten ist "keiner über"

Vom üppig bestückten Mitarbeiterstab mit 180 Angestellten ist laut Präsident Hubertus Hess-Grunewald auch in der größten Krise "keiner über", die sozialen Projekte oder die CSR-Abteilung standen nie auf dem Prüfstand. Der in einer GmbH & Co KGaA organisierte SV Werder hat nicht allzu viele Stellschrauben, seine Kosten zu reduzieren, ist aber im Gegenzug auf die TV-Einnahmen angewiesen: Die letzte Tranche der nationalen Medienerlöse und internationalen Vermarktungsrechte würde Werder 16 Millionen Euro bringen – sie ist überlebenswichtig. Deshalb sagt auch Filbry: "Wir müssen auf jeden Fall versuchen, die Saison – wenn es dann gesundheitlich vertretbar ist - auch zu Ende zu spielen."

Prognosen fallen gerade schwer

Wie lange die Bremer durchhalten können oder mit Krediten die Lage überbrücken, will der 53-Jährige nicht genau sagen. "Es ist eine Ausnahmesituation, in die wir unverschuldet gekommen sind. Daher ist es schwer, Prognosen abzugeben." Viele Faktoren würden die Finanzlage der nahen Zukunft beeinflussen: Wann kann der Dauerkartenverkauf beginnen? Kann nächste Saison mit Zuschauern gespielt werden? Wird die nächste Fernsehrate überwiesen? Wie wirkt sich die Krise auf Partner und Sponsoren aus?

Vieles auf Kante genäht

Gerade in dieser Saison haben die Norddeutschen vieles auf Kante genäht. Der finanzielle Spielraum im Sommer war nach dem ablösefreien Weggang von Max Kruse und den Verpflichtungen von Niklas Füllkrug und Marco Friedl für knapp zehn Millionen Euro schnell verbraucht. Schon Wunschkandidat Michael Gregoritsch konnte sich Werder eingedenk einer zweistelligen Ablöseforderung des FC Augsburg nicht leisten. 

Auf das Verletzungspech wurde mit den späten Leihgaben von Ömer Toprak (Borussia Dortmund) und Leo Bittencourt (TSG Hoffenheim) reagiert. Kaufoptionen greifen erst im Sommer und nur beim Klassenerhalt. Wegen der katastrophalen Hinrundenbilanz als Vorletzter legte der Abstiegskandidat im Winter nach, lieh Davie Selke (Hertha BSC) aus - dafür würde erst 2021 ein zweistelliger Millionenbetrag fällig. Bei Kevin Vogt (Hoffenheim) wurde erst gar keine Kaufoption vereinbart. 

Finanzierung in die Zukunft gelegt

Schon jetzt beschäftigen die Bremer einen Kader, dessen Finanzierung in die Zukunft verlagert wurde. Nun ist das wackelige Gebilde noch vom Virus infiziert. Schon vier, fünf "Geisterspiele" würden bei Werder dem Vernehmen nach für Liquiditätsengpässe sorgen.

Filbry äußerte sich zu Lösungen bislang nur vage: "Die Situation ist für alle Vereine ernst. Ich kann heute noch keine Lösung präsentieren, denn dafür sind einfach zu viele Bälle in der Luft."  Gleichzeitig spricht er von "wirtschaftlichen Herausforderungen, die alle in der Bundesliga an die Grenze der Belastbarkeit bringen werden." Seinen Verein aber eher als andere.

Werder zahlt alleine

Deshalb will die Bremer Geschäftsführung trotz des schwer belasteten Verhältnisses mit der Stadt reden. Die langfristige Rückzahlung für den beim Umbau des Weserstadions aufgenommenen Kredit wird über die Weserstadion GmbH abgewickelt, an der Stadt und Verein beteiligt sind - aber Werder zahlt alleine.

Doch ob die Politik in dem hoch verschuldeten Stadtstaat seinen wichtigsten Fußballverein als größten Werbeträger unterstützt, wo ganz andere Bereiche der Wirtschaft und Leistungsträger der Gesellschaft bald wohl vor existenziellen Problemen stehen, erscheint als äußerst fraglich. 

Paderborns Geschäftsführer Przondziono: "Wir als kleinerer Verein können größere Probleme bekommen" Morgenmagazin 17.03.2020 04:06 Min. Verfügbar bis 17.03.2021 Das Erste

Stand: 17.03.2020, 09:00

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