Schiedsrichter Bastian Dankert checkt den VAR-Screen

Fußball | Videoschiedsrichter VAR abschaffen? Nein, der Videobeweis bringt den Fußball nach vorne

Stand: 26.04.2022 23:01 Uhr

Woche für Woche sorgt der Videobeweis im Profifußball für Diskussionen - dabei sollte er diese doch beenden. Also kann man den VAR auch wieder abschaffen, oder? Nein, sagt Sportschau-Reporter Michael Buchartz.

Contra: Der VAR bringt den Fußball nach vorne - von Michael Buchartz

Natürlich kann man darüber streiten, warum der VAR bei einem Foul nicht eingeschritten ist - etwa als Jude Bellingham nach einer Grätsche von Bayerns Benjamin Pavard zu Boden ging. Man konnte früher schon streiten über den VAR. Ihn aber komplett infrage zu stellen, ist völlig überzogen.

Denn wie es bereits vor seiner Einführung zu Entscheidungen des Schiedsrichters gefühlte 80 Millionen unterschiedliche Meinungen gab, wird es sie auch mit dem VAR geben.

Der Grund ist einfach und hat wenig mit den Regelprofis im “Kölner Keller” zu tun: Wo Menschen über Regeln entscheiden, die Graubereiche und Sichtweisen erlauben, gibt es Unterschiede in der Betrachtung.

Mehrzahl der Eingriffe korrekt

Fakt ist: Die weit überwiegende Zahl der Eingriffe des VAR ist richtig. Der DFB stellte im Herbst eine erste Bilanz der laufenden Spielzeit vor und sprach darin von 96 Prozent korrekter Eingriffe.

Ich bin sicher nicht immer der Meinung des DFB bei den Entscheidungen des VAR. Dennoch liegt er in der deutlich überwiegenden Zahl der Eingriffe in meinem Empfinden richtig.  

Umsetzung in vielen Sportarten einwandfrei

Fakt ist außerdem: Der Videobeweis funktioniert im Sport grundsätzlich oft ohne Probleme. Eishockey, Tennis, American Football, Handball oder selbst der Hochgeschwindigkeits-Sport Tischtennis sind nur einige Beispiele dafür. Die Umsetzung und Handhabung sind verschieden – die Akzeptanz ist überall gegeben.

Nur nicht im Fußball. Und genau hier fängt das Problem mit dem VAR an. Der Videobeweis an sich scheint eben nicht das Problem zu sein, sondern seine Umsetzung in des Deutschen liebste Nebensache.

Kritik nicht am Gesamtprodukt

Der Unmut vieler Kritiker basiert nicht darauf, dass ein Videobeweis überhaupt keinen Sinn hat, sondern darauf, dass er aktuell intransparent und in kaum nachvollziehbaren Bahnen abläuft. Der sogenannte Kölner Keller soll sich nur bei klaren Fehlentscheidungen einschalten.

Doch wann ist eine Fehlentscheidung eine Fehlentscheidung? Warum schaltet sich der VAR bei dem klaren, schon angesprochenen Foul an Jude Bellingham zum Beispiel nicht ein?

Auf der Anzeigetafel in einem Stadion ist der Schriftzug "VAR" für Video Assistent Referee zu sehen.

Transparenz und Einheitlichkeit notwendig

Wie der Videobeweis gut funktionieren kann, zeigte die WM 2018: Dort schaute sich der Schiedsrichter die Situationen selbst am Spielfeldrand an und entschied daraufhin auf dem Rasen. Dazu wurde die Szene für die Zuschauer ebenfalls eingeblendet. Das schaffte Transparenz und Vertrauen – und brachte der FIFA viel Lob für die Handhabung ein.  

Will man den VAR für die Masse verständlich machen, sind Einheitlichkeit und Transparenz zwingend erforderlich. Da hat der DFB noch Nachholbedarf, keine Frage: Es gibt aus verschiedenen Gründen keine Bilder auf der Leinwand, es gibt keine genauere Erklärung, warum wie entschieden wurde.

Zeit für spielentscheidende Szenen investieren

Doch Einblendungen wie bei der WM 2018 müssen kommen, will man dem VAR Akzeptanz verleihen. Und apropos Transparenz: Warum beispielsweise den Funkverkehr nicht öffentlich machen bei der Entscheidungsfindung?

Was bei alledem kein Argument sein kann und darf: wie lange etwas dauert. Wo auf dem Rasen Fußballprofis oft Zeit schinden durch diverse eher unsportliche Aktionen, sollte dem Unparteiischen und seinem Team mindestens die Zeit gegeben werden, um spielentscheidende Szenen zu betrachten.

Videoassistcenter in Köln

Ideen dürfen nicht tabu sein

Und selbst diese Frage muss erlaubt sein: Warum nicht die Zeit während des Videobeweises anhalten? Auch da sind andere Sportarten dem Fußball voraus.

Das würde weitere Ideen mit sich bringen: Sind Challenges für Trainer – beispielweise wie im American Football – vielleicht der bessere Weg für den VAR und den Schiedsrichter?! Im American Football haben die Trainer die Möglichkeit, zweimal pro Spiel einen Videobeweis anzufordern.

Ein Blick über den Tellerrand täte dem Fußball durchaus gut und könnte den Video Assistant Referee noch besser machen, als er ohnehin schon ist.